Eine Schlange züngelt nicht, um zu drohen oder zu zischen – sie riecht damit. Die gespaltene Zunge fängt beim schnellen Vorschnellen winzige Duftmoleküle aus der Luft und von Oberflächen ein und liefert sie an das Jacobson-Organ am Gaumendach. Dort werden die Partikel ausgewertet. Das Züngeln ist also kein Show-Reflex, sondern der wichtigste Geruchssinn der Schlange.
Stimmt das wirklich?
Ja. Schlangen besitzen zwar Nasenlöcher, doch ihr feinster chemischer Sinn sitzt nicht in der Nase, sondern im Jacobson-Organ (auch Vomeronasalorgan genannt) – einem Paar sackförmiger Sinnesgruben im Gaumendach. Beim Züngeln transportiert die Zunge die aufgenommenen Duftstoffe direkt zu den beiden Öffnungen dieses Organs. Die gespaltene Zungenspitze ist dabei kein Zufall: Sie arbeitet wie zwei getrennte Messfühler.
Weil die beiden Zungenspitzen die Duftkonzentration links und rechts unabhängig voneinander abgreifen, kann die Schlange erkennen, aus welcher Richtung ein Geruch kommt – ähnlich wie wir mit zwei Ohren die Richtung eines Geräuschs orten. So folgt eine Schlange der Duftspur eines Beutetiers oder eines paarungsbereiten Partners, selbst wenn sie nichts sieht.
Warum ist das so?
Der Trick steckt in der Anatomie. Die Zunge selbst hat keine Geschmacksknospen wie unsere – sie ist ein reines Transportwerkzeug für Moleküle. Beim Vorschnellen sammelt die feuchte, gegabelte Spitze Duftpartikel ein. Zieht die Schlange die Zunge zurück, werden die Partikel an die Sinnesepithelien des Jacobson-Organs abgegeben, wo Nervenzellen sie in Signale ans Gehirn übersetzen.
Praktisch: Viele Schlangen haben am oberen Rand ihres Mauls eine kleine Kerbe, durch die die Zunge herausschnellen kann, ohne dass das Maul geöffnet werden muss. So bleibt der Geruchssinn ständig aktiv, während die Schlange lauert. Und weil zwei getrennte Spitzen zwei getrennte Werte liefern, entsteht ein räumliches Geruchsbild – Fachleute sprechen von einem Duft-Gradienten, dem die Schlange gerichtet folgen kann.
Dieser Sinn ist der menschlichen Nase weit überlegen und übernimmt Aufgaben, die bei uns auf Augen, Nase und Zunge verteilt sind: Beute aufspüren, Fressfeinde erkennen, Artgenossen finden. Für ein Tier ohne Beine, Ohrmuscheln und mit oft mäßigen Augen ist das Züngeln das zentrale Fenster zur Welt.
Noch verrückter
Das Jacobson-Organ ist keine Schlangen-Exklusivität. Auch Echsen und der Waran züngeln nach demselben Prinzip – der Komodowaran spürt Aas über Kilometer damit auf. Selbst Säugetiere wie Katzen, Pferde und Rinder besitzen ein Vomeronasalorgan: Wenn ein Kater mit hochgezogener Oberlippe und starrem Blick verharrt (das sogenannte Flehmen), presst er Duftstoffe genau an dieses Organ.
Und der Mensch? Wir tragen die Anlage des Jacobson-Organs in der Nasenscheidewand, doch beim erwachsenen Menschen gilt es als funktionslos zurückgebildet. Was bei der Schlange der Hauptsinn ist, ist bei uns nur noch ein evolutionäres Überbleibsel – ein stummer Zeuge dafür, wie unterschiedlich Wirbeltiere ihre Umwelt schmecken und riechen.
Häufige Fragen
Warum züngeln Schlangen?
Schlangen züngeln, um zu riechen. Die gespaltene Zunge fängt Duftmoleküle aus der Luft und von Oberflächen ein und liefert sie an das Jacobson-Organ am Gaumendach, wo sie ausgewertet werden.
Was ist das Jacobson-Organ?
Das Jacobson-Organ (Vomeronasalorgan) ist ein Paar Sinnesgruben im Gaumendach der Schlange. Es analysiert die Duftstoffe, die die Zunge beim Züngeln aufnimmt, und ist der wichtigste Geruchssinn der Schlange.
Wozu ist die Schlangenzunge gespalten?
Die gegabelte Zungenspitze arbeitet wie zwei getrennte Messfühler. Dadurch erkennt die Schlange, aus welcher Richtung ein Geruch kommt, und kann einer Duftspur gezielt folgen.
Riechen Schlangen auch mit der Nase?
Schlangen haben Nasenlöcher, doch ihr feinster chemischer Sinn sitzt im Jacobson-Organ. Das Züngeln liefert die Duftpartikel dorthin und übertrifft den Geruchssinn der menschlichen Nase deutlich.
Haben nur Schlangen ein Jacobson-Organ?
Nein. Auch Echsen und Warane züngeln, und Säugetiere wie Katzen oder Pferde nutzen das Organ beim Flehmen. Beim erwachsenen Menschen ist es funktionslos zurückgebildet.
