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Weintränen im Glas: Was der Marangoni-Effekt wirklich verrät

Nahaufnahme der Innenwand eines Rotweinglases mit herablaufenden Weintränen im Glas über der Weinlinie

Weintränen im Glas entstehen, weil Alkohol schneller verdunstet als Wasser: Der hauchdünne Film an der Glaswand verarmt oben an Ethanol, seine Oberflächenspannung steigt – und zieht ständig neuen Wein nach oben, bis die Schwerkraft Tropfen abreißen lässt. Über die Qualität des Weins sagt das Schauspiel nichts. Über den Alkoholgehalt schon, allerdings gröber, als Weinratgeber gern behaupten.

Stimmt das wirklich?

Die Erklärung ist älter als die meisten Weingüter, die heute damit werben. Schon 1855 beschrieb der Physiker James Thomson – der ältere Bruder von Lord Kelvin – die Strömung an der Glaswand korrekt. Der Italiener Carlo Marangoni lieferte kurz darauf die Beschreibung solcher Strömungen entlang von Oberflächenspannungs-Unterschieden, der Thermodynamiker Josiah Willard Gibbs steckte den theoretischen Rahmen ab. Deshalb steht in der Fachliteratur mal „Marangoni-Effekt“, mal „Gibbs-Marangoni-Effekt“ – gemeint ist dasselbe.

Vermessen wurde das Phänomen erstaunlich spät: Die erste sorgfältige quantitative Studie legten Jean-Baptiste Fournier und Anne-Marie Cazabat 1992 in den Europhysics Letters vor. Sie zeigten, dass der aufsteigende Ethanol-Wasser-Film ein selbstähnliches, parabelförmiges Profil ausbildet – also keine zufällige Schliere, sondern eine reproduzierbare Struktur.

Der schnellste Gegentest passt in jede Küche: Deck das Glas mit einem Untersetzer ab. Nach kurzer Zeit ist der Raum über dem Wein mit Alkoholdampf gesättigt, die Verdunstung kommt zum Erliegen – und die Tränen hören auf. Kein Antrieb, kein Effekt.

Warum klettern Weintränen im Glas nach oben?

Wein ist im Kern ein Gemisch aus Wasser und Ethanol, und die beiden Flüssigkeiten könnten unterschiedlicher kaum sein: Wasser hat bei 20 °C eine Oberflächenspannung von rund 73 Millinewton pro Meter, reines Ethanol nur etwa 22. Alkohol „klebt“ also deutlich schwächer. Beim Schwenken benetzt ein Film von wenigen Mikrometern Dicke die Glaswand und wird durch Kapillarkräfte ein Stück nach oben gezogen.

In diesem dünnen Film hat der Alkohol das größere Oberflächen-zu-Volumen-Verhältnis und den höheren Dampfdruck – er verschwindet also zuerst in die Luft. Oben bleibt eine alkoholärmere, wasserreichere Schicht zurück, und die hat die höhere Oberflächenspannung. Flüssigkeit wandert immer in Richtung der stärkeren Oberflächenspannung. Der Bereich weit oben an der Wand saugt deshalb pausenlos alkoholreicheren Wein aus dem Glas nach. Der Film klettert, sammelt sich zu einem Wulst, und sobald genug Masse beisammen ist, gewinnt die Schwerkraft: Tropfen lösen sich und rinnen zurück. Ein Kreislauf, der läuft, solange Alkohol verdunstet.

Ein zweiter Antrieb wurde jahrzehntelang übersehen. David Venerus und Diego Nunes Simavilla filmten den Film 2015 für Scientific Reports mit einer Infrarotkamera – und sahen, dass die Verdunstung den Film messbar abkühlt. Kältere Flüssigkeit hat ebenfalls die höhere Oberflächenspannung. Dieser thermische Anteil trägt laut ihrer Analyse erheblich zur Strömung bei; der Effekt entsteht überhaupt nur, weil sich Ethanol-Wasser-Mischungen thermodynamisch so eigenwillig verhalten.

Noch verrückter: In den Tränen steckt eine umgekehrte Stoßwelle

Warum der Film nach oben läuft, war damit geklärt – nicht aber, warum daraus einzelne, sauber getrennte Tropfen werden statt eines gleichmäßigen Vorhangs. Diese Lücke schloss ein Team um die Mathematikerin Andrea Bertozzi an der UCLA (Yonatan Dukler, Hangjie Ji, Claudia Falcon), das seine Rechnungen 2019 als Preprint veröffentlichte und im April 2020 in Physical Review Fluids.

