Eine Vampirfledermaus, die zwei Nächte hintereinander kein Blut findet, verhungert. Ihre Rettung ist dann eine Nachbarin, die ihr aus dem eigenen Magen Blut hochwürgt — freiwillig, oft ohne jede Verwandtschaft. Die Tiere führen dabei Buch: Wer selbst satt gemacht wurde, gibt später zurück. Was eine Fledermaus abgibt, hängt stärker an dieser gemeinsamen Vorgeschichte als am Stammbaum.
Stimmt das wirklich?
Ja — und die Zahlen dahinter sind ungewöhnlich gut belegt, weil dieselbe Forschungsgruppe seit den 1980er-Jahren an der Frage sitzt.
Der Zeitdruck ist echt: Gemeine Vampirfledermäuse (Desmodus rotundus) leben ausschließlich von Blut und sterben nach rund 70 Stunden Fasten. Schon nach 60 Stunden ohne Nahrung verliert ein Tier bis zu einem Viertel seines Gewichts und kann seine Körpertemperatur nicht mehr halten. Zwei erfolglose Nächte reichen also für ein Todesurteil.
Und erfolglose Nächte sind Alltag. In Gerald Wilkinsons Freilandstudie auf einer Rinderfarm in Costa Rica scheiterten pro Nacht rund 7 Prozent der ausgewachsenen Tiere an ihrer Blutmahlzeit — bei den Jungtieren unter zwei Jahren waren es etwa 30 Prozent. Wen es trifft, scheint reiner Zufall zu sein: Innerhalb einer Altersgruppe erwischt es alle gleich häufig.
1984 veröffentlichte Wilkinson in Nature, was er in fünf Jahren gesehen hatte: 110 Fälle von Blutspende per Hochwürgen. 77 davon — 70 Prozent — gingen von einer Mutter an ihr Junges, also klassische Brutpflege. Die übrigen 30 Prozent liefen zwischen erwachsenen Tieren. Und dort fütterten Weibchen auch solche Nachbarinnen, mit denen sie nicht verwandt waren.
Der härteste Beleg kam 2013. Gerald Carter und Wilkinson ließen über zwei Jahre hinweg einzelne Tiere aus einer Kolonie von 20 Fledermäusen gezielt hungern und lösten so an 48 Tagen Fütterungen aus — 950 beobachtete Teil-Vorgänge. Das Ergebnis war eindeutig: Wie viel ein Tier zuvor von einem bestimmten Partner bekommen hatte, sagte seine eigene Spende 8,5-mal besser voraus als der Verwandtschaftsgrad. 64 Prozent der teilenden Paare waren überhaupt nicht miteinander verwandt.
Und wer geizig war — wird der bestraft?
Hier lohnt der genaue Blick, denn diese Geschichte wird oft eine Spur zu dramatisch erzählt.
Was die Daten hergeben: Die Tiere richten ihre Spenden nach dem, was sie von genau diesem Gegenüber bekommen haben. Ein Konto wird geführt, aber es ist ein Guthaben-Konto, kein Sündenregister. Wilkinson selbst formulierte 1990 auffällig vorsichtig — man habe bis dahin weder beweisen können, dass Betrüger im System existieren, noch dass sie aktiv ausgeschlossen werden.
Eine Bestrafung im moralischen Sinn gibt es also nicht. Die Kehrseite wirkt trotzdem: Wer nie gibt, baut keine Beziehung auf — und sitzt in der Nacht, in der die eigene Jagd schiefgeht, ohne Sicherheitsnetz da. Nicht Rache, sondern schlicht ein Konto ohne Einzahlungen.
Eine naheliegende Gegenerklärung ist damit übrigens auch vom Tisch: Man könnte vermuten, hungrige Tiere würden die satten so lange bedrängen, bis die entnervt etwas abgeben. Doch bei den Fütterungen zwischen erwachsenen Tieren gingen 62 Prozent vom Spender aus, nicht vom Bettler. Die Geber fangen selbst an.
Warum ist das so?
Die Antwort steckt in einer Kurve — und die ist der eigentliche Trick.
Wilkinson wog satt heimkehrende Weibchen und dann jede Stunde erneut, 24 Stunden lang. Ein vollgesogenes Tier bringt rund 130 Prozent seines Nüchterngewichts auf die Waage; die Hälfte davon pinkelt es schon in der ersten Stunde wieder heraus. Wer zwei Nächte nichts findet, liegt bei 80 Prozent — Endstation.
Der Gewichtsverlust verläuft dabei nicht gleichmäßig, sondern als steile Kurve. Und darin liegt der Clou: Am satten Ende ist ein Gramm Körpergewicht viel billiger als am hungrigen Ende. Gibt ein vollgefressenes Tier fünf Milliliter Blut ab und rutscht damit von 110 auf 95 Prozent seines Gewichts, kostet ihn das nur etwa sechs Stunden Restlaufzeit. Beim ausgehungerten Empfänger kaufen dieselben fünf Milliliter 18 Stunden — eine komplette zusätzliche Jagdnacht.
Sechs Stunden gegen 18. Der Tausch lohnt sich für beide, solange die Rollen sich über die Jahre umkehren. Genau das tun sie: Mal ist die eine erfolglos, mal die andere.
