Ein grün korrodierter Bronzeklumpen im Nationalen Archäologischen Museum in Athen ist die älteste bekannte Rechenmaschine der Menschheit: Der Antikythera-Mechanismus, gebaut im 2. oder 1. Jahrhundert vor Christus, berechnete mit Dutzenden ineinandergreifenden Zahnrädern die Positionen von Sonne und Mond, kündigte Finsternisse Jahrzehnte im Voraus an und zeigte, wann die nächsten panhellenischen Spiele anstanden. Man drehte an einer Kurbel – und der Himmel lief mit.
Stimmt das wirklich?
Das Objekt existiert, ist gut dokumentiert und öffentlich zu sehen. Schwammtaucher unter Kapitän Dimitrios Kontos bargen es 1900/1901 aus einem antiken Schiffswrack vor der kleinen Insel Antikythera, aus rund 45 Metern Tiefe. Zunächst hielt niemand den verkrusteten Metallbrocken für etwas Besonderes – erst im Mai 1902 entdeckte der Archäologe Valerios Stais darin ein eingebettetes Zahnrad.
Erhalten sind 82 Fragmente mit 30 Zahnrädern; rund acht weitere Räder haben Forscher aus dem Räderwerk rekonstruiert. Das größte Rad trägt 223 Zähne. Gefertigt wurde alles aus Bronzeblech von ein bis zwei Millimetern Stärke, das komplette Gerät maß etwa 31,5 × 19 × 10 Zentimeter – ein Schuhkarton in einem Holzgehäuse. Münzen aus dem Wrack datieren den Untergang auf etwa 70 bis 60 v. Chr., der Mechanismus selbst ist älter.
Warum gilt er als ältester Computer der Welt?
Weil er rechnet, statt nur anzuzeigen. Über eine seitliche Kurbel gab man ein Datum ein; die Übersetzungsverhältnisse der Zahnräder verwandelten diese eine Drehung in mehrere Ausgaben gleichzeitig: Sonnen- und Mondstand im Tierkreis, Mondphase, Finsternis-Warnungen, Kalenderjahre. Auf der Vorderseite lief ein Zeiger über einen Tierkreisring, auf der Rückseite drehten sich Zeiger in spiralförmigen Skalen.
Die Rechenregeln steckten in den Zähnezahlen. Der Metonische Zyklus (19 Sonnenjahre = 235 Mondmonate) brachte Sonnen- und Mondkalender wieder zur Deckung, der Saros-Zyklus (223 Mondmonate, knapp 18 Jahre) machte Finsternisse vorhersagbar. Für die ungleichmäßige Bewegung des Mondes bauten die Konstrukteure ein Stift-Schlitz-Getriebe ein: zwei leicht versetzt gelagerte Räder, die den Mondzeiger mal beschleunigen, mal bremsen. Das ist eine mechanisch verdrahtete Rechenoperation – analoger Computer im Wortsinn, ohne Programm und ohne Speicher.
Der Kalenderring zählte Mondmonate, keine Sonnentage
Lange galt als gesetzt, dass der Kalenderring auf der Vorderseite 365 Löcher hatte, passend zum ägyptischen Sonnenjahr. 2024 rechneten Graham Woan und Joseph Bayley von der University of Glasgow nach – mit Bayes-Statistik und Sampling-Verfahren, die sonst Gravitationswellen-Daten des LIGO-Detektors auswerten. Ergebnis, veröffentlicht im Horological Journal: Der Ring trug mit großem Abstand am wahrscheinlichsten 354 oder 355 Löcher, also ein griechisches Mondjahr. Ein Ring mit 360 Löchern ist nach ihrer Analyse rund hundertmal unwahrscheinlicher.
Klemmte der Antikythera-Mechanismus im Betrieb?
Diese Frage stellten 2025 Esteban Szigety und Gustavo Arenas von der Universidad Nacional de Mar del Plata. Ihr Preprint simuliert das Räderwerk mit den real vermessenen Zahnformen: dreieckige Zähne, exzentrisch gebohrte Naben, ungleiche Zahnabstände. In der Simulation lief der Mondzeiger bis zu 23 Grad falsch, und das Getriebe blockierte im Mittel nach etwa 121 bis 129 simulierten Tagen.
