600 Volt aus einem Fisch klingt nach Anglerlatein, ist aber gemessen: Dass ein Zitteraal 600 Volt in einem einzigen Impuls abfeuert, entspricht fast dem Dreifachen einer deutschen Steckdose. Die Ladung kommt aus rund 6.000 hauchdünnen Zellen, die wie Knopfbatterien in Reihe liegen. Der Schlag lähmt Beute und vertreibt Angreifer – und der Fisch selbst steckt ihn erstaunlich gut weg.
Stimmt das wirklich?
Ja – und 600 Volt sind nicht einmal der Rekord. Der gewöhnliche Zitteraal (Electrophorus electricus) erreicht Entladungen von mindestens 600 Volt. 2019 wies ein Team um den Biologen C. David de Santana anhand von 107 Tieren aus Amazonien nach, dass hinter „dem“ Zitteraal in Wahrheit drei Arten stecken. Eine davon, Electrophorus voltai, lieferte im Test 860 Volt – die stärkste jemals an einem lebenden Tier gemessene Entladung. Der Artname ehrt Alessandro Volta, der 1800 die erste echte Batterie baute.
Wenn ein Zitteraal 600 Volt abgibt, dauert der einzelne Impuls nur etwa zwei Millisekunden – dafür feuert der Fisch ganze Salven mit bis zu 500 Hertz. Bei rund 500 Volt fließt kurzzeitig etwa ein Ampere. Die Steckdose führt dagegen dauerhaft 230 Volt: Der Aal schlägt härter, aber nur für einen Wimpernschlag.
Kurios ist schon der Name. Der Zitteraal ist gar kein Aal, sondern ein südamerikanischer Neuwelt-Messerfisch aus der Ordnung Gymnotiformes – verwandtschaftlich näher an Welsen und Karpfen als an den echten Aalen, die vor Europas Küsten laichen.
Warum ein Zitteraal 600 Volt zusammenbekommt
Die Arbeit machen spezialisierte Zellen, die Elektrozyten. Sie füllen etwa 80 Prozent des bis zu zwei Meter langen Körpers; für Herz, Kiemen und Verdauung bleibt nur das vordere Fünftel hinter dem Kopf. Der Zitteraal ist im Grunde ein schwimmendes Batteriefach mit angebautem Tier.
Eine einzelne Elektrozyte bringt es auf lächerliche 0,15 Volt – ein Siebtel dessen, was eine AA-Batterie liefert. Der Trick ist die Verschaltung: Im Hauptorgan stapeln sich rund 6.000 dieser Scheibenzellen hintereinander in Reihe, und etwa 35 solcher Stapel liegen auf jeder Seite parallel nebeneinander. Reihenschaltung addiert die Spannung, Parallelschaltung die Stromstärke – exakt das Prinzip, nach dem auch ein Akkupack im Werkzeugkoffer aufgebaut ist.
Ausgelöst wird der Schlag über Ionen. Im Ruhezustand halten die Zellmembranen Natrium- und Kaliumionen getrennt. Gibt das Gehirn den Feuerbefehl, öffnen sich schlagartig Ionenkanäle: Natrium strömt ein, kurz darauf Kalium wieder heraus. Weil tausende Zellen diese Ladungsumkehr im selben Sekundenbruchteil vollziehen, summiert sich das Ganze zu einem geballten Stromstoß.
Nicht jeder Impuls ist Hochspannung. Neben Haupt- und Hunter-Organ besitzt der Fisch das Sachs-Organ, das schwache Entladungen von knapp 10 Volt bei etwa 25 Hertz abgibt. Damit tastet er das trübe Wasser ab und verständigt sich mit Artgenossen – ein biologisches Radar. Die großen Schläge hebt er sich für Jagd und Verteidigung auf.
Warum sich der Zitteraal nicht selbst schockt
Seine empfindlichen Organe sitzen dicht gepackt im vorderen Körperfünftel, weit weg von den elektrischen Organen und gut isoliert. Der größte Teil des Stroms nimmt den Weg nach außen ins umgebende Wasser statt durch die Innereien. Völlig unbeeindruckt bleibt der Aal aber nicht: Bei starken eigenen Entladungen zuckt er sichtbar mit – er verträgt sie nur deutlich besser als sein Opfer.
Noch verrückter
Der US-Neurobiologe Kenneth Catania hat gezeigt, dass der Strom keine plumpe Keule ist, sondern ein Präzisionswerkzeug. Mit gezielten Doppelimpulsen kann der Zitteraal die Muskeln versteckter Beutefische fernsteuern: Das unwillkürliche Zucken verrät die Position, bevor der eigentliche Schlag kommt. Er jagt seine Beute also mit deren eigenem Nervensystem aus dem Versteck.
