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Vagabundenplaneten: Milliarden Welten ohne Sonne

Ein einzelner sonnenloser Vagabundenplanet treibt durch die Dunkelheit des interstellaren Raums vor dem Sternenband der Milchstraße

Zwischen den Sternen unserer Galaxie treibt eine gewaltige, fast unsichtbare Bevölkerung: Planeten, die an keine Sonne gebunden sind. Vagabundenplaneten – auch frei fliegende oder sternlose Planeten genannt – rasen ohne Zentralgestirn durch die kalte Dunkelheit. Allein in der Milchstraße vermuten Forscher zwischen 50 Milliarden und ein Vielfaches der Sternenzahl. Manche sind massereicher als Jupiter, andere klein wie die Erde.

Stimmt das wirklich? Die Zahlen dahinter

Ja – und die Schätzungen sind gewaltig. Eine Simulationsstudie der Universität Leiden (van Elteren u. a., Astronomy & Astrophysics, 2019) modellierte 2.522 Planeten über elf Milliarden Jahre. Ergebnis: 16,7 Prozent wurden komplett aus ihrem System geschleudert. Hochgerechnet auf die gesamte Galaxie ergeben sich rund 50 Milliarden herrenlose Welten.

Andere Auswertungen gehen noch weiter. Analysen von Mikrolinsen-Daten legen nahe, dass auf jeden Stern der Milchstraße bis zu 20 vagabundierende Planeten kommen könnten. Bei 300 bis 400 Milliarden Sternen wären das astronomisch viele Einzelgänger. Bestätigt sind bisher nur wenige Dutzend – entdeckt sind sie extrem schwer, weil sie kaum Licht abgeben.

Warum treiben Planeten ohne Stern durchs All?

Die meisten Vagabunden sind Rausschmisse. In jungen Planetensystemen geht es ruppig zu: Nahe Begegnungen mit anderen Planeten oder vorbeiziehenden Nachbarsternen erzeugen Schwerkraft-Turbulenzen. Ein Planet bekommt dabei einen gravitativen Katapultschub – und wird für immer aus der Umlaufbahn seiner Sonne geschleudert.

Die Leiden-Studie fand, dass die Auswurf-Wahrscheinlichkeit kaum von der Masse abhängt: Es trifft kleine wie große Welten. Ein kleinerer Teil der Vagabunden könnte sogar eigenständig entstanden sein – wie ein Stern, der aus einer kollabierenden Gaswolke wuchs, aber nie genug Masse für die Kernfusion sammelte. Nachweisen lassen sich diese Wanderer fast nur per Mikrolinsen-Effekt: Zieht ein Vagabund vor einem fernen Hintergrundstern vorbei, wirkt seine Schwerkraft wie eine Lupe und verstärkt dessen Licht kurz messbar.

Noch verrückter: heiße Riesen und ferne Vermessungen

Einer der bekanntesten Vagabunden ist SIMP J01365663+0933473, nur rund 20 Lichtjahre entfernt. Der Brocken bringt die 12,7-fache Jupitermasse auf die Waage, glüht mit etwa 825 Grad Celsius und besitzt ein Magnetfeld, das rund vier Millionen Mal stärker ist als das der Erde. Die Folge sind Polarlichter, die jedes irdische Nordlicht winzig aussehen lassen – entdeckt mit dem Radioteleskop-Verbund Very Large Array.

2024 gelang ein weiterer Meilenstein: Astronomen vermaßen erstmals Masse und Entfernung eines einsamen Vagabunden gleichzeitig. Das Mikrolinsen-Ereignis wurde von Boden-Teleskopen und der Raumsonde Gaia zugleich beobachtet. Heraus kam ein Planet mit etwa 21,9 Prozent der Jupitermasse (rund Saturn-Klasse), fast 9.800 Lichtjahre entfernt. Seine Masse verrät, dass er nicht wie ein Stern entstand, sondern in einer Planetenscheibe geboren und später hinausgeworfen wurde.

Könnte auf so einer sonnenlosen Welt Leben existieren? Auf der eisigen Oberfläche kaum. Doch unter kilometerdickem Eis könnten flüssige Ozeane bestehen, warmgehalten durch die innere Erdwärme des Planeten. Leben dort müsste sich – wie an irdischen Tiefsee-Schloten – von Chemie statt von Sonnenlicht ernähren.

Wie es weitergeht

Das Nancy-Grace-Roman-Weltraumteleskop der NASA soll 2027 starten und mit der empfindlichsten Mikrolinsen-Durchmusterung aller Zeiten Hunderte bis Tausende frei fliegender Planeten aufspüren – darunter viele in Erdgröße. Die stille Mehrheit der Milchstraße tritt gerade erst aus dem Dunkel. Vielleicht zieht in diesem Moment ein sonnenloser Wanderer durch einen fernen Winkel unserer Galaxie, den nie ein Sonnenaufgang berührt.

Quellen

  • scinexx.de – „Milchstraße: 50 Milliarden sternlose Planeten?“ (van Elteren u. a., A&A 2019)
  • EarthSky – „Astronomers find weird rogue world with wild auroras“ (SIMP J01365663)
  • Space.com – „Astronomers detect rare free-floating exoplanet 10,000 light-years from Earth“ (2024/2025)
  • Phys.org / Science – „Astronomers measure mass and distance of a rogue planet for the first time“
  • NASA – Nancy Grace Roman Space Telescope, Galactic Bulge Time Domain Survey

Häufige Fragen

Was sind Vagabundenplaneten?

Vagabundenplaneten sind Planeten, die keinen Stern umkreisen, sondern frei durch das All treiben. Man nennt sie auch sternlose oder frei fliegende Planeten.

Wie viele Vagabundenplaneten gibt es in der Milchstraße?

Schätzungen reichen von rund 50 Milliarden bis zu mehreren vagabundierenden Planeten pro Stern – bei Hunderten Milliarden Sternen also astronomisch viele.

Wie entstehen Planeten ohne Sonne?

Die meisten wurden durch Schwerkraft-Stöße aus ihrem Planetensystem geschleudert. Ein kleinerer Teil könnte eigenständig aus Gaswolken entstanden sein.

Kann es auf Vagabundenplaneten Leben geben?

An der eisigen Oberfläche kaum. Unter dicken Eisschichten könnten aber von Erdwärme warmgehaltene Ozeane bestehen, in denen chemiebasiertes Leben denkbar wäre.

Wie entdeckt man sternlose Planeten?

Meist über den Mikrolinsen-Effekt: Zieht ein Vagabund vor einem fernen Stern vorbei, verstärkt seine Schwerkraft kurz dessen Licht messbar.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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