Im Wald Südost-Australiens heult eine Kettensäge auf, klickt ein Kameraauslöser, schrillt ein Autoalarm – und weit und breit ist keines dieser Geräte zu sehen. Verantwortlich ist ein Vogel von der Größe eines Huhns: der Leierschwanz. Er kopiert Klänge so genau, dass selbst die Tiere, die er nachahmt, den Unterschied kaum hören. Doch ausgerechnet die berühmte Kettensäge hat einen Haken, den fast niemand mit erzählt.
Stimmt das wirklich?
Der Prachtleierschwanz (Menura novaehollandiae) gilt als der begabteste Stimmimitator der Tierwelt. Ein einzelnes Männchen ahmt im Wald die Rufe von mehr als 20 anderen Vogelarten nach – so exakt, dass die kopierten Arten oft selbst darauf hereinfallen. Dazu kommen Flügelschläge, Hundegebell und sogar der Ruf von Koalas.
Die spektakulären Imitationen von Kettensäge, Bohrmaschine und Kameraauslöser stammen allerdings fast ausnahmslos von Vögeln in Gefangenschaft. Das bekannteste Beispiel ist ein Männchen namens „Chook“ aus dem Zoo von Adelaide, das sein Werkzeug-Repertoire angeblich beim Bau des Panda-Geheges aufschnappte und 2011 im Alter von 32 Jahren starb. Auch die berühmten Fernsehaufnahmen mit David Attenborough zeigten überwiegend Zoo- und Sanctuary-Vögel.
Der ehrliche Stand der Forschung: Es gibt bis heute keine bestätigte Aufnahme eines wildlebenden Leierschwanzes, der mechanische Menschengeräusche nachahmt. In freier Wildbahn kopieren die Vögel vor allem, was den Wald erfüllt – andere Vögel, nicht Motorsägen.
Warum kann er das?
Der Schlüssel liegt im Stimmapparat der Vögel, der Syrinx. Sie sitzt tief in der Brust, dort wo sich die Luftröhre in die beiden Bronchien gabelt – also anders als beim Menschen, dessen Stimme im Kehlkopf entsteht. Die Syrinx hat zwei getrennte Klangquellen, die ein Vogel unabhängig voneinander steuern kann.
Kurios ist dabei ein Detail: Der Leierschwanz besitzt sogar weniger Muskelpaare in der Syrinx als ein typischer Singvogel – drei statt vier. Sein Können liegt also nicht an einem besonders komplizierten Instrument, sondern an der unglaublichen Präzision, mit der er Tonhöhe, Rhythmus und Klangfarbe einer Vorlage nachbildet. Er lernt dabei rein nach Gehör und übernimmt schlicht, was seinen Lebensraum akustisch dominiert.
Und warum tut er das überhaupt?
Die Imitationen sind kein Spiel, sondern harte Balz. Männchen bauen im Wald kleine Erdhügel als Bühne, breiten ihren namensgebenden, leierförmigen Schwanz auf und legen dann ihr komplettes Klangrepertoire vor. Je größer und vielfältiger dieser „Song“, desto eher lässt sich ein Weibchen auf die Paarung ein – das Repertoire ist die Bewerbung.
Noch verrückter wird es bei einer Entdeckung aus dem Jahr 2021: Männchen imitieren während der Paarung den Lärm eines ganzen gemischten Vogelschwarms in Alarmstimmung – so, als lauere in der Nähe ein Fressfeind. Die Forschenden deuten das als Trick: Die vorgetäuschte Gefahr hält das Weibchen davon ab, den Ort vorzeitig zu verlassen, und erhöht so die Chance des Männchens auf Nachwuchs.
Wo lebt dieser Klang-Virtuose?
Es gibt zwei Arten. Der Prachtleierschwanz bewohnt die feuchten Wälder von Victoria über das Australian Capital Territory und New South Wales bis in den äußersten Südosten von Queensland; nach Tasmanien wurde er eingeführt. Der seltenere Albert-Leierschwanz lebt in einem kleinen Regenwaldgebiet im Süden von Queensland. Beide sind bodennah unterwegs, scheu und außerhalb der Balz kaum zu Gesicht zu bekommen – man hört sie lange, bevor man sie sieht.
Quellen
- The Conversation – Lyrebirds mimicking chainsaws: fact or lie?
- Mongabay – Male superb lyrebirds trick females via mimicry (2021)
- Evolutionary Ecology (Springer) – Selective alarm call mimicry im Balzdisplay
Häufige Fragen
Imitiert der Leierschwanz wirklich eine Kettensäge?
Ja, aber fast nur in Gefangenschaft. Für wildlebende Leierschwänze gibt es bis heute keine bestätigte Aufnahme, die mechanische Menschengeräusche wie eine Kettensäge nachahmt.
Welche Geräusche kann ein Leierschwanz nachmachen?
In der Natur vor allem die Rufe von über 20 Vogelarten sowie Flügelschläge. In Menschennähe kommen Kameraauslöser, Autoalarm, Bohrmaschine und Hundegebell dazu.
Warum imitiert der Leierschwanz Geräusche?
Männchen locken damit Weibchen an: Je größer und vielfältiger das Klangrepertoire bei der Balz, desto höher die Chance auf eine Paarung.
Wie schafft der Leierschwanz so exakte Imitationen?
Über seinen Stimmapparat, die Syrinx. Trotz weniger Muskelpaare als andere Singvögel steuert er Tonhöhe, Rhythmus und Klangfarbe extrem präzise und lernt rein nach Gehör.
Wo lebt der Leierschwanz?
In den feuchten Wäldern Südost-Australiens. Es gibt zwei Arten: den weit verbreiteten Prachtleierschwanz und den seltenen Albert-Leierschwanz im Süden von Queensland.
