Aale laichen genau einmal im Leben — im offenen Atlantik zwischen Bermuda und den Bahamas, im Sargassosee, vermutlich zwischen Dezember und Mai. Zugesehen hat dabei noch nie jemand. Kein Ei, kein laichendes Paar, keine einzige Aufnahme: Nach über hundert Jahren Forschung ruht der berühmteste Geburtsort der Meeresbiologie ausschließlich auf Indizien.
Wann und wo Aale laichen — der gesicherte Stand
Die Spur legte der dänische Biologe Johannes Schmidt. Er kreuzte fast zwei Jahrzehnte über den Atlantik, fischte Aal-Larven aus dem Wasser und stellte fest: Je näher er dem Sargassosee kam, desto kleiner wurden sie. 1923 veröffentlichte er den Schluss, der bis heute gilt — das Laichgebiet des Europäischen Aals liegt in diesem küstenlosen Meer südöstlich der Bermudas, grob zwischen 20 und 30 Grad Nord sowie 50 und 80 Grad West, überzogen von treibenden Sargassum-Tangmatten.
Als Laichzeit gilt heute die Spanne von Dezember bis Mai mit einem Schwerpunkt im Februar und März. Beide Angaben — Ort wie Zeit — sind aus Larvenfunden, Strömungsmodellen und Reifezuständen rekonstruiert, nicht aus einer Beobachtung. Das Entscheidende fehlt weiterhin: Aus dem Sargassosee wurde nie ein befruchtetes Ei des Europäischen Aals geborgen und nie ein laichendes Elterntier gefangen.
Warum das bis heute niemand gesehen hat
Das Laichareal ist größer als viele Länder, und das Ereignis selbst dauert vermutlich nur Stunden, in mehreren Hundert Metern Tiefe. Dazu kommt der Tagesrhythmus der Wanderer: Die Tiere ziehen tagsüber in kühles Wasser zwischen etwa 200 und über 1.000 Meter hinab und steigen erst nachts in wärmere Schichten auf. Ein Schiff, das genau dort zur genau richtigen Stunde das genau richtige Kubikmeterchen Ozean abfischt, gibt es schlicht nicht.
Der Aal macht sich die Sache zusätzlich schwer. Sobald er als silbrig glänzender „Blankaal“ losschwimmt, stellt er das Fressen ein, sein Verdauungstrakt bildet sich zurück, die Augen werden größer, die Schwimmblase baut auf Tiefe um. Die gesamte Strecke zehrt er von Reserven. Reife Geschlechtsorgane entwickelt er überhaupt erst am Ende der Reise — Weibchen wandern nach etwa 12 bis 15 Jahren im Süßwasser ab, Männchen nach 6 bis 9. Nach dem Laichen sterben die Tiere. Wer laicht, kehrt also nicht zurück, und ein reifer Aal ist praktisch nie in einem Netz.
Was die Satelliten-Aale verrieten
Den größten Sprung brachte eine Studie, die im Oktober 2022 in Scientific Reports erschien. Ein Team unter Leitung der britischen Umweltbehörde (Environment Agency) und der Zoological Society of London setzte 26 großen Aalweibchen Satellitensender auf und ließ sie bei den Azoren frei — dem am weitesten draußen gelegenen Startpunkt, den je eine Aal-Verfolgung hatte.
23 Sender funkten Daten, sechs endeten im Sargassosee; fünf davon lagen nach der Fachpublikation eindeutig innerhalb der Gebietsgrenzen, einer sogar im vermuteten Laichareal zwischen 31° N/50° W und 24° N/70° W. Damit war erstmals direkt belegt, dass erwachsene Europäische Aale ihr angenommenes Laichgebiet lebend erreichen. Aufschlussreich war auch das Tempo: Im Schnitt schafften die Tiere 6,8 Kilometer pro Tag, keines schnell genug, um noch in der laufenden Laichsaison anzukommen. Die Forscher schließen daraus, dass viele Aale die Reise über ein Jahr strecken und erst die übernächste Saison ansteuern.
