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Göbekli Tepe: der älteste Tempel der Welt – 12.000 Jahre alt

T-förmige Kalksteinpfeiler einer kreisförmigen Steinzeitanlage in Göbekli Tepe im warmen Abendlicht

Göbekli Tepe ist rund 11.500 Jahre alt und gilt damit als das älteste bekannte Monumentalbauwerk der Menschheit. Auf einem kahlen Hügel bei Şanlıurfa in der Südosttürkei stellten Jäger und Sammler ab etwa 9500 v. Chr. tonnenschwere T-förmige Kalksteinpfeiler zu Kreisen zusammen – rund 6.000 Jahre vor Stonehenge und mehr als 7.000 Jahre vor der Cheops-Pyramide.

Stimmt das wirklich? So alt ist Göbekli Tepe

Ja, und die Datierung steht auf solidem Boden. Radiokarbon-Messungen ordnen die Anlagen dem präkeramischen Neolithikum zu, das Deutsche Archäologische Institut nennt für die Belegung den Zeitraum von etwa 9500/9250 bis 8000/7750 v. Chr. Der Ort war also über gut anderthalb Jahrtausende in Benutzung. Zum Vergleich: Der Steinkreis von Stonehenge entstand um 3000 v. Chr., die Cheops-Pyramide um 2560 v. Chr. Der Abstand beträgt keine Jahrhunderte, sondern Jahrtausende.

Übersehen wurde der Hügel lange. Ein amerikanisches Survey-Team notierte die herausragenden Steinspitzen bereits 1963 und hielt sie für mittelalterliche Grabsteine. Erst der deutsche Archäologe Klaus Schmidt erkannte im Oktober 1994, was dort im Boden steckt, und begann 1995 mit den Grabungen, die er bis zu seinem Tod 2014 leitete. 2018 nahm die UNESCO den Ort ins Weltkulturerbe auf. Heute läuft die Feldarbeit unter Leitung von Necmi Karul (Universität Istanbul) im Auftrag des türkischen Kultur- und Tourismusministeriums; das DAI forscht weiter mit, seit Herbst 2025 auch ein Team der Freien Universität Berlin.

Warum das Bauwerk die Geschichte umschreibt

Errichtet haben die Anlagen Menschen ohne Ackerbau, ohne Töpferei, ohne Metall und ohne Schrift. Bis zur Entdeckung galt in der Archäologie eine feste Reihenfolge: erst Landwirtschaft, dann Dörfer, dann Überschuss – und ganz am Ende, als Krönung, Monumente für die Götter. Der Hügel bei Şanlıurfa dreht diese Kette um. Denkbar ist, dass der Wunsch, sich regelmäßig an einem besonderen Ort zu treffen und gemeinsam Schweres zu bewegen, die Sesshaftigkeit mit angeschoben hat – und nicht das Korn.

Der Aufwand war gewaltig. Die größten aufgerichteten Pfeiler messen rund 5,5 Meter und werden auf sieben bis zehn Tonnen geschätzt. Im nahen Steinbruch liegt bis heute ein unfertiger Monolith von etwa sieben Metern Länge, für den Schätzungen bis zu 50 Tonnen ansetzen – er brach offenbar beim Herauslösen und blieb liegen. Gearbeitet wurde mit Feuersteinwerkzeugen und Steinschlägeln, ohne Rad und ohne Zugtiere. Wer solche Blöcke bewegt, braucht Hunderte Hände, Seile, Rollen, Absprachen und vor allem Verpflegung für alle Beteiligten. Diese Logistik ist der eigentliche Fund: eine Gesellschaft, die weit organisierter war, als man Jägern und Sammlern lange zugetraut hat.

Viele Pfeiler tragen Reliefs – Füchse, Wildschweine, Stiere, Gazellen, Schlangen, Skorpione, Spinnen, dazu immer wieder Geier und Kraniche. Auf den zentralen Pfeilern der Anlage D sind Arme, Hände und ein Gürtel eingemeißelt: Die Steine stellen offenbar stilisierte Wesen dar, keine bloßen Stützen.

Tempel oder Dorf? Was die neuen Grabungen zeigen

Schmidts Deutung als reines Bergheiligtum, zu dem man nur zu Festen hinaufzog, hat sich seit den 2010er-Jahren verschoben. Ausgegraben wurden Wasserkanäle und Zisternen, Alltagswerkzeuge, Reste der Getreideverarbeitung – und zuletzt Spuren rechteckiger Bauten, die als Wohnhäuser gelten. Das DAI beschreibt den Fundplatz inzwischen als Siedlungsort mit stark ausgeprägter ritueller Komponente. Kult und Alltag lagen hier vermutlich Wand an Wand.

Die Saison 2025 dauerte etwa fünf Monate und brachte zwei Schwerpunkte: Zwischen den Anlagen B und D kam eine menschliche Statue mit deutlich ausgearbeitetem Kopf und Oberkörper ans Licht; parallel wurde Anlage C gesichert, ihre Mauern verstärkt und mehrere umgestürzte Pfeiler wieder zusammengesetzt und aufgerichtet. Restaurierung ist dort kein Nebenschauplatz – der Kalkstein leidet unter Frost, Regen und dem Besucherandrang seit der Welterbe-Ernennung.

Wer heute hinauffährt, läuft über Stege unter einem weit gespannten Schutzdach, das die freigelegten Anlagen vor Regen und Sonne abschirmt. Die beweglichen Funde – Skulpturen, Reliefblöcke, Kleinfunde – stehen rund 15 Kilometer entfernt im Archäologiemuseum Şanlıurfa. