Bis zu 28 Blitze pro Minute, neun Stunden am Stück, Nacht für Nacht: Über der Mündung des Río Catatumbo in den Maracaibo-See in Venezuela entlädt sich das beständigste Gewitter der Erde. Das Catatumbo-Gewitter am Maracaibo-See kommt auf rund 250 Blitze pro Quadratkilometer und Jahr — die höchste Blitzdichte, die Satelliten irgendwo auf diesem Planeten gemessen haben. Die Barí nennen die Stelle seit jeher Catatumbo, „Haus des Donners“.
Stimmt das wirklich?
Ja, und die Grundlage sind Satellitendaten, kein Reiseprospekt. Die NASA wertete 17 Jahre Messungen des Lightning Imaging Sensor (TRMM-Satellit) und des Optical Transient Detector aus. Ergebnis: rund 250 Blitze pro Quadratkilometer und Jahr über dem Südzipfel des Sees. Die zugehörige Fachauswertung im Bulletin of the American Meteorological Society (Albrecht u. a., 2016) nennt für den absoluten Spitzenpunkt 232,5 Blitze pro Quadratkilometer und Jahr — je nach Auflösung des Rasters fällt der Wert etwas anders aus, an Platz eins ändert das nichts.
Damit verdrängte der Maracaibo-See das kongolesische Dorf Kifuka, das jahrelang als blitzreichster Ort galt. Seit 2014 steht der See auch im Guinness-Buch, mit genau dieser Kennzahl. Pro Gewitternacht kommen 16 bis 40 Entladungen pro Minute zusammen, im Mittel etwa 28 — hochgerechnet grob 1,6 Millionen Blitze im Jahr.
Bei der Zahl der Gewitternächte gehen die Angaben auseinander, und das hat einen Grund: Es kommt darauf an, was man zählt. Für das Gewitter direkt über der Flussmündung liest man meist 140 bis 160 Nächte; zählt man jede Blitzaktivität irgendwo im Seebecken, kommt die NASA auf rund 300 aktive Tage im Jahr. Beide Zahlen stimmen — sie messen nur nicht dasselbe.
Warum das Catatumbo-Gewitter am Maracaibo-See fast jede Nacht zündet
Der Schlüssel ist die Form der Landschaft. Der See liegt in einer nach Norden offenen Schüssel: Im Westen riegeln die Perijá-Berge ab (bis rund 3.750 Meter), im Osten und Süden die Cordillera de Mérida der Anden. Nach Norden bleibt nur ein schmales Fenster zum Golf von Venezuela und zur warmen Karibik.
Dazu kommt der Heizkörper in der Mitte. Das Seewasser liegt fast ganzjährig bei 28 bis 31 Grad und liefert ununterbrochen Wärme und Feuchte an die Luft darüber. Nach Sonnenuntergang kühlt das umliegende Land schneller ab als der See, und ein nächtlicher Tiefebenen-Wind — der Maracaibo-Basin-Nocturnal-Low-Level-Jet — schiebt feuchte Karibikluft über das Wasser nach Süden. An den Bergketten wird diese Luft schlagartig nach oben gezwungen, kühlt ab, kondensiert. Weil Topografie und Windmuster jeden Abend gleich funktionieren, wiederholt sich auch das Gewitter — deshalb beginnt es zuverlässig kurz nach der Dämmerung und läuft im Fenster zwischen etwa 19:30 und 4:30 Uhr.
Lange kursierte die These, austretendes Methan aus Sümpfen und Erdölfeldern mache die Luft besonders leitfähig. Sie stammt aus Arbeiten der späten 1990er und gilt heute als überholt: Wäre Methan der Treiber, müsste es in der Trockenzeit am meisten blitzen. Beobachtet wird das Gegenteil. Die tatsächlichen Schwankungen folgen großräumigen Signalen — der innertropischen Konvergenzzone, El Niño und dem karibischen Low-Level-Jet. Genau das macht das Phänomen berechenbar: Ein Team um Ángel G. Muñoz konnte die Blitzaktivität saisonal bis zu drei Monate im Voraus abschätzen.
Wann es am heftigsten blitzt
Das Catatumbo-Gewitter am Maracaibo-See hat einen klaren Jahresgang. Am stärksten ist es im September und Oktober, eine zweite aktive Phase liegt etwa zwischen Mai und Juli. In beiden Fenstern schwächelt der karibische Low-Level-Jet: Ist er kräftig, erzeugt er starke Windscherung, die die aufsteigenden Gewitterzellen abwürgt. Lässt er nach, dürfen die Zellen ungestört in die Höhe wachsen.
