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Haareis: Wie ein Pilz seidige Eishaare wachsen lässt

Feine weiße Eishaare wachsen an einem morschen Ast im winterlichen Wald

Auf einem morschen Ast im Winterwald sitzt ein Büschel schneeweißer Fäden, fein wie gesponnener Zucker. Das ist Haareis – und es wächst nur, wenn ein bestimmter Pilz im toten Holz mitarbeitet. Ohne ihn bildet dasselbe Wasser bloß eine formlose Eiskruste. Der Pilz dagegen formt die Wassereisfäden zu seidigen Haaren von kaum einem hundertstel Millimeter Dicke, die bis zu 20 Zentimeter lang werden können.

Stimmt das wirklich?

Ja, und der Beweis ist erstaunlich frisch. Ein Forschungsteam um Diana Hofmann, Gisela Preuss und Christian Mätzler veröffentlichte 2015 in der Fachzeitschrift Biogeosciences die Studie „Evidence for biological shaping of hair ice“. Auf jedem einzigen untersuchten Holzstück mit Haareis fanden sie denselben Pilz: Exidiopsis effusa, einen unscheinbaren Rindenpilz. Auf mehr als der Hälfte der Proben war er sogar der einzige anwesende Pilz.

Den Gegentest lieferte schon Anfang der 2000er der Berner Naturforscher Gerhart Wagner: Behandelt man das Holz mit einem Fungizid oder übergießt es mit heißem Wasser, entsteht kein Haareis mehr – nur noch eine gewöhnliche Eisschicht. Der Pilz ist also keine zufällige Begleiterscheinung, sondern die Bedingung für die Haare.

Warum wachsen die Eishaare?

Die treibende Kraft ist ein rein physikalischer Vorgang namens Eissegregation. Sinkt die Temperatur knapp unter null Grad, gefriert das Wasser nahe der Holzoberfläche zuerst. Diese Eisschicht wirkt wie eine Sperre: Das noch flüssige Wasser in den Poren des Holzes wird durch Saugkraft nach außen gedrückt, gefriert am Rand der bestehenden Eisfläche an und schiebt so Schritt für Schritt einen hauchdünnen Eisfaden aus dem Holz heraus. Heraus kommt das Eis ausschließlich aus den Markstrahlen des Holzes – nie aus der Rinde.

Eissegregation allein erklärt aber nur klobige Eisnadeln. Den Feinschliff liefert der Pilz. Nahe dem Gefrierpunkt würden sich winzige Eiskristalle normalerweise binnen Minuten zu groben Klumpen zusammenlagern. Exidiopsis effusa gibt jedoch Stoffe ab, die wie ein Frostschutzmittel wirken und genau diese Umkristallisation hemmen. Dazu kommen zwei natürliche Holzbestandteile, Lignin und Tannin, die den Effekt unterstützen. So bleiben die Fäden über Stunden, manchmal Tage hauchfein und stabil, statt zu einer Kruste zu verschmelzen.

Die nötigen Bedingungen sind eng: feuchtes, totes Holz von Laubbäumen wie Buche, Eiche oder Ahorn, eine Lufttemperatur knapp unter null Grad und hohe Luftfeuchtigkeit. Weil Haareis bei Sonnenlicht schnell schmilzt, bekommt man es fast nur in den frühen Morgenstunden zu sehen.

Noch verrückter: Ein Kontinentaldrift-Pionier hatte recht

Den ersten richtigen Verdacht äußerte ausgerechnet Alfred Wegener – derselbe Geophysiker, der die Theorie der Kontinentaldrift begründete. Schon 1918 brachte er das Haareis mit dem Myzel, dem fadenförmigen Geflecht eines Pilzes, in Verbindung. Es dauerte fast hundert Jahre, bis Labor und Mikroskop ihm recht gaben. Beobachtet wird das Phänomen vor allem in Laubwäldern zwischen 45 und 55 Grad nördlicher Breite – mitten in Mitteleuropa also, direkt vor der Haustür.

Besonders schön ist der Kontrast: Lege man zwei gleich morsche Äste nebeneinander, trägt nur jener Haareis, in dem der Pilz lebt. Der andere bekommt im selben Frost nur eine glanzlose Eiskruste. Das geisterhafte Kunstwerk ist also nicht Zauberei, sondern Teamarbeit von Physik, Holzchemie und einem Pilz, den man mit bloßem Auge kaum bemerkt.

Quellen

Häufige Fragen

Was ist Haareis?

Haareis sind hauchfeine, schneeweiße Eisfäden von etwa einem hundertstel Millimeter Dicke, die bei leichtem Frost aus totem, feuchtem Laubholz wachsen und bis zu 20 Zentimeter lang werden können.

Welcher Pilz verursacht Haareis?

Verantwortlich ist der Rindenpilz Exidiopsis effusa. Er gibt einen frostschutzähnlichen Stoff ab, der verhindert, dass die feinen Eiskristalle zu einer groben Kruste zusammenfrieren.

Wie entstehen die feinen Eishaare?

Durch Eissegregation: Gefrorenes Wasser an der Holzoberfläche drückt flüssiges Wasser aus den Poren nach außen, wo es gefriert und einen dünnen Faden herausschiebt. Der Pilz hält den Faden dabei seidig fein.

Wann und wo kann man Haareis sehen?

An feuchtem, totem Laubholz wie Buche, Eiche oder Ahorn, bei Temperaturen knapp unter null Grad und hoher Luftfeuchte – meist nur früh morgens, weil es bei Sonne schnell schmilzt.

Ist Haareis selten?

Es ist nicht extrem selten, aber leicht zu übersehen. Es kommt vor allem in Laubwäldern zwischen 45 und 55 Grad nördlicher Breite vor, also auch in Mitteleuropa.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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