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Der Nacktmull: krebsresistent, schmerzfrei, 18 Minuten ohne Sauerstoff

Nacktmull mit faltiger rosa Haut und großen Schneidezähnen in seinem dunklen Erdtunnel, angeleuchtet von einem schmalen Lichtstrahl

Drei Rekorde in einem Tier von der Größe einer Bratwurst: Der Nacktmull entwickelt so gut wie nie Tumoren, ignoriert Säure- und Chili-Schmerz vollständig und übersteht 18 Minuten ohne einen Hauch Sauerstoff. Warum der Nacktmull krebsresistent ist, führte die Forschung 2013 auf ein einziges Zuckermolekül im Bindegewebe zurück — inzwischen sind zwei weitere Schutzschichten dazugekommen, und ein Laborversuch von 2025 zeigt, wo die Grenze dieser Unverwundbarkeit liegt.

Stimmt das wirklich?

Jeder der drei Punkte steht auf einer Fachpublikation:

  • Krebsresistenz: In jahrzehntelanger Haltung großer Kolonien tauchen bei Nacktmullen praktisch keine Tumoren auf. Den molekularen Mechanismus dahinter beschrieb ein Team der University of Rochester 2013 in Nature.
  • Schmerz: Nacktmulle reagieren nicht auf Säure und nicht auf Capsaicin, den Scharfstoff der Chili. Belegt unter anderem in PLOS Biology (2008) durch die Gruppe von Gary Lewin am Max-Delbrück-Centrum in Berlin.
  • Sauerstoff: Unter totalem Sauerstoffentzug (Anoxie) überlebten die Tiere im Experiment 18 Minuten ohne erkennbaren Schaden. Nachgewiesen 2017 in Science von einer Gruppe um Thomas Park (University of Illinois at Chicago).

Ein Detail wird in Schlagzeilen gern verschluckt: „so gut wie nie“ heißt nicht „nie“. 2016 dokumentierten Pathologinnen und Pathologen im Fachblatt Veterinary Pathology die ersten beiden bestätigten Krebsfälle bei Nacktmullen — zwei Arbeitertiere aus zoologischer Haltung im geschätzten Alter von 20 und 22 Jahren. Zwei Fälle in Jahrzehnten weltweiter Beobachtung sind für ein Säugetier dieses Alters trotzdem ein absurd niedriger Wert; zum Vergleich sterben Labormäuse zu grob der Hälfte an Tumoren.

Warum ist der Nacktmull krebsresistent?

Der bekannteste Baustein ist ein Zuckermolekül des Bindegewebes: Hyaluronsäure. Nacktmulle bilden eine besonders langkettige Variante, die hochmolekulare Hyaluronsäure (HMW-HA) — ihre Ketten sind rund fünfmal länger als beim Menschen oder bei der Maus.

Zwei Dinge kommen zusammen: Ein leicht verändertes Bauenzym (die Hyaluronsäure-Synthase HAS2) produziert die extralangen Ketten, und die Tiere zerlegen sie langsamer als andere Säuger. Dadurch reichert sich das Molekül im Gewebe an und wirkt wie ein Bremssignal: Rücken Zellen zu dicht zusammen, aktiviert die lange Hyaluronsäure den Zellzyklus-Wächter p16 und die Teilung stoppt — eine besonders früh greifende Kontakthemmung. Entfernt man die lange Hyaluronsäure im Labor, lassen sich dieselben Zellen prompt krebsartig verändern.

Seitdem sind zwei weitere Ebenen dazugekommen. 2020 zeigte ein Team der University of Cambridge in Nature, dass Nacktmull-Zellen in der Kulturschale sehr wohl entarten können — Tumoren wuchsen daraus aber erst, als die Zellen in Mäuse übertragen wurden. Der Schutz sitzt demnach nicht allein in der Zelle, sondern auch im Milieu des Nacktmull-Körpers, vermutlich im Immunsystem. Und im Oktober 2025 beschrieb eine Gruppe der Tongji-Universität in Science eine dritte Schicht: Das Protein cGAS, das bei Mensch und Maus die DNA-Reparatur ausbremst, ist beim Nacktmull durch vier Aminosäure-Änderungen umgepolt und fördert die Reparatur von Doppelstrangbrüchen, statt sie zu behindern.