Die Autoren selbst halten das nicht für den Beweis eines untauglichen Geräts. Ihre Messdaten stammen von Zahnrädern, die 2000 Jahre in Salzwasser lagen, verformt und teils unvollständig sind, und die CT-Auflösung setzt Grenzen. Die Fertigungsfehler seien deshalb wahrscheinlich überschätzt. Ob der Antikythera-Mechanismus ein präzises Instrument oder ein prunkvolles Anschauungsmodell war, bleibt damit offen – die Mechanik war in beiden Fällen dieselbe.
Noch verrückter
Nach diesem Gerät verschwindet vergleichbare Feinmechanik für rund 1400 Jahre aus der Überlieferung. Erst die astronomischen Uhren im Europa des 14. Jahrhunderts erreichten wieder diese Komplexität. Entschlüsselt wurde das Räderwerk in Etappen: Der Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price durchleuchtete die Fragmente ab den 1950er-Jahren mit Röntgen- und Gammastrahlen, Michael Wright verfeinerte die Rekonstruktion in den 1990ern, und ab 2005 legte hochauflösende Computertomografie Zähnezahlen und tausende Buchstaben verborgener Inschriften frei – eine eingravierte Kurzanleitung auf den Deckplatten. 2021 führte ein Team um Tony Freeth am University College London alle bekannten Zahlen zu einem funktionierenden Planetenmodell zusammen, unter anderem mit den aus den Scans gelesenen Zyklen 462 für Venus und 442 für Saturn.
Das Wrack selbst liefert weiter Material. Zwischen dem 23. Mai und 20. Juni 2025 arbeitete ein Team der Schweizerischen Archäologischen Schule in Griechenland unter Lorenz Baumer an der Fundstelle und hob erstmals zusammenhängende Rumpfteile: drei Außenplanken, noch an einem inneren Spant. Sie belegen die Schalenbauweise des östlichen Mittelmeers, das Holz (Ulme und Eiche) deutet auf einen Baubeginn um 235 v. Chr. Das Schiff war also womöglich schon alt, als es mit Statuen, chiischen Amphoren – und einem Bronzecomputer – vor Antikythera sank.
Quellen
- Wikipedia: Mechanismus von Antikythera
- Woan & Bayley (2024): An improved calendar ring hole-count for the Antikythera mechanism
- scinexx: Klemmte der Antikythera-Mechanismus? (Studie Szigety & Arenas 2025)
- ESAG: Antikythera-Kampagne 2025 (Rumpffunde)
- Smithsonian Magazine: UCL-Rekonstruktion 2021
Häufige Fragen
Wie alt ist der Antikythera-Mechanismus?
Er stammt aus dem 2. oder 1. Jahrhundert vor Christus und ist damit über 2000 Jahre alt. Münzen datieren das Schiffswrack, in dem er lag, auf etwa 70 bis 60 v. Chr.
Warum gilt er als ältester Computer der Welt?
Weil er rechnet: Man gab per Kurbel ein Datum ein, und die Übersetzungen der Zahnräder lieferten daraus Sonnen- und Mondstand, Mondphase und Finsternis-Termine – eine mechanische Rechenmaschine ohne Elektronik.
Was konnte der Antikythera-Mechanismus anzeigen?
Sonnen- und Mondposition im Tierkreis, die Mondphase, Finsternisse über den Saros-Zyklus, den 19-jährigen metonischen Kalender, den Vierjahres-Rhythmus der panhellenischen Spiele und vermutlich die fünf bekannten Planeten.
Wo wurde er gefunden und wo ist er heute?
Schwammtaucher bargen ihn 1900/1901 aus einem Schiffswrack vor der griechischen Insel Antikythera in rund 45 Metern Tiefe. Die 82 Fragmente liegen heute im Nationalen Archäologischen Museum in Athen.
Funktionierte das Gerät wirklich zuverlässig?
Eine Simulation von 2025 fand Abweichungen bis 23 Grad und ein Klemmen nach wenigen Monaten. Die Autoren betonen aber, dass die vermessenen Räder 2000 Jahre im Meerwasser lagen – die Fehler sind vermutlich überschätzt.
