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Mistkäfer navigieren nachts nach der Milchstraße

Afrikanischer Mistkäfer auf seiner Dungkugel unter dem Lichtband der Milchstraße in einer Sternennacht

Ein afrikanischer Mistkäfer, der seine Dungkugel in stockfinsterer Nacht schnurgerade wegrollt, orientiert sich am Lichtband der Milchstraße. Kein Mond, keine Landmarke – das schwache Leuchten unserer Heimatgalaxie am Himmel genügt ihm als Kompass. Damit ist die Art Scarabaeus satyrus das erste bekannte Tier, das nachweislich die Milchstraße zur Orientierung nutzt.

Stimmt das wirklich?

Ja, und der Beleg ist ungewöhnlich sauber. Ein Team um die Biologin Marie Dacke von der Universität Lund veröffentlichte den Befund 2013 im Fachjournal Current Biology. Die Forschenden bauten in einem südafrikanischen Wildreservat eine runde Arena und beobachteten, wie die nachtaktiven Käfer ihre Kugeln fortrollten – bei Mond, bei mondloser Sternennacht und bei bedecktem Himmel.

Das Muster war eindeutig: Unter freiem Sternenhimmel liefen die Tiere zielstrebig geradeaus. Zog eine Wolkendecke auf, verloren sie die Richtung und kurvten planlos umher. Um sicherzugehen, dass wirklich der Himmel entscheidet, setzten die Forschenden einzelnen Käfern winzige Käppchen aus Pappe auf, die den Blick nach oben versperrten – diese Tiere irrten ebenfalls im Kreis. Käfer mit durchsichtigen Käppchen fanden dagegen weiter ihren Weg.

Warum ist das so?

Der entscheidende Test lief in einem Planetarium der Universität Witwatersrand in Johannesburg. Dort konnten die Forschenden den Himmel gezielt an- und ausschalten. Das Ergebnis: Die Käfer hielten ihren Kurs unter dem vollen Sternenhimmel genauso gut wie unter einem Himmel, der nur das diffuse Band der Milchstraße zeigte.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil die winzigen Facettenaugen eines Mistkäfers viel zu grob auflösen, um einzelne Sterne zu erkennen. Ein Sternbild als Muster nützt ihm nichts. Was er sehr wohl wahrnimmt, ist das breite, milchige Leuchtband der Milchstraße als Ganzes. Eine Folgestudie aus dem Jahr 2022 zeigte den Mechanismus dahinter: Der Käfer vergleicht die Helligkeitsunterschiede zwischen den beiden Seiten dieses Bandes und leitet daraus eine feste Himmelsrichtung ab. Erst als die Forschenden mit künstlichen Lichtstreifen einen echten Helligkeitsgradienten simulierten, orientierten sich die Tiere zuverlässig – ein reines Punktmuster ohne Kontrast ließ sie orientierungslos.

Bevor er losrollt, klettert der Käfer übrigens auf seine Kugel und dreht sich einmal im Kreis. Dieser kleine „Tanz“ ist keine Marotte, sondern eine Momentaufnahme: Er speichert die Ausrichtung des Himmelsmusters und hält sie dann als Kurs.

Noch verrückter

Warum treibt ein Käfer solchen Aufwand? Am Dunghaufen herrscht Gedränge. Wer eine Kugel geformt hat, muss sie so schnell wie möglich vom Getümmel wegschaffen, bevor ein Konkurrent sie stiehlt. Die kürzeste Fluchtroute ist eine gerade Linie – jede Kurve führt womöglich zurück in die Menge der Rivalen. Geradeausrollen ist für den Mistkäfer also handfeste Überlebensökonomie.

Bemerkenswert ist auch, mit wie wenig er das schafft: ein Gehirn kleiner als ein Reiskorn, das eine Navigationsleistung vollbringt, die sonst von Robben, Zugvögeln und menschlichen Seefahrern bekannt ist. Dieselben Käfer nutzen tagsüber die Sonne und das polarisierte Licht des Himmels, nachts zusätzlich den Mond. Fällt all das weg, bleibt die Milchstraße. Für die Entdeckung erhielt das Team 2013 den kuriosen Ig-Nobelpreis – eine Auszeichnung für Forschung, die erst zum Schmunzeln bringt und dann zum Nachdenken.

Quellen

  • Dacke, M. et al. (2013): Dung Beetles Use the Milky Way for Orientation. Current Biology 23(4). PubMed
  • Foster, J. J. et al. (2017/2022): Stellar performance: mechanisms underlying Milky Way orientation in dung beetles. Philosophical Transactions of the Royal Society B. PMC
  • Science / AAAS: Dung Beetles Navigate by the Milky Way

Häufige Fragen

Welcher Mistkäfer orientiert sich an der Milchstraße?

Der afrikanische Mistkäfer Scarabaeus satyrus. Er ist das erste bekannte Tier, das nachweislich die Milchstraße zur Orientierung nutzt – belegt 2013 in einer Studie der Universität Lund.

Wie kann ein Käfer die Milchstraße sehen, wenn seine Augen keine Sterne auflösen?

Seine Facettenaugen erkennen keine einzelnen Sterne, wohl aber das breite, milchige Leuchtband der Milchstraße als Ganzes. Der Käfer vergleicht die Helligkeitsunterschiede der beiden Bandseiten und leitet daraus eine Richtung ab.

Warum rollt der Mistkäfer überhaupt geradeaus?

Am Dunghaufen herrscht harte Konkurrenz. Eine gerade Linie ist die kürzeste Fluchtroute vom Getümmel weg, bevor ein Rivale die Kugel stiehlt. Kurven würden zurück zu den Konkurrenten führen.

Woher wissen Forschende, dass wirklich der Himmel den Kurs vorgibt?

In einem Planetarium hielten die Käfer ihren Kurs unter dem Milchstraßenband allein genauso gut wie unter vollem Sternenhimmel. Setzte man ihnen Pappkäppchen auf, die den Blick nach oben versperrten, irrten sie im Kreis.

Nutzt der Käfer nur die Milchstraße?

Nein. Tagsüber orientiert er sich an der Sonne und am polarisierten Himmelslicht, nachts am Mond. Fehlen Sonne und Mond, dient das Lichtband der Milchstraße als Reservekompass.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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