Wandernde Steine im Death Valley schieben sich ohne fremdes Zutun über einen ausgetrockneten Seeboden und ziehen dabei meterlange Rillen durch den rissigen Lehm. Schuld ist weder ein Sturm noch Magnetismus: Nachtfrost lässt auf einer flachen Regenlache hauchdünnes Eis entstehen, das am Vormittag in Schollen bricht — und schon eine milde Brise drückt diese Platten samt Felsbrocken über den nassen Boden. 2014 wurde dieser Ablauf zum ersten Mal gefilmt.
Stimmt das wirklich?
Ja — und zwar mit GPS-Protokoll. Der Schauplatz heißt Racetrack Playa, ein staubtrockener ehemaliger Seeboden im Death-Valley-Nationalpark auf rund 1.130 Metern Höhe. Ein Team um den Geologen Richard Norris vom Scripps Institution of Oceanography legte dort 2011 fünfzehn Steine mit bewegungsaktivierten GPS-Sendern aus, stellte eine Wetterstation auf und richtete Zeitrafferkameras ein. Im Winter 2013/14 ging die Geduld auf: Am 20. Dezember 2013 setzten sich mehr als 60 Steine gleichzeitig in Bewegung, während die Kameras liefen. Die Auswertung erschien 2014 im Fachjournal PLOS ONE.
Ein einzelner Stein legte zwischen Dezember 2013 und Januar 2014 insgesamt 224 Meter zurück — verteilt auf mehrere Schübe. Die Spuren selbst sind nichts Neues: Manche verlaufen schnurgerade, andere knicken im rechten Winkel ab oder schlagen weite Bögen, je nachdem, wie der Wind an dem Tag stand.
Dass ausgerechnet dieser Ort die Bühne dafür ist, hat Gründe. Die Playa ist knapp fünf Kilometer lang und rund zwei Kilometer breit, und sie ist absurd eben: Das Nordende liegt nur etwa vier Zentimeter höher als das Südende. Fällt Regen, verteilt er sich deshalb als flacher Film über die gesamte Fläche statt in eine Senke zu laufen. Die Steine selbst sind Dolomit- und Syenitbrocken, die von den umliegenden Hängen auf die Fläche gestürzt sind — der schwerste dokumentierte Wanderer wiegt gut 300 Kilogramm.
Was wandernde Steine im Death Valley in Bewegung setzt
Der Mechanismus heißt in der Fachsprache ice shove und ist aus Polarregionen bekannt — in einer Wüste hatte ihn vor 2014 niemand beobachtet. Entscheidend ist eine Kette aus vier Zutaten, die im Death Valley nur selten zusammenkommt:
| Schritt | Was passiert | Messwert |
|---|---|---|
| 1. Regen | Seltener Niederschlag verwandelt die Playa in eine flache Wasserlache, aus der die Steine noch herausragen. | bis ca. 10 cm tief |
| 2. Frostnacht | In kalten Winternächten friert die Lache zu einer Schicht, die die Forscher „Fensterglas-Eis“ nennen. | 3–6 mm dick |
| 3. Morgensonne | Das Eis taut an und zerbricht in große, dünne Schollen, die auf dem Wasserfilm aufschwimmen. | Panels von mehreren Metern |
| 4. Leichte Brise | Der Wind drückt gegen die Eisplatten, diese schieben die Steine vor sich her und pflügen die Spur in den weichen Lehm. | 4–5 m/s, Böen bis 8,4 m/s |
Vier bis fünf Meter pro Sekunde sind etwa Windstärke 3 — eine Brise, bei der zu Hause die Blätter rascheln. Kein Orkan, keine 150 km/h, wie ältere Erklärungsversuche behaupteten. Die Steine kriechen dabei mit zwei bis fünf Metern pro Minute voran, umgerechnet rund fünf Zentimeter pro Sekunde. Das ist so langsam und so gleichförmig, dass man es aus der Ferne schlicht übersieht, zumal sich alle Steine gleichzeitig in dieselbe Richtung schieben. Es fehlt der Bezugspunkt.
Dazu kommt die Kürze der Ereignisse: Eine einzelne Schubphase dauerte in den GPS-Daten meist nur Sekunden bis maximal 16 Minuten. Wer im richtigen Winter am richtigen Vormittag zufällig auf der Playa steht, sieht das Wunder — alle anderen finden nur die Spur.
