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Bärtierchen im Vakuum: Wie sie zehn Tage im offenen All überlebten

Makroaufnahme eines Bärtierchens an einem feuchten Moosstängel vor schwarzem Hintergrund

Ja, Bärtierchen im Vakuum überleben tatsächlich — das ist kein Internet-Mythos, sondern seit September 2007 im Orbit gemessen. Die europäische Weltraumorganisation ESA schickte damals rund 3.000 ausgetrocknete Tiere an der Außenhülle einer Kapsel ins offene All, öffnete dort die Klappe und holte sie nach zehn Tagen zurück. Ein Großteil ließ sich mit einem Tropfen Wasser wieder aufwecken, einige Weibchen legten danach Eier, aus denen normale Nachkommen schlüpften. Bärtierchen sind damit das erste Tier, das dem Vakuum des Weltraums ohne jede Hülle standgehalten hat.

Stimmt das wirklich?

Das Experiment hieß TARDIS („Tardigrades In Space“) und flog in der Biopan-6-Anlage an Bord der ESA-Mission FOTON-M3. Geleitet hat es der schwedische Zoologe K. Ingemar Jönsson von der Hochschule Kristianstad, beteiligt waren unter anderem das DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln und die Universität Stuttgart. Die Ergebnisse erschienen am 9. September 2008 in der Fachzeitschrift Current Biology — nachlesbar, mit Zahlen, nicht als Anekdote.

Und die Zahlen sind deutlich: Von der Art Richtersius coronifer, die im Vakuum lag, aber vor der direkten Sonnen-UV-Strahlung abgeschirmt war, waren nach dem Wiederbefeuchten über 68 Prozent binnen 30 Minuten wieder aktiv. Das nackte Vakuum plus kosmische Strahlung war für die Tiere also kaum ein Problem.

Zum Verhängnis wurde ihnen etwas anderes: das ungefilterte Sonnenlicht. In der Probe, die zusätzlich dem vollen UV-Spektrum ausgesetzt war — mehr als 7.000 Kilojoule pro Quadratmeter, rund das Tausendfache dessen, was am Erdboden ankommt —, kamen nur drei Tiere der Art Milnesium tardigradum zurück ins Leben. Wie selbst diese drei das geschafft haben, gilt bis heute als ungeklärt.

Warum Bärtierchen im Vakuum nicht platzen

Der Trick ist kein Schutzpanzer, sondern ein vollständiger Rückzug aus dem Leben. Wird es einem Bärtierchen zu trocken, zieht es Kopf und Beine ein und schrumpft zu einer winzigen Tonne — Fachleute nennen diese Form Tun. Dabei gibt das Tier fast sein ganzes Wasser ab: Statt der üblichen rund 85 Prozent bleiben nur noch 1 bis 3 Prozent. Der Stoffwechsel fällt auf nahezu null. Dieser scheintote Ruhezustand heißt Kryptobiose.

Damit löst sich das Rätsel: Ein Vakuum tötet normalerweise, weil es Wasser aus dem Körper zieht und Flüssigkeiten verdampfen lässt. Im Tun-Zustand gibt es aber kein Wasser mehr, das herausgerissen werden könnte. Das Tier atmet nicht, verbraucht keinen Sauerstoff, lebt schlicht nicht aktiv — und was nicht läuft, kann das Vakuum auch nicht anhalten. Damit die Eiweiße in dieser staubtrockenen Pause nicht zerfallen, bildet das Bärtierchen sogenannte CAHS-Proteine, die im Zellinneren zu einer glasartigen Gelstruktur erstarren und empfindliche Bauteile einschließen wie Insekten in Bernstein.

Neu ist der Blick auf den Auslöser: Aktuelle Arbeiten zeigen, dass die Tonnenbildung nicht einfach mechanisch durch Trockenheit passiert, sondern chemisch angestoßen wird — über reaktive Sauerstoffspezies und eine umkehrbare Oxidation von Cystein-Bausteinen im Körper. Der Zustand hat also einen Schalter, und der lässt sich auch ohne Austrocknung umlegen. Praktisch heißt das: Ohne langsames, kontrolliertes Eintrocknen klappt das spätere Aufwachen nicht zuverlässig — im Labor genauso wenig wie im All.

Noch verrückter: Strahlung, die uns tausendfach umbringen würde

Für einen Menschen liegt die tödliche Strahlendosis bei etwa 5 Gray. Bei Bärtierchen liegt die Dosis, ab der die Hälfte stirbt, je nach Strahlungsart bei rund 5.000 bis 6.200 Gray — grob das Tausendfache. Ein Teil der Erklärung heißt Dsup, kurz für „damage suppressor“: ein Eiweiß, das sich um das Erbgut legt und die aggressiven Radikale abfängt, bevor sie die DNA zerschneiden.