Noch verrückter: Aristoteles, Freud und 400 sezierte Aale
Weil niemand Eier oder Geschlechtsorgane fand, wucherten über Jahrtausende die abenteuerlichsten Erklärungen. Aristoteles war im 4. Jahrhundert v. Chr. überzeugt, Aale entstünden ohne Fortpflanzung aus dem Schlamm. Plinius der Ältere vermutete, sie rieben sich an Felsen und aus den abgeschabten Hautstücken werde neues Leben.
Selbst der junge Sigmund Freud biss sich an der Frage die Zähne aus: 1876 zerlegte er als Student rund 400 Aale auf der Suche nach Hoden — und fand keine. Eindeutig beschrieben wurden die männlichen Keimdrüsen erst gut zwei Jahrzehnte später. Der Grund für das lange Rätselraten ist derselbe wie heute: Einen geschlechtsreifen Aal bekommt man kaum zu Gesicht, weil er erst auf seiner letzten Reise reif wird.
Warum die offene Frage inzwischen dringend ist
Aus der Kuriosität ist ein Schutzproblem geworden. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) empfahl am 4. November 2025 erneut Nullfang für den Europäischen Aal — für alle Lebensstadien, alle Nutzungen und alle Gewässer, auch für 2026. Die vorläufigen Glasaal-Zahlen für 2025 liegen im Nordseeraum bei rund 0,7 Prozent des Durchschnitts von 1960 bis 1979, im übrigen Europa bei etwa 12,1 Prozent. Die Art gilt als „vom Aussterben bedroht“; in Deutschland war sie 2025 Fisch des Jahres.
Nachzüchten lässt sich das Problem nicht weg: Eine geschlossene Zucht des Europäischen Aals — vom Ei bis zum Glasaal und wieder zum Ei — ist trotz jahrzehntelanger Versuche bis heute nicht gelungen. Jeder Aal aus der Aquakultur ist ein aus dem Meer gefangener Jungfisch. Solange niemand weiß, wo genau und unter welchen Bedingungen Aale laichen, fehlt dem Schutz der Art die wichtigste Information überhaupt: der Ort, an dem alles anfängt.
Quellen
- UK Environment Agency: Ancient mystery of European eel migration unravelled (2022)
- Scientific Reports: First direct evidence of adult European eels migrating to the Sargasso Sea (2022)
- FishSec zur ICES-Empfehlung für 2026: Nullfang für den Europäischen Aal (04.11.2025)
- DAFV: Der Europäische Aal ist Fisch des Jahres 2025
- Thünen-Institut: Untersuchungen im Laichgebiet des Europäischen Aals
- Smithsonian Magazine: The Search for the Origin of Eels
Häufige Fragen
Wann und wo laichen Aale?
Im Sargassosee im westlichen Atlantik südöstlich der Bermudas, nach heutigem Kenntnisstand zwischen Dezember und Mai mit einem Schwerpunkt im Februar und März.
Hat jemals ein Mensch Aale beim Laichen gesehen?
Nein. Aus dem Sargassosee wurde bis heute kein befruchtetes Ei und kein laichendes Elterntier des Europäischen Aals geborgen — belegt sind nur Larven und die Wanderung dorthin.
Wie weit wandern Aale zum Laichen?
Bis zu rund 10.000 Kilometer. Satellitensender zeigten ein Tempo von durchschnittlich 6,8 Kilometern pro Tag, die Reise dauert damit über ein Jahr.
Sterben Aale nach dem Laichen?
Ja. Der Aal laicht nur ein einziges Mal, frisst auf der ganzen Wanderung nichts mehr und stirbt nach der Fortpflanzung. Sein Verdauungstrakt bildet sich vorher zurück.
Kann man Aale nicht einfach nachzüchten?
Bislang nicht. Eine geschlossene Zucht vom Ei bis zum Glasaal ist beim Europäischen Aal nie gelungen. Aale aus Aquakultur sind wild gefangene Jungfische.