Noch verrückter
Vor den GPS-Daten war die Erklärungsgeschichte eine Sammlung von Sackgassen: Orkanwinde, rutschige Algenschleimfilme, Magnetfelder, in Boulevardversionen sogar Außerirdische. Am hartnäckigsten hielt sich die Idee dicker Eisflöße, die die Steine wie Schollen mitreißen. Bob Sharp und Dwight Carey testeten das ab 1968 sieben Jahre lang: Sie tauften 30 Steine, markierten ihre Positionen mit Pfählen und stellten einigen einen regelrechten Zaun aus Holzpfosten in den Weg. Wäre ein massives Eisfloß im Spiel, müsste es an den Pfählen hängenbleiben. Die Steine wanderten trotzdem los.
Aufgelöst hat sich der Widerspruch erst mit der Erkenntnis, wie dünn das Eis tatsächlich ist: Drei bis sechs Millimeter brechen an einem Hindernis einfach auseinander und schieben weiter. Sharp und Carey lagen also nicht falsch, sie hatten nur die falsche Eisdicke im Kopf.
Ebenso schräg ist die Statistik dahinter. In zweieinhalb Monaten Messzeitraum erwischte das Norris-Team gerade einmal fünf Wanderungs-Ereignisse — und in vielen Jahren passiert überhaupt nichts, weil Regen und Frost nicht in der richtigen Reihenfolge kommen. Manche Steine haben vermutlich ein Jahrzehnt am selben Fleck gelegen, bevor sie wieder losfuhren. Der größte Feind der Spuren ist deshalb nicht das Wetter, sondern der Besuch: Fußabdrücke im nassen Lehm und Reifenspuren bleiben jahrelang stehen. 2016 rückten Freiwillige mit Gartenwerkzeug und rund 2.800 Litern Wasser an, um 156 Meter illegal gefahrene Reifenspuren wieder einzuebnen.
Wer sie selbst sehen will
Wandernde Steine im Death Valley anzuschauen ist kein Spontanausflug. Vom Besucherzentrum Furnace Creek sind es mindestens dreieinhalb Stunden pro Richtung, der letzte Abschnitt führt über rund 42 Kilometer Schotterpiste ab dem Ubehebe-Krater. Der Park empfiehlt Allrad, hohe Bodenfreiheit und robuste Reifen — die scharfkantigen Steine auf der Piste sind berüchtigt für Reifenplatzer, Mobilfunk gibt es dort nicht. Nach den Unwettern und Sturzfluten von 2025 waren mehrere Zufahrten monatelang dicht; den aktuellen Straßenstatus vor der Fahrt beim National Park Service prüfen.
Vor Ort gelten zwei simple Regeln: keinen Stein anfassen oder mitnehmen — jeder entfernte Brocken löscht eine Spur, die niemand nachbilden kann — und die Fläche bei Nässe nicht betreten. Genau der weiche Zustand, der die Steine gleiten lässt, konserviert auch jeden Fußabdruck.
Quellen
- Norris et al. (2014), PLOS ONE – Sliding Rocks on Racetrack Playa, Death Valley National Park
- National Park Service – The Racetrack (Zufahrt, Regeln, Hinweise)
- Spektrum der Wissenschaft – Rätsel um die wandernden Steine endlich gelöst
- scinexx.de – Rätsel der wandernden Steine gelöst
Häufige Fragen
Warum bewegen sich die Steine im Death Valley?
Regen bildet eine flache Lache, die nachts zu 3 bis 6 Millimeter dünnem Eis gefriert. Vormittags bricht das Eis in Schollen, die eine leichte Brise über den Wasserfilm schiebt – und die drücken die Steine vor sich her.
Wann wurde das Rätsel der wandernden Steine gelöst?
2014. Ein Team um Richard Norris vom Scripps Institution of Oceanography filmte die Bewegung erstmals mit GPS-Sendern, Wetterstation und Zeitrafferkameras und veröffentlichte die Erklärung in PLOS ONE.
Wie schnell und wie weit wandern die Steine?
Etwa zwei bis fünf Meter pro Minute, also rund fünf Zentimeter pro Sekunde. Ein GPS-Stein legte zwischen Dezember 2013 und Januar 2014 insgesamt 224 Meter zurück, verteilt auf mehrere Schübe.
Wo liegt die Racetrack Playa?
Auf rund 1.130 Metern Höhe im Death-Valley-Nationalpark in Kalifornien. Die Fläche ist knapp fünf Kilometer lang, zwei Kilometer breit und extrem eben – das Nordende liegt nur etwa vier Zentimeter höher als das Südende.
Kann man die wandernden Steine besuchen?
Ja, aber nur mit Allrad, hoher Bodenfreiheit und robusten Reifen: ab dem Ubehebe-Krater führen rund 42 Kilometer Schotterpiste hin, Mobilfunk gibt es keinen. Steine anfassen oder mitnehmen ist verboten.