Am ruhigsten ist der See im Januar und Februar — die trockensten Monate, in denen deutlich weniger Feuchte nachgeliefert wird. Wer das Schauspiel sehen will, plant es also nicht für den Winter.
Noch verrückter:
Der Dauerblitz war so verlässlich, dass er jahrhundertelang als natürlicher Leuchtturm diente. Seefahrer nannten ihn „Leuchtturm von Maracaibo“ oder „Laternen des Heiligen Antonius“ und navigierten nachts danach. Einer Überlieferung nach verriet das Blitzlicht 1595 die Schiffe von Sir Francis Drake, der einen nächtlichen Überraschungsangriff auf Maracaibo plante — der Angriff scheiterte. Bis heute trägt der Bundesstaat Zulia die Blitze in Flagge und Wappen.
Und das Gewitter kann tatsächlich verstummen. Von Januar bis März 2010 setzte es wegen einer schweren Dürre fast vollständig aus; damals fürchteten manche, der Blitz sei für immer erloschen. Nach einigen Monaten kam er zurück und blitzt seither weiter — ein Hinweis darauf, wie eng das Phänomen an Feuchtigkeit und Wassertemperatur hängt, nicht an einer geheimnisvollen Dauerquelle.
Kann man dort hinfahren?
Technisch ja: Beobachtet wird meist von den Pfahlbau-Dörfern Ologá und Congo Mirador aus, die man per Boot über den Süden des Sees erreicht; die Touren starten in der Regel in Maracaibo oder an der Uferregion Puerto Concha und dauern zwei bis drei Tage. Praktisch ist die Lage heikel — das Auswärtige Amt warnt (Stand August 2026) vor Reisen in die Grenzstaaten zu Kolumbien, wozu Zulia mit Ausnahme der Stadt Maracaibo gehört, und rät von Reisen in das übrige Venezuela ab. Wer das Catatumbo-Gewitter am Maracaibo-See mit eigenen Augen sehen möchte, liest also besser zuerst die aktuellen Sicherheitshinweise und danach den Tourenprospekt.
Verwandte Fakten
- Ein Blitzkanal heizt die Luft kurzzeitig auf rund 30.000 Grad auf — etwa das Fünffache der Sonnenoberfläche. Die schlagartige Ausdehnung dieser Luft ist der Donner.
- Der größte Teil der Entladungen bleibt in und zwischen den Wolken; nur ein Bruchteil schlägt zum Boden durch. Deshalb wirkt der Himmel eher wie ein flackerndes Deckenlicht als wie ein Blitzeinschlag-Gewitter.
- Die Gewitterwolken über dem See reichen weit in die Höhe — die Basis liegt oft über einem Kilometer, die Türme wachsen bis in die obere Troposphäre.
- Der Maracaibo-See ist über eine schmale Meerenge mit der Karibik verbunden und im Norden brackig. Genau diese Öffnung liefert den Nachschub an feuchter Meeresluft.
Quellen
- NASA Earthdata: The Maracaibo Beacon
- Wikipedia: Catatumbo lightning (mit Albrecht u. a., BAMS 2016)
- Deutscher Wetterdienst: „Der Leuchtturm von Catatumbo“
- Severe Weather Europe: Catatumbo lightning
- Auswärtiges Amt: Reise- und Sicherheitshinweise Venezuela
Häufige Fragen
Wo findet das Catatumbo-Gewitter statt?
Über der Mündung des Río Catatumbo in den Maracaibo-See im Nordwesten Venezuelas, im Bundesstaat Zulia.
Wie oft blitzt es am Maracaibo-See?
An 140 bis 160 Nächten im Jahr über der Flussmündung, jeweils bis zu neun Stunden lang mit 16 bis 40 Blitzen pro Minute, im Mittel etwa 28.
Warum gewittert es dort fast jede Nacht?
Hohe Gebirge umschließen den warmen See. Nachts drückt ein Tiefebenen-Wind feuchte Karibikluft an die Berge, wo sie aufsteigt, abkühlt und Gewitterzellen bildet.
Ist das Catatumbo-Gewitter wirklich Weltrekord?
Ja. NASA-Satellitendaten zeigen rund 250 Blitze pro Quadratkilometer und Jahr — die höchste Blitzdichte der Erde, seit 2014 auch als Guinness-Rekord anerkannt.
Wann sieht man die meisten Blitze?
Im September und Oktober, mit einer zweiten aktiven Phase von Mai bis Juli. Am wenigsten blitzt es im Januar und Februar.
