BderBehla

Vampirtintenfisch: Der Müllschlucker der Tiefsee

Vampirtintenfisch schwebt in der dunklen Tiefsee zwischen herabrieselndem Meeresschnee

Der Vampirtintenfisch trägt den Namen eines Räubers – doch er jagt nichts. Vampyroteuthis infernalis, wörtlich der „Vampirtintenfisch aus der Hölle“, lebt in einer der lebensfeindlichsten Zonen des Ozeans und ernährt sich fast ausschließlich von Meeresschnee: den herabrieselnden Resten toter Organismen. Er ist das einzige bekannte Kopffüßer-Tier, das keine lebende Beute jagt, sondern den Abfall der Tiefsee einsammelt.

Stimmt das wirklich?

Ja – und der Nachweis ist noch nicht alt. Lange nahm man an, das Tier sei ein Jäger wie Kalmar oder Krake. 2012 zeigten Forscher des Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) mit Aufnahmen von Tauchrobotern und Mageninhalts-Analysen das Gegenteil: Der Vampirtintenfisch frisst überwiegend Detritus – abgestorbenes Plankton, Kotpartikel, Schleimreste und andere organische Bröckchen, die aus höheren Wasserschichten absinken. Die Studie erschien in den Proceedings of the Royal Society B und machte das Tier zum einzigen bekannten Kopffüßer, der als Detritusfresser (Detritivore) lebt.

Warum jagt er nicht?

Weil Jagen sich dort, wo er lebt, nicht lohnt. Sein Zuhause ist die Sauerstoffminimumzone in etwa 600 bis 900 Metern Tiefe – ein Wasserband, in dem der Sauerstoffgehalt auf wenige Prozent des Oberflächenwerts fällt. Für fast alle Tiere ist das eine Sperrzone. Der Vampirtintenfisch hat sich exakt darauf eingerichtet:

  • Langsamster Stoffwechsel aller Kopffüßer: Er verbraucht extrem wenig Energie und muss kaum atmen.
  • Blaues Blut mit Rekord-Bindung: Sein sauerstofftransportierendes Hämocyanin bindet Sauerstoff so stark wie bei keinem anderen bekannten Kopffüßer – es holt noch etwas aus fast leerem Wasser.
  • Nahezu schwerelos: Sein gallertiger Körper ist annähernd wasserneutral, er schwebt fast ohne Muskelarbeit.

In einer Umgebung mit so wenig Sauerstoff wäre aktives Hetzen von Beute reine Energieverschwendung. Passives Einsammeln von herabsinkendem Material passt dagegen perfekt – und dort unten hat er kaum Konkurrenz und fast keine Feinde.

Wie fängt er den Meeresschnee?

Mit einem Werkzeug, das kein anderer Kopffüßer besitzt: zwei extrem lange, dünne, klebrige Fäden. Diese Velarfilamente kann das Tier weit ins Wasser ausfahren, wo die absinkenden Partikel an ihnen haften bleiben. Ist ein Faden beladen, zieht der Vampirtintenfisch ihn durch seine Arme. Dort produzieren die Saugnäpfe Schleim, der die eingesammelten Krümel zu einer Kugel zusammenklebt. Kleine, fingerartige Fortsätze – die Cirren – schieben den Bissen schließlich zum Mund. Ein Fressvorgang ohne Verfolgung, ohne Kampf, mit minimalem Energieeinsatz.

Noch verrückter

Der Vampirtintenfisch ist voller Widersprüche zum Räuber-Image:

  • Er hat keine Tinte. Anders als seine Verwandten kann er keine Tintenwolke ausstoßen. Stattdessen sprüht er bei Gefahr eine leuchtende Schleimwolke aus biolumineszenten Partikeln, die einen Angreifer für Sekunden blenden und verwirren.
  • Er stülpt sich um. Fühlt er sich bedroht, klappt er seine Arme mit der Schwimmhaut über den Körper – die sogenannte „Ananas-Pose“. Nach außen zeigen dann nur noch weiche, dornenartige Cirren, und das Tier wirkt wie ein stacheliger, unfressbarer Ball.
  • Riesenaugen. Im Verhältnis zum Körper hat er die größten Augen aller Tiere – bei etwa 30 Zentimetern Körperlänge sind sie rund einen Zentimeter groß. Auf den Menschen übertragen wären das Augen von der Größe eines Tennisballs.
  • Er ist ein lebendes Fossil. Der Vampirtintenfisch ist weder Kalmar noch Krake, sondern der einzige lebende Vertreter einer eigenen, uralten Ordnung – ein Überbleibsel einer Linie, die es seit vielen Millionen Jahren gibt.
  • Er lebt lang und pflanzt sich mehrfach fort. Die meisten Kopffüßer laichen einmal und sterben danach. Der Vampirtintenfisch legt über sein Leben verteilt immer wieder kleine Eiportionen – ein weiterer Sparkurs, der zu seinem energiearmen Dasein passt.

Warum das für den ganzen Ozean zählt

Der unscheinbare Müllschlucker erfüllt eine große Aufgabe. Indem er Meeresschnee frisst und verdaut, hilft er, Kohlenstoff aus den oberen Wasserschichten in die Tiefe zu verlagern. Dieser Transport nach unten ist Teil der biologischen Kohlenstoffpumpe, die dem Klimasystem der Erde langfristig CO₂ entzieht. Ausgerechnet das Tier mit dem Höllen-Namen arbeitet also als stiller Aufräumer und Klima-Helfer der Tiefsee.

Quellen

  • Hoving, H. J. T. & Robison, B. H. (2012): Vampire squid: detritivores in the oxygen minimum zone. Proceedings of the Royal Society B, 279(1747), 4559–4567.
  • MBARI – Monterey Bay Aquarium Research Institute: Vampire squid (Vampyroteuthis infernalis), Animal-Profil und Forschungsmeldung 2012.
  • Monterey Bay Aquarium: Vampire squid – Arten-Steckbrief (Größe, Augen, Hämocyanin, Fortpflanzung).

Häufige Fragen

Was frisst der Vampirtintenfisch?

Er ernährt sich fast ausschließlich von Meeresschnee – abgestorbenem Plankton, Kotpartikeln und Schleimresten, die aus höheren Wasserschichten absinken. Er ist der einzige bekannte Kopffüßer, der keine lebende Beute jagt.

Ist der Vampirtintenfisch gefährlich?

Nein. Trotz seines Namens ist er ein harmloser, langsamer Detritusfresser von etwa 30 Zentimetern Länge. Er hat keine Tinte und keine aggressive Jagdweise, sondern sammelt nur herabsinkende Reste ein.

Wo lebt der Vampirtintenfisch?

In der Sauerstoffminimumzone der Tiefsee, meist in 600 bis 900 Metern Tiefe, wo der Sauerstoffgehalt für fast alle anderen Tiere zu niedrig ist.

Wie überlebt er mit so wenig Sauerstoff?

Er hat den langsamsten Stoffwechsel aller Kopffüßer, ein Blutpigment mit extrem hoher Sauerstoffbindung und einen nahezu schwerelosen Körper. So kommt er mit minimalem Sauerstoff aus.

Ist der Vampirtintenfisch ein Kalmar oder ein Krake?

Weder noch. Er ist der einzige lebende Vertreter einer eigenen, uralten Ordnung und gilt als lebendes Fossil zwischen Kraken und Kalmaren.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

Mehr über mich →