Der puderweiße Sand, durch den du an einem Traumstrand auf den Malediven oder in der Karibik läufst, war einmal etwas ganz anderes: der Kot von Papageienfischen. Ein einziger großer Fisch scheidet pro Jahr bis zu einer Tonne feinen Kalksand aus – und an manchen Küsten stammt genau daher der Großteil des Strandes.
Stimmt das wirklich?
Ja, und die Zahlen sind erstaunlich hoch. Meeresbiologen schätzen, dass an weißen Stränden der Karibik und auf Hawaii bis zu 70 Prozent des Sands durch den Darm von Papageienfischen gegangen sind. Für die Malediven kursieren sogar Schätzungen von bis zu 85 Prozent.
Wie viel ein Fisch dazu beiträgt, hängt stark von Art und Größe ab. Kleine Tiere liefern nur ein paar Kilogramm im Jahr, große Arten dagegen enorme Mengen: Für den karibischen Riesen Chlorurus gibbus werden über 900 Kilogramm pro Jahr genannt, und die Spanne über alle Arten hinweg reicht von unter 3 bis über 5.000 Kilogramm pro Tier und Jahr. Eine der oft zitierten Faustregeln: Ein großer, ausgewachsener Papageienfisch produziert mehr als eine Tonne Sand jährlich.
Warum ist das so?
Papageienfische (Familie Scaridae, rund 90 Arten) fressen nicht die Koralle selbst, sondern die feinen Algen, die auf dem Korallenkalk wachsen. Beim Abraspeln nehmen sie unweigerlich Stücke des harten Kalkskeletts mit auf. Ihren Namen tragen sie wegen ihres schnabelartigen Gebisses aus verschmolzenen Zähnen, mit dem sie das Riff regelrecht abknabbern.
Verschluckte Korallenbrocken landen dann in einer zweiten Mahlstation: der Schlundmühle, einem Satz kräftiger Zahnplatten tief im Rachen. Dort wird das Calciumcarbonat zu feinstem Pulver zermahlen. Die Algen werden verdaut, der unverdauliche Kalk wandert weiter und verlässt den Fisch als feiner, strahlend weißer Sand. Chemisch ist dieser Sand nichts anderes als das ehemalige Korallenskelett – nur eben pulverisiert und ausgewaschen, ohne organische Reste.
Noch verrückter
Damit dieses Dauermahlen überhaupt funktioniert, braucht der Fisch außergewöhnliches Werkzeug. Eine Untersuchung am Lawrence Berkeley National Laboratory (2017) zeigte, dass die Zähne aus Fluorapatit bestehen und mit einer Härte von rund 7,3 Gigapascal zu den härtesten bekannten Biomineralen überhaupt gehören – härter beißt in der Natur praktisch nur die Käferschnecke. Winzige Kristalle sind dabei zu ineinander verwobenen Bündeln verflochten, was die Zähne extrem abriebfest macht.
Dieser Appetit auf Riffgestein hat eine wichtige Kehrseite: Papageienfische sind bedeutende Bioerodierer. Eine Studie zu zwei hawaiianischen Arten fand, dass die größten Tiere (Scarus rubroviolaceus, 45 bis 54 Zentimeter) bis zu 380 Kilogramm Riffkalk pro Jahr abtragen – zusammen fraßen die beiden Arten rund 60 Prozent der Kalkproduktion des Vorderriffs weg. Was nach Zerstörung klingt, ist in Wahrheit Pflege: Indem die Fische wuchernde Algen kurz halten und blanke Kalkflächen freilegen, schaffen sie erst die Oberflächen, auf denen sich junge Korallen ansiedeln können. Weniger Papageienfische bedeuten in vielen Riffen mehr Algen, weniger Nachwuchs bei den Korallen – und langfristig weniger frischen Sand für den Strand.
Quellen
- University of Hawaiʻi, Exploring Our Fluid Earth: „Weird Science: Parrotfish and Sand“
- Ong & Holland (2010), Marine Biology (Springer): „Bioerosion of coral reefs by two Hawaiian parrotfishes“
- Marcus, Miserez, Gilbert et al. (2017), ACS Nano / Berkeley Lab: „Parrotfish Teeth: Stiff Biominerals…“
- Perry et al. (2015), Maldiven-Sedimentstudie zu Papageienfisch-Sedimentproduktion
Häufige Fragen
Wie viel Sand produziert ein Papageienfisch pro Jahr?
Ein großer erwachsener Papageienfisch kann über eine Tonne Sand pro Jahr ausscheiden. Je nach Art und Größe reicht die Spanne von wenigen Kilogramm bis über 5.000 Kilogramm pro Tier und Jahr.
Besteht Strandsand wirklich aus Fischkot?
An vielen tropischen Stränden ja: In der Karibik und auf Hawaii stammen bis zu 70 %, auf den Malediven Schätzungen zufolge bis zu 85 % des weißen Sands aus Papageienfisch-Ausscheidungen.
Wie macht ein Papageienfisch aus Korallen Sand?
Er raspelt Algen und Korallenstücke ab, zermahlt das harte Kalkskelett mit kräftigen Zahnplatten im Rachen (der Schlundmühle) und scheidet es als feines weißes Calciumcarbonat wieder aus.
Ist Papageienfisch-Sand schmutzig oder gefährlich?
Nein. Es ist reines, ausgewaschenes Calciumcarbonat – also feiner Kalksand, chemisch dasselbe Material wie das Korallenskelett, ohne organische Reste.
Warum sind Papageienfische wichtig für Korallenriffe?
Sie halten wuchernde Algen kurz und legen blanke Kalkflächen frei, auf denen sich junge Korallen ansiedeln können. Deshalb gelten sie als Schlüsselart für gesunde Riffe.