Ihr Ergebnis: Der hochgepumpte Wein bildet keine glatte Front, sondern einen scharfen Wulst, der sich physikalisch wie eine umgekehrte, unterkomprimierende Stoßwelle verhält (reverse undercompressive shock) – eine Wellenform, die von Natur aus instabil ist. Winzige Unregelmäßigkeiten entlang dieser Front reichen, damit sie in regelmäßig verteilte Tropfen zerfällt. Entscheidend ist dabei die Dicke des Films und die Krümmung des Meniskus am oberen Rand: Sie bestimmen mit, in welchem Abstand die Tränen abreißen. Gearbeitet wurde unter anderem mit einem Wein von 13,5 Volumenprozent, weil der Effekt dort besonders deutlich zu beobachten ist.

Was die Schlieren verraten – und was nicht

Die Stärke des Effekts hängt fast ausschließlich am Alkoholgehalt. Ein 15-prozentiger Amarone zieht sichtbar üppigere Bahnen als ein leichter Kabinett mit 9 Prozent. Zwischen zwei Weinen, die nur zwei, drei Prozentpunkte auseinanderliegen, ist der Unterschied dagegen kaum zu sehen – der Wine-Spectator-Kolumnist „Dr. Vinny“ formuliert es trocken: Die Beine eines 12,5-Prozent-Weins sehen für ihn aus wie die eines 14,9-prozentigen. Dazu kommen Störgrößen, die mit dem Wein nichts zu tun haben: Luftfeuchte, Raumtemperatur, wie sauber und fettfrei das Glas ist, wie kräftig geschwenkt wurde.

Weintränen im Glas sind also ein grober Alkohol-Anzeiger, kein Messgerät – und schon gar kein Qualitätsurteil. Der verbreitete Glaube, viele „Kirchenfenster“ stünden für edleren Tropfen, hält keiner Prüfung stand. Auch die oft erzählte Glycerin-Geschichte trägt nicht: In den physikalischen Arbeiten zum Thema übernimmt die Ethanol-Wasser-Mischung den Antrieb, Glycerin taucht dort nicht als treibende Kraft auf. Restzucker und Alkohol machen den Wein zäher, das ändert vor allem das Tempo: Dichtere, süßere Weine lassen die Tropfen langsamer herunterlaufen.

Der Drei-Minuten-Test am Küchentisch

  • Sauberes Glas nehmen. Spülmittelreste und Fett stören den Film – dann bilden sich Tränen unregelmäßig oder gar nicht.
  • Vergleichen statt bewerten: ein Glas Wasser neben ein Glas Wein stellen. Wasser allein zeigt keine Tränen, weil der Oberflächenspannungs-Unterschied fehlt.
  • Nach oben schauen, nicht nach unten. Der eigentliche Vorgang ist der Wulst, der die Wand hochwandert. Die fallenden Tropfen sind nur sein Nebenprodukt.
  • Abdecken. Untersetzer aufs Glas, eine Minute warten: Der Effekt erlischt und startet nach dem Abnehmen wieder.
  • Zwei Weine nebeneinander. Erst im direkten Vergleich zweier Gläser mit deutlich unterschiedlichem Alkoholgehalt sind Weintränen im Glas überhaupt sinnvoll zu lesen.
  • Härtefall Schnaps. Ein Weinbrand mit 40 Prozent liefert dieselbe Physik in Zeitraffer – deutlich schnellere, dichtere Bahnen.

Quellen

Häufige Fragen

Was sind Weintränen am Glas?

Die klaren Schlieren, die nach dem Schwenken an der Glasinnenwand herunterlaufen – auch Kirchenfenster, Weinbeine oder englisch „legs“ genannt. Sie entstehen durch den Marangoni-Effekt.

Bedeuten viele Weintränen besseren Wein?

Nein. Die Tränen zeigen grob den Alkoholgehalt an, nicht Qualität, Preis oder Reifepotenzial. Der Zusammenhang zwischen „viel Bein“ und gutem Wein ist ein Mythos.

Was ist der Marangoni-Effekt?

Eine Strömung entlang einer Flüssigkeitsoberfläche, die durch Unterschiede der Oberflächenspannung entsteht. Im Weinglas zieht sie alkoholärmere Flüssigkeit an der Wand nach oben.

Warum läuft der Wein erst nach oben, bevor er als Träne fällt?

Im dünnen Film an der Glaswand verdunstet Alkohol schneller als Wasser. Die alkoholärmere Zone oben hat höhere Oberflächenspannung und saugt Wein nach, bis die Schwerkraft Tropfen abreißen lässt.

Kann man Weintränen verschwinden lassen?

Ja. Deck das Glas ab: Die Luft darüber sättigt sich mit Alkoholdampf, die Verdunstung stoppt – und ohne Verdunstung bilden sich keine Tränen mehr.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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