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Seegurke: Warum sie bei Gefahr ihre Innereien ausspuckt

Eine Seegurke liegt auf sandigem Korallenriff-Boden im klaren blauen Meerwasser

Wird eine Seegurke angegriffen, stößt sie ihre eigenen Eingeweide aus dem Körper – Darm, Teile des Verdauungstrakts, bei manchen Arten fast alle inneren Organe auf einmal. Der Räuber stürzt sich auf den ausgeworfenen Happen, die Seegurke kriecht davon. Was für uns tödlich endete, ist für sie ein kalkuliertes Manöver: Innerhalb von ein bis mehreren Wochen wachsen die verlorenen Organe vollständig nach.

Stimmt das wirklich?

Ja. Der Fachbegriff dafür ist Eviszeration – das gezielte Ausstoßen der Eingeweide. Seegurken (Seewalzen, Klasse Holothuroidea) gehören zu den Stachelhäutern und sind damit entfernte Verwandte von Seesternen und Seeigeln. Weltweit sind rund 1150 lebende Arten bekannt, von 5 Millimeter kleinen Zwergen bis zu 2 Meter langen Riesen. Bei Gefahr presst das Tier durch eine plötzliche Kontraktion seines Hautmuskelschlauchs den Enddarm oder gleich den kompletten Innenapparat nach außen.

Manche Arten haben dafür sogar ein Spezialorgan: die Cuvierschen Schläuche. Das sind zwei klebrige, in den Enddarm mündende Schlauchbündel, die dem Angreifer aus dem After entgegengeschleudert werden. Im Kontakt mit Meerwasser quellen sie zu einem zähen, extrem dehnbaren Netz aus klebrigen Fäden auf, in dem sich Fische und Krebse hoffnungslos verheddern.

Warum ist das so?

Der Trick liegt im Bindegewebe. Stachelhäuter besitzen ein sogenanntes veränderliches Kollagengewebe (mutable collagenous tissue). Anders als unsere feste Sehne kann die Seegurke die Festigkeit dieses Gewebes über Nervenimpulse in Sekunden von steif auf flüssig-weich umschalten. An drei definierten Sollbruchstellen – am Vorderkörper, an der Muskelsehne des Schlundes und an der Verbindung von Darm und Kloake – löst sich das Gewebe blitzartig auf. Der Innenapparat rutscht heraus, ohne dass eine offene, blutende Wunde entsteht.

Die anschließende Regeneration ist kein simples Zuwachsen. Das verbliebene Gewebe wird komplett umgebaut: Spezialisierte Zellen wandeln sich zurück in einen unspezialisierten Zustand, wandern an die richtige Stelle, teilen sich und reifen dann erneut zu Darm-, Muskel- oder Drüsenzellen aus. So entsteht aus einem Rest ein funktionierendes neues Organsystem.

Noch verrückter:

Der Klebstoff ist oft nur die halbe Miete. Viele Seegurken lagern in ihr Gewebe und ihre Cuvierschen Schläuche ein Gift namens Holothurin ein – ein Saponin, das die Kiemen von Fischen lähmt. Angreifer werden also gleichzeitig festgeklebt und chemisch außer Gefecht gesetzt.

Und die Seegurke ist alles andere als ein Randphänomen. In der Tiefsee ab 4000 Metern stellen Seewalzen den Großteil der gesamten am Boden lebenden Biomasse. Sie kommen in allen Meeren und in praktisch jeder Tiefe vor – noch in über 10.000 Metern, tiefer als der Mount Everest hoch ist. Als lebende Staubsauger des Meeresbodens filtern sie unermüdlich Sediment und recyceln Nährstoffe. Ein unscheinbares Tier, das den Kern seines eigenen Körpers als Wegwerf-Köder benutzt – und ihn danach einfach neu baut.

Verwandte Fakten

Die Fähigkeit, verlorene Körperteile nachwachsen zu lassen, teilt die Seegurke mit anderen Meister-Regenerierern der Tierwelt – vom Axolotl über den Seestern bis zum Oktopus mit seinen drei Herzen. Und wie bei vielen Bewohnern der lichtlosen Tiefe verbergen sich hinter dem schlichten Äußeren erstaunliche Überlebenstricks.

Quellen

  • Spektrum – Lexikon der Biologie: „Seewalzen“ (Eviszeration, Regeneration, Artenzahl, Tiefenverbreitung)
  • Wikipedia: „Cuviersche Schläuche“ (Abwehrfunktion, Holothurin)
  • NCBI/PMC: „Mutable Collagenous Tissues Associated with Autotomy and Evisceration in Dendrochirotid Holothuroids“ (Sollbruchstellen, veränderliches Kollagengewebe)

Häufige Fragen

Warum stößt eine Seegurke ihre Innereien aus?

Als Abwehr: Der ausgeworfene Innenapparat lenkt den Räuber ab, während die Seegurke selbst entkommt. Der Vorgang heißt Eviszeration.

Wachsen die Organe der Seegurke wirklich nach?

Ja, vollständig. Innerhalb von ein bis mehreren Wochen baut das Tier Darm und innere Organe komplett neu auf – über Zellumbau und -teilung des verbliebenen Gewebes.

Was sind Cuviersche Schläuche?

Zwei klebrige Schlauchbündel, die manche Seegurken dem Angreifer entgegenschleudern. Im Meerwasser bilden sie ein zähes, dehnbares Fadennetz, das Fische und Krebse festhält.

Ist die Seegurke giftig?

Viele Arten lagern das Saponin Holothurin ein, das die Kiemen von Fischen lähmt. Für Menschen sind die meisten Seegurken bei Kontakt ungefährlich, einige werden sogar gegessen.

Stirbt die Seegurke, wenn sie ihre Eingeweide ausstößt?

Nein. Das Ausstoßen läuft über definierte Sollbruchstellen ab, ohne offene Wunde. Die Seegurke überlebt und regeneriert die verlorenen Organe.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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