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Leuchtende Nachtwolken: silbrige Schleier in 83 km Höhe

Silbrig-blau leuchtende Nachtwolken als feine Schleier tief über dem dunklen Nordhorizont in einer Sommernacht

Die höchsten Wolken der Welt schweben rund 83 Kilometer über deinem Kopf — mehr als achtmal so hoch wie ein Passagierjet fliegt. An klaren Sommernächten, lange nach Sonnenuntergang, ziehen sie als silbrig-blaue Schleier über den Nordhimmel und leuchten, während unten längst alles dunkel ist. Man nennt sie leuchtende Nachtwolken. Sie bestehen aus winzigen Eiskristallen an der kältesten Stelle der gesamten Erdatmosphäre.

Stimmt das wirklich?

Ja — und die Zahlen sind fast unheimlich. Leuchtende Nachtwolken (Fachleute kürzen sie NLC ab, von englisch noctilucent clouds) bilden sich in der sogenannten Mesopause in etwa 81 bis 85 Kilometer Höhe. Zum Vergleich: Normale Schönwetterwolken hängen selten höher als 12 Kilometer. NLC schweben also am Rand des Weltraums, dort, wo die Atmosphäre schon fast aufhört.

Dort herrschen die tiefsten Temperaturen, die es auf unserem Planeten überhaupt gibt: Die Werte fallen unter minus 130 Grad Celsius, örtlich sogar Richtung minus 140 Grad. Das Paradoxe daran: Diese Rekordkälte tritt ausgerechnet im Hochsommer auf. Deshalb sind die Wolken bei uns nur zwischen Anfang Juni und Ende Juli zu sehen, rund um die Sommersonnenwende.

Warum leuchten sie mitten in der Nacht?

Der Trick steckt in der Höhe. Wenn die Sonne bei dir am Boden schon 6 bis 16 Grad unter dem Horizont steht, ist der Himmel dunkel — aber die Wolken in 83 Kilometern Höhe ragen so weit hinauf, dass sie noch im direkten Sonnenlicht baden. Sie werden von unten angestrahlt, während der Rest des Himmels bereits im Erdschatten liegt. Am besten sichtbar sind sie, wenn die Sonne rund 10 bis 12 Grad unter dem Horizont steht.

Ihre typische silbrig-blaue Farbe ist ebenfalls kein Zufall. Das Sonnenlicht muss auf dem Weg zu den Kristallen einen langen, flachen Bogen durch die Ozonschicht nehmen. Dort wird der langwellige, rötliche Anteil weggefiltert — übrig bleibt das kühle Blau, das den Wolken ihren geisterhaften Schimmer gibt.

Warum ist das so? Eiskristalle aus Meteorstaub

Damit sich Eis bilden kann, braucht Wasserdampf einen Kristallisationskeim — ein winziges Staubkorn, an das er andocken kann. In 83 Kilometern Höhe gibt es keinen aufgewirbelten Bodenstaub mehr. Der Nachschub kommt von oben: aus dem Rauch verglühender Meteore. Jeden Tag verdampfen Tonnen von Sternschnuppen-Material genau in dieser Höhenschicht und hinterlassen feinsten Staub.

An diesen Meteorstaub-Körnchen gefriert der spärliche Wasserdampf zu extrem kleinen Eiskristallen — meist nur 10 bis 50 Nanometer groß, ein Tausendstel der Breite eines menschlichen Haares. Gerade diese Winzigkeit lässt sie das Sonnenlicht so streuen, dass wir sie als hauchdünne, durchscheinende Schleier wahrnehmen, durch die sogar Sterne blinzeln können.

Noch verrückter: Wolken als Klima-Frühwarnsystem

Die erste sichere Beobachtung leuchtender Nachtwolken stammt aus dem Jahr 1885 — zwei Jahre nach dem gewaltigen Ausbruch des Vulkans Krakatau. Zunächst dachte man, der Vulkanstaub sei die Ursache und die Wolken würden bald wieder verschwinden. Sie blieben. Und heute tauchen sie häufiger, heller und weiter vom Pol entfernt auf als je zuvor.

Der Grund führt zurück zu uns: Methan aus menschlichen Quellen wird in großer Höhe zu Wasserdampf umgewandelt. Seit dem späten 19. Jahrhundert ist der Wasserdampfgehalt der Mesosphäre dadurch um rund 40 Prozent gestiegen — genug, um die Eismenge dort oben mehr als zu verdoppeln. Gleichzeitig kühlen Treibhausgase die hohen Luftschichten paradoxerweise ab, was die Eisbildung zusätzlich begünstigt. Seit 2007 beobachtet der NASA-Satellit AIM die Wolken durchgehend aus dem Orbit. Ein zartes Leuchten am Sommerhimmel ist so nebenbei zu einem Messfühler für den Zustand unserer Atmosphäre geworden.

Wie du sie selbst siehst

Du brauchst kein Teleskop — nur Geduld und freie Sicht nach Norden. So klappt es:

  • Wann: Juni und Juli, etwa 1 bis 2 Stunden nach Sonnenuntergang (gegen 22–23 Uhr) oder kurz vor Sonnenaufgang (gegen 3–4 Uhr).
  • Wohin: tief zum Horizont in Richtung Nordwest bis Nordost blicken.
  • Woran erkennbar: ein silbrig-blaues, fein geripptes Netz aus Schleiern und Wellen — deutlich heller und kühler als gewöhnliche Wolken, die zu dieser Zeit dunkel erscheinen.
  • Wo am besten: in mittleren Breiten zwischen etwa 45 und 70 Grad Nord, also über ganz Deutschland gut möglich; je dunkler der Standort, desto klarer.

Quellen

Häufige Fragen

In welcher Höhe entstehen leuchtende Nachtwolken?

Sie bilden sich in der Mesopause in etwa 81 bis 85 Kilometern Höhe – rund 83 km über dem Boden und damit die höchsten Wolken der Erde, achtmal höher als ein Passagierflugzeug fliegt.

Woraus bestehen leuchtende Nachtwolken?

Aus winzigen Wassereis-Kristallen von nur 10 bis 50 Nanometern Größe. Sie gefrieren an Staubkörnchen aus dem Rauch verglühender Meteore, den einzigen Kristallisationskeimen in dieser Höhe.

Warum leuchten die Wolken nachts?

Weil sie so hoch schweben, werden sie noch von der Sonne angestrahlt, wenn diese am Boden schon 6 bis 16 Grad unter dem Horizont steht und der übrige Himmel bereits im Erdschatten dunkel ist.

Wann und wo kann ich leuchtende Nachtwolken sehen?

In Mitteleuropa von Anfang Juni bis Ende Juli, etwa 22–23 Uhr oder 3–4 Uhr, tief am Horizont in Richtung Norden. Sie erscheinen als silbrig-blaue, fein geriffelte Schleier.

Werden leuchtende Nachtwolken häufiger?

Ja. Methan aus menschlichen Quellen hat den Wasserdampf der Mesosphäre seit dem 19. Jahrhundert um rund 40 Prozent erhöht und die hohen Luftschichten kühlen ab – die Wolken treten heute heller und häufiger auf.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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