Kein Freibrief: das Tumormodell von 2025

Wie stabil dieser Schutz ist, hat das Moffitt Cancer Center im September 2025 in Cancer Discovery getestet. Per CRISPR schleusten die Forschenden die Genfusion EML4-ALK ein, die beim Menschen Lungenkrebs antreibt. Allein reichte sie nicht. Erst als zusätzlich die Tumorsuppressoren p53 und Rb1 ausgeschaltet wurden, entwickelten rund 30 Prozent der Tiere aggressive Lungentumoren — histologisch ähnlich einem seltenen menschlichen Karzinomtyp.

Dass der Nacktmull krebsresistent ist, bedeutet also nicht Immunität, sondern eine viel höhere Hürde: Wo bei der Maus oft ein einzelner genetischer Treffer genügt, braucht es hier mehrere gleichzeitig. Für die Krebsforschung ist das die bessere Nachricht — ein Tier, das man erst mit Mühe krank bekommt, verrät mehr über wirksame Bremsen als eines, das nie erkrankt.

Warum spürt er bestimmte Schmerzen nicht?

Komplett schmerzfrei ist der Nacktmull nicht — akute Verletzungen registriert er. Ausgeblendet sind gezielt zwei Reize, die im Erdbau keinen Warnwert hätten.

Säure: In den stickigen, überfüllten Gängen staut sich CO₂ und übersäuert das Gewebe. Beim Menschen brennt das. Beim Nacktmull sorgt eine Variante des Natriumkanals NaV1.7 dafür, dass das Säuresignal die Nervenzelle gar nicht erst erreicht — der Schmerz wird an der Quelle abgeschaltet.

Chili-Schärfe und Entzündungsschmerz: Hier liegt es am Botenstoff NGF und seinem Empfänger TrkA. Bei anderen Säugern macht dieser Signalweg gereiztes Gewebe empfindlicher. Beim Nacktmull ist TrkA durch wenige Aminosäure-Änderungen lahmgelegt, die Entzündungssensibilisierung bleibt aus. Der Chili-Rezeptor TRPV1 selbst funktioniert übrigens normal — es hakt erst an der Weiterleitung.

Wie überlebt er 18 Minuten ohne Sauerstoff?

Fällt der Sauerstoff weg, wechselt der Nacktmull den Treibstoff seines Stoffwechsels. Statt Glukose verbrennt sein Gehirn dann Fruchtzucker (Fruktose) — ein Trick, den man sonst von Pflanzen kennt.

Möglich machen das der Fruktose-Transporter GLUT5 und das Enzym Ketohexokinase, beide im Nacktmull-Gewebe reichlich vorhanden. Der Clou: Der Fruktose-Weg umgeht einen Kontrollpunkt der normalen Zuckerverbrennung (das Enzym Phosphofruktokinase), der bei Sauerstoffmangel sonst den ganzen Prozess ausbremst. So läuft die Energiegewinnung weiter, wo ein menschliches Gehirn nach drei bis vier Minuten Schaden nimmt. Bei stark verdünnter Luft (5 Prozent Sauerstoff) halten die Tiere sogar Stunden durch.

Noch verrückter

  • Er altert kaum: Nacktmulle werden über 30 Jahre alt — Rekord unter den Nagetieren. Eine Auswertung von Calico Life Sciences (2018, eLife) zeigte, dass ihr Sterberisiko mit dem Alter nicht ansteigt. Damit verletzen sie das Gompertz-Gesetz, nach dem die Sterbewahrscheinlichkeit bei praktisch allen Säugern mit den Jahren wächst.
  • Er lebt wie ein Insekt: Nacktmulle sind eusozial — eine von nur zwei bekannten Säugetierarten mit diesem Sozialsystem. In Kolonien von bis zu 300 Tieren pflanzt sich allein eine Königin fort, der Rest arbeitet und verteidigt den Bau.
  • Er ist fast wechselwarm: Als einziges nahezu wechselwarmes Säugetier reguliert er seine Körpertemperatur kaum aktiv, sondern übernimmt die der Umgebung — energiesparend im konstant temperierten Erdreich.