Gegen große Angreifer wird er spektakulärer: Statt die Ladung im Wasser zu verteilen, springt er aus dem Wasser und presst das Kinn direkt gegen den Gegner – so fließt fast der gesamte Strom ins Ziel, kräftig genug, um Tiere von der Größe eines Pferdes zu vertreiben. Das klingt nach Seemannsgarn, deckt sich aber mit Alexander von Humboldts Bericht aus Venezuela von 1800, in dem Zitteraale Pferde attackierten. Über 200 Jahre später lieferte Catania die Erklärung dazu.
2021 fiel ein weiteres Lehrbuch-Kapitel: Zitteraale galten als Einzelgänger. Dann filmten Forscher an einem See am brasilianischen Iriri über 100 Tiere von Electrophorus voltai, die sich in Trupps von zwei bis zehn Tieren aufteilten, Tetra-Schwärme einkreisten und gemeinsame Stromschläge abfeuerten. Zehn koordinierte Tiere setzen dabei genug Energie frei, um rechnerisch rund 100 Glühbirnen zu betreiben.
Und dann ist da noch der Befund, der 2023 in PeerJ erschien: Ein Team der Universität Nagoya um Eiichi Hondo und Atsuo Iida setzte Zebrafischlarven in DNA-Lösung der Entladung eines Zitteraals aus. Bei fünf Prozent der Larven landete das fremde Erbgut tatsächlich in den Zellen – der Stromstoß reißt kurzzeitig Poren in die Zellmembran. Genau dieses Verfahren, Elektroporation, benutzen Gentechnik-Labore mit teuren Geräten. Im Amazonas könnte es ein Fisch nebenbei erledigen.
Wie gefährlich ist der Schlag für Menschen?
Ein einzelner Treffer ist selten unmittelbar tödlich, aber er tut heftig weh und kann Muskeln verkrampfen lassen. Das eigentliche Risiko ist indirekt: Wer im Wasser für ein paar Sekunden die Kontrolle über seine Muskulatur verliert, kann untergehen. Dokumentierte Todesfälle sind entsprechend selten und gehen meist auf Ertrinken zurück, nicht auf den Strom selbst. Mehrere Schläge hintereinander oder eine Vorerkrankung des Herzens machen die Sache gefährlicher – in Zitteraal-Gewässern gilt darum: nicht baden, nicht anfassen.
Was Batterieforscher vom Zitteraal abschauen
Die Reihenschaltung aus weichen, ungiftigen Zellen ist genau das, was starre Lithium-Akkus im Körper nicht können. Ein Team der Penn State University um Joseph Najem stellte im Dezember 2025 in Advanced Science künstliche Elektrozyten aus vier hauchdünnen Hydrogel-Schichten vor, je 20 Mikrometer stark und per Spin-Coating aufgetragen. Ergebnis: rund 44 kW/m³ Leistungsdichte, funktionsfähig zwischen -112 °C und +80 °C und tagelang feucht statt nur minutenlang. Zielanwendungen sind Implantate, Sensoren und weiche Robotik – Stromquellen, die im Körper nichts anrichten, wenn sie undicht werden.
Quellen
- Nature Communications (2019): Unexpected species diversity in electric eels – 860 V bei Electrophorus voltai
- Wikipedia: Electric eel (Elektrozyten, Organe, Spannungs- und Stromwerte)
- phys.org (2021): Scientists discover electric eels hunting in a group
- PeerJ (2023): Electric organ discharge from electric eel facilitates DNA transformation into teleost larvae
- ingenieur.de: Zitteraale können ihre Beute mit Stromstößen fernsteuern (Catania)
- chemie.de (Dez. 2025): Biologie des Zitteraals inspiriert eine leistungsstarke Gelbatterie
Häufige Fragen
Wie viel Volt hat ein Zitteraal?
Der gewöhnliche Zitteraal erreicht mindestens 600 Volt. Die 2019 beschriebene Art Electrophorus voltai wurde mit 860 Volt gemessen – die stärkste je an einem lebenden Tier registrierte Entladung.
Kann ein Zitteraal einen Menschen töten?
Ein einzelner Schlag ist selten direkt tödlich, verursacht aber starke Schmerzen und Muskelkrämpfe. Gefährlich wird es indirekt: Wer im Wasser bewegungsunfähig wird, kann ertrinken.
Warum schockt sich der Zitteraal nicht selbst?
Seine lebenswichtigen Organe liegen isoliert im vorderen Körperfünftel, der Großteil des Stroms fließt nach außen ins Wasser. Spüren tut er den eigenen Schlag trotzdem – nur schwächer.
Wie erzeugt ein Zitteraal überhaupt Strom?
Über Elektrozyten: rund 6.000 dieser Zellen liegen im Hauptorgan in Reihe, jede liefert etwa 0,15 Volt. Ionenkanäle öffnen gleichzeitig, die Einzelspannungen addieren sich wie in einer Batterie.
Ist der Zitteraal überhaupt ein Aal?
Nein. Er gehört zu den südamerikanischen Neuwelt-Messerfischen (Gymnotiformes) und ist enger mit Welsen und Karpfen verwandt als mit echten Aalen.
