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Tor zur Hölle: Brennt der Darvaza-Krater wirklich seit 1971?

Nächtlicher Blick in den brennenden Darvaza-Krater in der Wüste Karakum, an dessen Grund viele kleine orange Flammen lodern

In der turkmenischen Wüste Karakum klafft ein rund 70 Meter breites Loch im Boden, aus dem seit Jahrzehnten Feuer schlägt. Das „Tor zur Hölle“ brennt, weil dort ununterbrochen Erdgas aus der Tiefe nachströmt und sich sofort an den bestehenden Flammen entzündet – kein Vulkan, kein Fluch, reine Geologie. Neu ist: Das Feuer erlischt gerade, und eine Satellitenstudie von 2026 zieht sogar die berühmte Jahreszahl 1971 in Zweifel.

Stimmt das wirklich?

Der Darvaza-Gaskrater existiert, und er ist gut vermessen: Er liegt in der Provinz Ahal, etwa 260 Kilometer nördlich der Hauptstadt Aschgabat, misst 60 bis 70 Meter im Durchmesser und ist rund 30 Meter tief. Am Kraterboden lodert nicht eine große Flamme, sondern ein Feld aus Hunderten kleiner Feuer.

Die Entstehungsgeschichte, die überall erzählt wird, geht so: 1971 stießen sowjetische Ingenieure bei einer Probebohrung auf eine Erdgaskaverne. Der Boden brach ein und riss Bohrturm und Ausrüstung in die Tiefe. Damit kein giftiges Gas unkontrolliert in die Umgebung strömt, zündeten die Ingenieure es an – in der Annahme, der Vorrat sei in ein paar Wochen abgefackelt.

Belegt ist diese Version allerdings nirgends. Turkmenistan führt kein offizielles Protokoll über den Vorfall, und einheimische Geologen datieren den Einsturz eher in die 1960er-Jahre und die Zündung in die 1980er. Ein Forschungsteam um Javier Valverde hat die Datierung 2026 in den Geophysical Research Letters überprüft: Anhand historischer Landsat-Satellitenbilder rekonstruierten die Wissenschaftler die Feuergeschichte des Kraters – und fanden die erste Brandsignatur erst zwischen Ende 1987 und Anfang 1988. Das Loch ist demnach deutlich älter als das Feuer darin.

Warum das Tor zur Hölle nie ausbrannte

Der Grund liegt unter dem Krater. Turkmenistan sitzt auf einigen der größten Erdgasvorkommen der Welt; unter Darvaza liegt kein begrenztes Gaspolster, sondern ein Reservoir, aus dem ständig Methan nach oben sickert. Daraus wird eine simple Endlosschleife: Gas steigt durch das poröse Gestein, erreicht die Luft, trifft auf die brennenden Flammen und entzündet sich sofort. Solange Nachschub kommt, brennt es weiter.

Wie viel da hochkommt, lässt sich seit ein paar Jahren aus dem Orbit messen. Für die Studie von 2026 werteten die Forschenden 44 Methanfahnen aus, die Hyperspektral-Satelliten wie EnMAP, PRISMA und EMIT zwischen 2020 und 2025 über dem Krater erfasst haben. Die Austrittsraten lagen bei ein bis drei Tonnen Methan pro Stunde, in Summe 71 Kilotonnen in fünf Jahren. Was aussah wie ein Lagerfeuer für ein paar Wochen, war in Wahrheit der Anstich einer geologischen Tankstelle.

Der Name hat übrigens nichts mit Teufeln zu tun: Darwaza (turkmenisch Derweze, aus dem persischen darvāzeh) heißt schlicht „Tor“ – so hieß das Dorf, das ein paar Kilometer entfernt lag. 2004 ließ Präsident Saparmyrat Nyýazow es abreißen, weil es für Touristen kein schöner Anblick sei. Der Krater selbst trägt seit 2018 den offiziellen Namen „Glanz von Karakum“, den außerhalb Turkmenistans praktisch niemand benutzt.

Noch verrückter: Ein Mensch ist hineingestiegen

2013 ließ sich der kanadische Abenteurer George Kourounis als erster Mensch in den brennenden Krater abseilen – im hitzefesten Spezialanzug, mit Atemgerät und einem Kevlar-Seil. Sein Auftrag: Bodenproben vom Kratergrund holen, um zu prüfen, ob in dieser Hitze überhaupt etwas leben kann.