Was die Medizin daraus macht

Beide Kernbefunde sind bereits auf andere Tiere übertragen worden. Ein Team um Vera Gorbunova und Andrei Seluanov (University of Rochester) baute 2023 das Nacktmull-Gen HAS2 in Mäuse ein: Die Tiere bildeten die lange Hyaluronsäure selbst, bekamen weniger Tumoren und weniger Entzündungen, ihre mittlere Lebensspanne stieg um etwa 4,4 Prozent (Nature, 2023). Die cGAS-Gruppe wiederum setzte 2025 die vier Nacktmull-typischen Aminosäure-Änderungen in Fruchtfliegen ein — die lebten länger als Kontrolltiere; per Gentherapie behandelte Mäuse zeigten schwächere Alterungsmerkmale.

Von einer Anwendung beim Menschen ist das weit entfernt: Nagetier-Lebensspannen lassen sich nicht auf uns hochrechnen, und ein Molekül, das Zellteilung bremst, greift überall im Körper ein. Interessant ist die Richtung — der Nacktmull liefert der Forschung fertige, evolutionär getestete Bauteile statt bloßer Hypothesen.

Quellen

  • Tian et al., Nature (2013): „High-molecular-mass hyaluronan mediates the cancer resistance of the naked mole rat“ — nature.com
  • Park et al., PLOS Biology (2008): „Selective inflammatory pain insensitivity in the African naked mole-rat“ — plosbiology.org
  • Omerbašić et al., Cell Reports (2016): „Hypofunctional TrkA Accounts for the Absence of Pain Sensitization“ — sciencedirect.com
  • Park et al., Science (2017): „Fructose-driven glycolysis supports anoxia resistance in the naked mole-rat“ — science.org
  • Delaney et al., Veterinary Pathology (2016): „Initial Case Reports of Cancer in Naked Mole-rats“ — journals.sagepub.com
  • Hadi et al., Nature (2020): „Transformation of naked mole-rat cells“ — nature.com
  • Zhang et al., Nature (2023): „Increased hyaluronan by naked mole-rat Has2 improves healthspan in mice“ — nature.com
  • Chen et al., Science (2025): „A cGAS-mediated mechanism in naked mole-rats potentiates DNA repair and delays aging“ — science.org
  • Shepard et al., Cancer Discovery (2025): erstes gentechnisches Lungenkrebs-Modell im Nacktmull (Moffitt Cancer Center) — moffitt.org
  • Ruby, Smith & Buffenstein, eLife (2018): „Naked mole-rat mortality rates defy Gompertzian laws“ — elifesciences.org

Häufige Fragen

Bekommen Nacktmulle wirklich nie Krebs?

Fast nie: 2016 wurden im Fachblatt Veterinary Pathology die ersten zwei bestätigten Krebsfälle bei rund 20 Jahre alten Zootieren beschrieben. Die Rate bleibt verschwindend gering, Immunität ist es aber nicht.

Warum ist der Nacktmull krebsresistent?

Vor allem wegen einer besonders langkettigen Hyaluronsäure, die die Zellteilung früh stoppt. Dazu kommen ein schützendes Körpermilieu und eine verbesserte DNA-Reparatur über das Protein cGAS.

Spürt der Nacktmull überhaupt keinen Schmerz?

Doch, akute Verletzungen nimmt er wahr. Ausgeblendet sind gezielt Säure- und Chili-Schmerz sowie die Schmerzverstärkung bei Entzündungen — Reize, die im Erdbau keinen Warnwert hätten.

Wie überlebt ein Säugetier 18 Minuten ohne Sauerstoff?

Der Nacktmull stellt seinen Hirnstoffwechsel auf Fruchtzucker um. Dieser Weg umgeht einen Kontrollpunkt, der die normale Zuckerverbrennung bei Sauerstoffmangel blockiert, und liefert weiter Energie.

Wie alt wird ein Nacktmull?

Über 30 Jahre — Rekord unter den Nagetieren. Sein Sterberisiko steigt mit dem Alter nicht an, was ihn zu einem nahezu nicht alternden Säugetier macht.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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