Über dem Golf von Carpentaria im Norden Australiens schiebt sich an manchen Frühlingsmorgen ein Gebilde über den Himmel, das aussieht wie eine bis zu 1.000 Kilometer lange, rollende Walze aus Wolke. Ihr Name: Morning Glory. Sie entsteht durch eine Welle in den unteren Luftschichten – einen sogenannten Schwerewellen-Bore – und ist der einzige Wolkentyp der Welt, der sich an einem festen Ort zuverlässig vorhersagen lässt.
Stimmt das wirklich?
Die Maße klingen erfunden, sind aber gut dokumentiert. Eine einzelne Morning-Glory-Walze wird typischerweise ein bis zwei Kilometer breit und etwa einen Kilometer tief, kann sich aber über mehrere hundert bis zu rund 1.000 Kilometer in die Länge ziehen. Ihre Basis liegt oft nur 100 bis 200 Meter über dem Boden, sie selbst reicht bis ein bis zwei Kilometer in die Höhe. Über den Himmel bewegt sie sich mit etwa 10 bis 20 Metern pro Sekunde – das sind 36 bis 72 km/h.
Verlässlich beobachten lässt sie sich nur an einem Ort: rund um die Kleinstadt Burketown im Bundesstaat Queensland, am südlichen Rand des Golfs von Carpentaria. Das ist weltweit die einzige Region, in der das Phänomen regelmäßig vorhergesagt und gesehen werden kann. Hauptsaison ist das Ende der Trockenzeit, etwa von Anfang September bis Mitte November, und immer in den frühen Morgenstunden.
Warum ist das so?
Verantwortlich ist die Cape-York-Halbinsel östlich des Golfs. Sie ist breit genug, dass sich tagsüber an beiden Küsten Seewinde bilden: von der Korallensee im Osten und vom Golf im Westen. Diese beiden Windsysteme treffen sich über dem Rückgrat der Halbinsel, drücken die Luft nach oben und lassen dort eine Wolkenlinie entstehen.
In der Nacht kühlt die Luft ab und sinkt, gleichzeitig bildet sich über dem Golf eine bodennahe Inversion – eine Schicht kühler Luft unter wärmerer, feuchter Luft. Schiebt sich die kühle Luft nun wie die Bugwelle eines Schiffs unter die warme, läuft eine Welle durch die Atmosphäre, ein sogenannter undular bore. An der Vorderkante dieser Welle wird feuchte Luft angehoben, kühlt ab und kondensiert zu Wolke; an der Rückseite sinkt sie wieder und löst sich auf. Vorne entsteht also ständig neue Wolke, hinten verschwindet sie – das erzeugt den Eindruck, dass die ganze Walze über den Himmel rollt.
Noch verrückter:
Wenn eine Morning Glory durchzieht, spielt der Wind am Boden verrückt: plötzliche Böen und kräftige Windscherung treten auf, und in dem Moment, in dem die Wolke direkt überrollt, kann der Bodenwind kurz völlig zum Erliegen kommen. Genau diese aufsteigende Luft an der Vorderkante macht das Phänomen für Segelflieger zum Magneten – Piloten reisen eigens nach Burketown, um die Welle zu „reiten“ und kilometerweit ohne Motor an der Wolke entlangzugleiten.
Garantiert ist das Schauspiel allerdings nie: Wie oft eine saubere Walze entsteht, schwankt stark von Jahr zu Jahr. Ähnliche Roll-Wolken wurden auch in Kanada, den USA, Brasilien, im Libanon, in Südafrika und in den Niederlanden beobachtet – aber nirgends so vorhersagbar wie am Golf von Carpentaria.
Quellen
- Wikipedia – Morning Glory cloud
- Geography Realm – These Clouds Only Predictably Form in Australia
- LMU München, Meteorologie – The Morning Glory
Häufige Fragen
Wo entsteht die Morning-Glory-Wolke?
Am südlichen Golf von Carpentaria im Norden Australiens. Zuverlässig beobachten lässt sie sich nur rund um die Stadt Burketown im Bundesstaat Queensland.
Wann tritt die Morning Glory auf?
Vor allem zum Ende der Trockenzeit, etwa von Anfang September bis Mitte November, und stets in den frühen Morgenstunden.
Wie groß wird die Wolke?
Eine Walze wird 1–2 km breit und rund 1 km tief, kann sich aber bis zu etwa 1.000 km in die Länge ziehen. Ihre Basis liegt oft nur 100–200 m über dem Boden.
Warum rollt die Morning-Glory-Wolke?
Eine atmosphärische Welle (undular bore) hebt vorne feuchte Luft an, wo sie kondensiert, hinten sinkt sie und löst sich auf. So entsteht ständig neue Wolke an der Front – es wirkt, als rolle die Walze.
Kann man auf der Morning Glory Segelfliegen?
Ja. Die aufsteigende Luft an der Vorderkante trägt Segelflugzeuge, weshalb Piloten eigens nach Burketown reisen, um die Welle zu reiten.
