Cola mit Mentos schäumt nicht, weil zwei Stoffe miteinander reagieren – es entsteht dabei kein einziges neues Molekül. Verantwortlich ist die Oberfläche des Bonbons: unter dem Mikroskop ein Kraterfeld aus Zehntausenden winzigen Vertiefungen. Jede davon ist eine Startrampe für eine CO₂-Blase. Das gelöste Gas verlässt die Flüssigkeit an so vielen Punkten gleichzeitig, dass der Schaum binnen Sekunden durch den engen Flaschenhals nach oben gedrückt wird.
Stimmt das wirklich? Cola mit Mentos ist Physik, keine Chemie
Ja. In einer ungeöffneten Flasche steckt Kohlendioxid unter Druck in der Flüssigkeit – bei Cola in der Größenordnung von sechs bis acht Gramm pro Liter. Das Gas würde gern entweichen, kann es aber nicht ohne Hilfe: Eine Blase entsteht nicht aus dem Nichts, sie braucht eine Grenzfläche, an der sie anwachsen kann.
Nachgemessen hat das die Physikerin Tonya Coffey von der Appalachian State University. Ihr Team veröffentlichte 2008 im American Journal of Physics eine Untersuchung, in der Bonbons und Vergleichsmaterialien unter Rasterelektronen- und Rasterkraftmikroskop landeten. Das Ergebnis stand in der Oberflächenstruktur, nicht in einer Reaktionsgleichung. Ein hartnäckiger Verdacht fiel dabei gleich mit durch: Koffein trägt nichts bei, die Menge in der Cola ist dafür viel zu gering. Koffeinfreie Cola geht genauso hoch.
Warum ist das so? Nukleation an Zehntausenden Kratern
Der Fachbegriff für die Blasengeburt lautet Nukleation. Sie braucht eine Kerbe, einen Kratzer oder ein Staubkorn – irgendetwas, das der Blase den energetisch teuersten Teil ihrer Entstehung abnimmt. Genau davon liefert ein Mentos absurd viel: Die Kavitäten auf seiner Hülle messen ein bis drei Tausendstel Millimeter. Thomas und Jacob Kuntzleman schätzten 2021 in der Fachzeitschrift Molecules, dass auf einem einzigen Bonbon zwischen 50.000 und 300.000 solcher Stellen aktiv Blasen produzieren.
Dazu kommt ein Detail, das leicht übersehen wird: das Gewicht. Coffeys Team verglich Mentos mit Steinsalz, Life Savers und Sand – die Bonbons sanken am schnellsten. Dadurch entsteht das Gas nicht an der Oberfläche, sondern tief unten in der Flasche und schiebt die komplette Flüssigkeitssäule vor sich her. Aus einem gemütlichen Prickeln wird so ein Ausstoß, der die Cola als Schaum durch die Engstelle presst.
Diese Faktoren machen die Fontäne größer
| Faktor | Wirkung auf die Fontäne |
|---|---|
| Raue Bonbon-Oberfläche | Hauptursache – Zehntausende Keimstellen auf einmal |
| Cola light statt Zucker-Cola | Höhere Fontäne, und die Sauerei klebt hinterher nicht |
| Zimmerwarme statt eiskalter Cola | Warme Flüssigkeit hält CO₂ schlechter gelöst – es entweicht leichter |
| Frisch geöffnete Flasche | Mehr gelöstes Gas = mehr Druck für den Ausbruch |
| Mehrere Bonbons gleichzeitig | Mehr Oberfläche in derselben Sekunde = heftigerer Schub |
| Enger Flaschenhals | Wirkt wie eine Düse und macht aus Schaum einen Strahl |
Dass ausgerechnet die Light-Variante kräftiger sprudelt, ist gut belegt – das Warum wird bis heute diskutiert. Coffey wies über Kontaktwinkelmessungen nach, dass Aspartam und Kaliumbenzoat die Oberflächenspannung senken; eine Blase muss dann weniger Arbeit leisten, um sich zu bilden. Dieselbe Mechanik zeigten die Kuntzlemans mit Ethanol: Es drückt die kritische CO₂-Konzentration von 3,2 auf 2,7 Gramm pro Liter und treibt die Fontänen messbar höher. Gelöster Zucker kann den Effekt ebenfalls verstärken, macht das Getränk aber zähflüssiger und beim Aufwischen klebrig. Die ehrliche Bilanz: Die raue Oberfläche dominiert, die Inhaltsstoffe justieren nach.
Häufige Fragen
Reagiert Cola chemisch mit Mentos?
Nein. Der Effekt ist rein physikalisch: Das gelöste Kohlendioxid entweicht schlagartig an der rauen Bonbon-Oberfläche. Es entsteht dabei kein neuer Stoff.
Warum funktioniert das Experiment manchmal nicht?
Meist ist die Cola abgestanden oder eiskalt, die Bonbons sind angelutscht oder es wird nur eines langsam eingeworfen. Ohne frisches CO₂ und viel Oberfläche auf einmal bleibt die Fontäne aus.
Was macht die Mentos-Oberfläche so besonders?
Sie ist von Kavitäten von ein bis drei Tausendstel Millimetern übersät. Auf einem Bonbon bilden schätzungsweise 50.000 bis 300.000 dieser Keimstellen gleichzeitig Blasen.
Sprudelt Cola light stärker als normale Cola?
Ja, sie erzeugt höhere Fontänen und klebt beim Aufwischen nicht. Aspartam und Kaliumbenzoat senken die Oberflächenspannung, sodass Blasen leichter entstehen.
Spielt die Temperatur der Cola eine Rolle?
Ja. Zimmerwarme Cola sprudelt deutlich heftiger als gekühlte, weil sich Kohlendioxid in warmer Flüssigkeit schlechter löst und schneller entweicht.
Noch verrückter: 4.334 Fontänen auf einmal
Das Experiment ist so populär, dass es im Guinness-Buch steht. Am 15. November 2014 lösten Teilnehmer beim Festival Internacional del Globo im mexikanischen León 4.334 Fontänen gleichzeitig aus – organisiert von Chupa Chups Industrial Mexicana und Perfetti Van Melle. Der Rekord hält bis heute.
Wissenschaftlich spannender ist eine Messreihe von 2020: Thomas Kuntzleman und Ryan Johnson zogen mit Cola und Bonbons quer durch die USA und testeten den Effekt vom Death Valley (43 Fuß unter dem Meeresspiegel) bis zum Gipfel des Pikes Peak auf rund 4.300 Metern. Je höher und je niedriger der Luftdruck, desto mehr Schaum – und zwar stärker, als die einfachen Gasgesetze erwarten lassen. Wer den Versuch also im Gebirge macht, bekommt gratis eine größere Fontäne.
Quellen
- Tonya S. Coffey: Diet Coke and Mentos: What is really behind this physical reaction?, American Journal of Physics 76(6), 2008, S. 551–557. Abstract
- Thomas S. Kuntzleman, Jacob T. Kuntzleman: Ethanol as a Probe for the Mechanism of Bubble Nucleation in the Diet Coke and Mentos Experiment, Molecules 26(6):1691, 2021. Volltext
- Thomas S. Kuntzleman, Ryan Johnson: Probing the Mechanism of Bubble Nucleation in and the Effect of Atmospheric Pressure on the Candy–Cola Soda Geyser, Journal of Chemical Education, 2020. Abstract
- Guinness World Records: Most Mentos and soda fountains. Rekordeintrag