Er beschrieb den Anblick als „ein Kolosseum aus Feuer“ – überall tausende kleiner Flammen, dazu ein Brüllen wie von einem Düsentriebwerk. Und tatsächlich: In den Proben steckten Bakterien, die in der Glut gedeihen, im Boden rundherum aber fehlten. Solche Funde interessieren die Astrobiologie, weil sie zeigen, unter welch lebensfeindlichen Bedingungen Mikroben noch zurechtkommen.

Stand 2026: Das Feuer ist fast weg

Wer heute anreist, sieht nicht mehr das Inferno aus den Reiseblogs. Nachdem der Präsident 2010 und erneut 2022 das Löschen angeordnet hatte, wurden rund um den Krater alte Bohrungen reaktiviert und neue niedergebracht, die das Gas abfangen, bevor es die Oberfläche erreicht. Irina Lurjewa von der staatlichen Turkmengaz sprach zuletzt von einem Rückgang der Feuer „um fast das Dreifache“. Infrarot-Auswertungen des Flaring-Analysten Capterio zeigen: Die Hitzeintensität ist binnen drei Jahren um mehr als 75 Prozent gefallen. Im Sommer 2025 waren nur noch ein paar Nester kleiner Flammen übrig, seither berichten Besucher regelmäßig von einem eher unscheinbaren, nachts glimmenden Loch. Ende Dezember kündigte Turkmengaz einen technischen Plan an, die unkontrollierten Gasaustritte vollständig zu beenden – ein Termin dafür steht bis heute nicht fest.

Das Tor zur Hölle geht also nicht mit einem Knall aus, sondern weil man ihm langsam den Nachschub abdreht. Ganz sicher ist selbst das nicht: Die Satellitendaten zeigen, dass die Flammen schon schwächer wurden, bevor die neuen Bohrungen 2024 in Betrieb gingen. Messungen deuten auf niedrigen Lagerstättendruck und eindringendes Wasser hin – möglicherweise geht dem Krater der Brennstoff auch von selbst aus.

Der Haken: weniger Feuer heißt nicht weniger Methan

Klingt nach einer guten Nachricht fürs Klima, ist aber keine. Die Studie von 2026 fand keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen der abnehmenden Flammenstärke und der Menge des freigesetzten Methans. Im Oktober 2025 maßen Satelliten trotz mickriger Flammen fast 2.000 Kilogramm Methan pro Stunde.

Genau das ist das Problem: Verbranntes Methan wird zu CO₂, unverbranntes Methan entweicht als Methan – und das heizt die Atmosphäre über 20 Jahre gerechnet rund 80-mal stärker auf als dieselbe Menge CO₂. Ein Krater, der schwächer brennt, aber gleich viel Gas ausatmet, ist klimatisch also schlechter dran als das lodernde Höllenloch von früher. Erst wenn die Bohrungen das Gas wirklich vollständig abfangen, wird aus der Touristenattraktion ein Umweltgewinn. Anders gesagt: Das Tor zur Hölle hört auf zu leuchten, lange bevor es aufhört, das Klima zu belasten – und wer es noch mit eigenen Augen sehen will, hat vermutlich nur noch wenige Jahre Zeit.

Quellen

Häufige Fragen

Warum brennt das Tor zur Hölle so lange?

Unter dem Krater liegt ein riesiges Erdgasreservoir. Ständig sickert neues Methan nach oben und entzündet sich an den bestehenden Flammen – solange Gas nachströmt, hört das Feuer nicht auf.

Brennt der Darvaza-Krater wirklich seit 1971?

Das ist die gängige Erzählung, aber unbelegt. Eine Satellitenstudie von 2026 fand die erste Brandsignatur auf Landsat-Bildern erst zwischen Ende 1987 und Anfang 1988.

Brennt der Krater 2026 noch?

Ja, aber nur noch schwach. Bohrungen fangen das Gas ab, die Hitzeintensität ist in drei Jahren um über 75 Prozent gesunken. Übrig sind einzelne Flammennester, die nachts glimmen.

Wie groß ist der Darvaza-Krater?

Er misst 60 bis 70 Meter im Durchmesser und ist rund 30 Meter tief. Er liegt in der Wüste Karakum, etwa 260 Kilometer nördlich von Aschgabat.

War schon jemand unten im brennenden Krater?

Ja. 2013 seilte sich der Kanadier George Kourounis im hitzefesten Anzug hinab und holte Bodenproben. Darin fanden sich Bakterien, die nur in der Glut vorkamen.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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