Dazu passt ein Detail aus dem Käfigversuch: Gefüttert wurden vor allem Tiere, die weniger als 24 Stunden zu leben hatten. Die Hilfe fließt dorthin, wo sie am meisten bewirkt — nicht wahllos an jeden, der in der Nähe hängt.
Bleibt die Frage, wie eine Fledermaus überhaupt weiß, wer ihr damals geholfen hat. Sie hat zwei Kanäle: Vampirfledermäuse geben individuell unterscheidbare Kontaktrufe von sich — jede Stimme ist erkennbar. Und sie verbringen mehr als 5 Prozent ihres Tages damit, sich gegenseitig das Fell zu putzen, fast immer mit denselben Partnerinnen.
Noch verrückter
Diese Bündnisse fallen nicht vom Himmel, sie werden verhandelt. Als Carters Team 2020 einander wildfremde Fledermäuse aus zwei weit entfernten Kolonien in Panamá zusammensetzte, lief die Annäherung in Stufen ab: erst gegenseitige Fellpflege, immer mehr davon — und erst dann, bei den Paaren, die diese Testphase überstanden hatten, die erste Blutspende. Die Tiere tasten sich mit kleinem Einsatz vor, bevor sie etwas Lebenswichtiges riskieren.
Und die Verbindungen halten: In Wilkinsons Untersuchungsgebiet hingen zwei Weibchen nach mehr als zwölf Jahren immer noch gemeinsam im selben Baum — bei einer Lebenserwartung von bis zu 18 Jahren ist das der Großteil eines Fledermauslebens.
2021 kam heraus, dass die Beziehung nicht am Quartierausgang endet. Über Näherungssensoren an wilden Tieren zeigte sich: Eng verbundene Weibchen fliegen einzeln los — und treffen sich weit draußen im Dunkeln wieder. Sie verabreden sich quasi am Rind.
Zum Schluss die Rechnung, die alles zusammenhält. Wilkinson simulierte, wie hoch die jährliche Sterblichkeit erwachsener Vampirfledermäuse ohne das Blutteilen läge: etwa 82 Prozent. Tatsächlich sterben pro Jahr nur rund 24 Prozent. Das Teilen ist bei diesen Tieren keine nette Geste am Rande. Es ist der Grund, warum es sie überhaupt noch gibt.
Quellen
- Wilkinson, G. S. (1984): Reciprocal food sharing in the vampire bat. Nature 308, 181–184.
- Wilkinson, G. S. (1990): Food Sharing in Vampire Bats. Scientific American, Februar 1990, 76–82. (Quelle der Kosten-Nutzen-Kurve: 6 Stunden Verlust gegen 18 Stunden Gewinn.)
- Carter, G. G. & Wilkinson, G. S. (2013): Food sharing in vampire bats: reciprocal help predicts donations more than relatedness or harassment. Proceedings of the Royal Society B 280: 20122573.
- Carter, G. G. et al. (2020): Development of New Food-Sharing Relationships in Vampire Bats. Current Biology 30(7), 1275–1279.
- Ripperger, S. P. & Carter, G. G. (2021): Social foraging in vampire bats is predicted by long-term cooperative relationships. PLOS Biology 19(9): e3001366.
Häufige Fragen
Wie lange überlebt eine Vampirfledermaus ohne Blut?
Rund 70 Stunden. Schon nach 60 Stunden ohne Nahrung verliert das Tier bis zu einem Viertel seines Gewichts und kann die Körpertemperatur nicht mehr halten. Zwei erfolglose Jagdnächte hintereinander sind deshalb tödlich.
Teilen Vampirfledermäuse Blut nur mit Verwandten?
Nein. In der Studie von Carter und Wilkinson (2013) waren 64 Prozent der teilenden Paare überhaupt nicht miteinander verwandt. Entscheidend war, wie viel ein Tier zuvor von diesem Partner bekommen hatte — das sagte die Spende 8,5-mal besser voraus als der Verwandtschaftsgrad.
Warum lohnt sich die Blutspende für die Spenderin?
Weil der Gewichtsverlust nicht gleichmäßig verläuft. Ein sattes Tier verliert durch fünf Milliliter Blut nur etwa sechs Stunden Restzeit, der ausgehungerte Empfänger gewinnt dagegen 18 Stunden — eine ganze zusätzliche Jagdnacht. Der Tausch zahlt sich aus, wenn die Rollen später wechseln.
Bestrafen Vampirfledermäuse geizige Artgenossen?
Nicht im moralischen Sinn. Ein aktiver Ausschluss von Betrügern ist nicht nachgewiesen. Die Tiere richten ihre Spenden aber nach dem, was sie von einem bestimmten Partner bekommen haben. Wer nie gibt, baut keine Beziehung auf — und steht in der Notnacht ohne Sicherheitsnetz da.
Wie erkennen Vampirfledermäuse ihre Helfer wieder?
Über individuell unterscheidbare Kontaktrufe — jede Stimme ist erkennbar — und über die gegenseitige Fellpflege. Die Tiere verbringen mehr als 5 Prozent des Tages mit Putzen, fast immer bei denselben Partnerinnen.
