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Mauersegler-Flug: 10 Monate ohne eine Landung

Ein Mauersegler gleitet mit sichelförmig zurückgestreckten Flügeln hoch am abendlichen Himmel.

Ein Mauersegler hebt im Spätsommer ab und berührt erst zehn Monate später wieder festen Grund. Dazwischen liegt kein einziger Stopp – kein Ast, kein Dach, kein Boden. Er jagt, schläft, trinkt und paart sich im Flug. Ein besendertes Tier blieb 314 Tage am Stück oben. Das ist der längste ununterbrochene Flug, der je bei einem Vogel gemessen wurde.

Stimmt das wirklich?

Ja, und es ist sauber belegt. Ein Team um den Biologen Anders Hedenström von der Universität Lund schnallte 19 Mauerseglern winzige Datenlogger auf den Rücken – Sensoren, die Licht, Beschleunigung und die ungefähre Position aufzeichneten. Die Ergebnisse erschienen 2016 im Fachjournal Current Biology.

Die Auswertung zeigte: Nachdem die Vögel ihr Brutgebiet verlassen hatten, blieben sie rund zehn Monate nahezu ununterbrochen in der Luft – auch in ihrem Winterquartier in den zentralafrikanischen Regenwäldern. Manche Tiere ruhten ab und zu für ein paar Stunden, andere kein einziges Mal. Ein Vogel war über 314 Tage hinweg nur etwa zwei Stunden inaktiv. Damit hält der Mauersegler den dokumentierten Rekord für den längsten Nonstop-Flug im Vogelreich.

Wie schläft ein Tier, das nie landet?

Genau das ist die Frage, die Forschende am meisten umtreibt – denn schlafen muss auch ein Mauersegler. Die Beschleunigungsdaten lieferten einen Hinweis: In der Morgen- und Abenddämmerung steigen die Vögel auffällig hoch auf, teils zwei bis drei Kilometer weit, gemessen wurden Schlafhöhen zwischen rund 400 und 3.600 Metern. Oben angekommen, gleiten sie langsam abwärts und legen dabei vermutlich kurze Nickerchen ein.

Die wahrscheinlichste Erklärung ist der sogenannte Halbhirnschlaf: Eine Gehirnhälfte ruht, während die andere wach bleibt und die Steuerung übernimmt. Dasselbe Prinzip kennt man von Delfinen und von Fregattvögeln, die ebenfalls im Flug schlafen. Beweisen lässt sich das beim Mauersegler bisher nicht direkt – die vorhandenen Daten passen aber genau zu diesem Bild.

Fressen, trinken und paaren – alles im Flug

Der Trick ist, dass der Mauersegler praktisch alles, was er zum Leben braucht, in der Luft findet. Seine Nahrung ist das sogenannte Luftplankton: Insekten und kleine Spinnen, die der Wind nach oben trägt. Er fängt sie mit weit geöffnetem Schnabel im Vorbeiflug. Zur Brutzeit kann ein fütterndes Paar an einem einzigen Tag über 20.000 Insekten und damit rund 50 Gramm Futter herbeischaffen.

Getrunken wird im Tiefflug: Der Vogel gleitet flach und schnell über eine Wasseroberfläche und schöpft im Vorbeistreichen einen Schluck. Selbst die Paarung gelingt vielen Tieren in der Luft – solche Flugkopulationen beginnen in etwa 80 Metern Höhe und dauern nur zwei bis vier Sekunden. Nistmaterial sammelt der Mauersegler ebenfalls fliegend: Halme, Federn und Pollen, die in der Luft schweben, fischt er einfach im Vorbeiflug heraus.

Der Boden ist für ihn dagegen ein gefährlicher Ort. Seine Füße sind winzig, alle vier Zehen zeigen nach vorn – gut zum Festklammern an einer senkrechten Wand, fast unbrauchbar zum Laufen. Nicht umsonst trägt die Art den wissenschaftlichen Namen Apus apus, was sich frei mit „ohne Füße“ übersetzen lässt.

Noch verrückter: Jungvögel, die jahrelang nicht landen

Der Zehn-Monats-Rekord betrifft erwachsene Tiere zwischen zwei Brutsaisons. Jungvögel treiben es noch weiter. Sobald ein Mauersegler das Nest verlässt, ist er sofort auf sich gestellt und verbringt schon die erste Nacht in der Luft. Bis er sich zum ersten Mal selbst fortpflanzt, vergehen oft zwei bis drei Jahre – und in dieser ganzen Zeit landet er nach Einschätzung von Vogelkundlern womöglich kein einziges Mal.

Rechnet man das über ein ganzes Mauersegler-Leben hoch, kommen schwindelerregende Strecken zusammen. Ein altes Tier von rund 20 Jahren soll in seinem Leben so weit geflogen sein, dass die Strecke etwa sieben Hin- und Rückflügen zum Mond entspricht. Für einen Vogel, der kaum schwerer ist als ein Schokoriegel, ist das eine der erstaunlichsten Leistungen der Tierwelt.

Quellen

  • Hedenström, A. et al. (2016): Annual 10-Month Aerial Life Phase in the Common Swift. Current Biology, DOI: 10.1016/j.cub.2016.09.014
  • scinexx.de – „Zehn Monate in der Luft: Mauersegler frisst und schläft im Dauerflug“
  • natur.de (wissenschaft.de) – „Rekord: Zehn Monate Nonstop-Flug“
  • Wikipedia – „Mauersegler“ (Biologie, Flug- und Schlafverhalten)

Häufige Fragen

Wie lange bleibt ein Mauersegler ununterbrochen in der Luft?

Erwachsene Mauersegler bleiben zwischen zwei Brutsaisons rund zehn Monate nahezu ununterbrochen in der Luft. Ein besendertes Tier war über 314 Tage hinweg nur etwa zwei Stunden inaktiv.

Wie schläft der Mauersegler im Flug?

Vermutlich im Halbhirnschlaf: Eine Gehirnhälfte ruht, die andere steuert weiter. In der Dämmerung steigt er bis zu drei Kilometer hoch und gleitet dann langsam abwärts.

Wie frisst und trinkt ein Mauersegler, wenn er nie landet?

Er fängt Insekten und kleine Spinnen – das sogenannte Luftplankton – mit offenem Schnabel im Flug. Getrunken wird im flachen Gleitflug über Wasseroberflächen.

Warum kann der Mauersegler kaum am Boden laufen?

Seine Füße sind sehr klein und alle vier Zehen zeigen nach vorn. Das ist ideal zum Festklammern an senkrechten Wänden, aber fast unbrauchbar zum Laufen am Boden.

Stimmt es, dass junge Mauersegler jahrelang nicht landen?

Jungvögel sind direkt nach dem Ausflug selbstständig und verbringen die erste Nacht in der Luft. Bis zur ersten eigenen Brut vergehen oft zwei bis drei Jahre, in denen sie womöglich gar nicht landen.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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