Seit 2024 kennt die Forschung noch mehr Werkzeuge aus diesem Kasten. Eine im Oktober 2024 in Science beschriebene, neu entdeckte Art (Hypsibius henanensis) repariert ihre DNA nicht nur schneller — über ein tardigraden-eigenes Protein namens TRID1 —, sie stellt unter Beschuss auch Betalaine her, dieselbe Pigmentklasse, die Rote Bete färbt und freie Radikale einfängt. Das zugehörige Gen stammt vermutlich per Genübertragung aus einem Pilz.

Und die Sache bleibt nicht im Kuriositätenkabinett: Am 26. Februar 2025 stellte ein Team des MIT und der University of Iowa in Nature Biomedical Engineering Nanopartikel vor, die den Bauplan für Dsup als mRNA in Mäuse einschleusen. In Mund- und Darmschleimhaut — den Geweben, die bei einer Strahlentherapie am meisten leiden — halbierten sich die DNA-Strangbrüche, während der Tumor weiterhin auf die Bestrahlung ansprach. Ein Fakt vom Facebook-Reel ist damit auf dem Weg in die Krebsmedizin.

Wo Bärtierchen sonst noch unterwegs waren

2011 flogen sie mit der Mission STS-134 zur Internationalen Raumstation; Schwerelosigkeit und kosmische Strahlung beeinflussten das Überleben dort nicht nennenswert. 2019 trampten getrocknete Tiere auf der israelischen Mondsonde Beresheet mit — als die Sonde abstürzte, dürften sie es nicht überstanden haben: Beschussversuche ergaben 2021 eine Überlebensgrenze von etwa 1,14 Gigapascal Stoßdruck, der Aufschlag lag darüber. Und selbst wenn: Auf dem Mond gibt es weder Wasser zum Aufwachen noch Futter.

Den Ausdauerrekord halten sie ohnehin auf der Erde. Japanische Forschende tauten 2014 eine Moosprobe auf, die 1983 in der Antarktis gesammelt und über 30 Jahre bei −20 °C gelagert worden war. Zwei Tiere und ein Ei erwachten. Eines der Tiere pflanzte sich anschließend fort, das eingefrorene Ei schlüpfte — der Nachwuchs war unauffällig. Bärtierchen im Vakuum sind also nur eine von vielen Grenzen, an denen diese halbmillimetergroßen Tiere einfach nicht sterben.

Verwandte Fakten & Quellen

  • Bärtierchen halten kurzzeitig kochend heißes Wasser aus und ebenso Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt.
  • Sie leben nicht im All, sondern in Moos, Flechten und Laubstreu — oft in Sichtweite der eigenen Haustür, eine Handvoll Moos reicht für einen Fund unter dem Mikroskop.
  • Der Tun-Zustand ist keine Magie, sondern Biochemie: Ohne Wasserfilm ringsherum fährt das Tier herunter, mit Wasser fährt es wieder hoch.

Quellen:

Häufige Fragen

Überleben Bärtierchen wirklich das Vakuum des Weltalls?

Ja. Bei der ESA-Mission FOTON-M3 lagen 2007 rund 3.000 Bärtierchen zehn Tage im offenen Weltraum. Vor UV-Strahlung geschützt wachten über 68 Prozent wieder auf und legten anschließend sogar Eier.

Wie überleben Bärtierchen ohne Sauerstoff und Druck?

Sie gehen in den Tun-Zustand: Der Körper trocknet auf 1 bis 3 Prozent Wasser aus, der Stoffwechsel stoppt fast völlig. Wo nichts aktiv läuft, kann das Vakuum auch nichts zerstören.

Was war das TARDIS-Experiment?

TARDIS („Tardigrades In Space“) flog 2007 an Bord der ESA-Kapsel FOTON-M3 unter Leitung von Ingemar Jönsson. Es war der erste Nachweis, dass ein Tier das offene Vakuum des Alls überlebt.

Wie viel Strahlung halten Bärtierchen aus?

Je nach Strahlungsart sterben erst bei rund 5.000 bis 6.200 Gray die Hälfte der Tiere. Für Menschen sind schon etwa 5 Gray tödlich — das ist grob das Tausendfache.

Wie lange kann ein Bärtierchen im Ruhezustand überdauern?

Der Rekord liegt bei über 30 Jahren: 2014 tauten Forschende antarktisches Moos von 1983 auf, zwei Tiere und ein Ei erwachten — eines pflanzte sich danach normal fort.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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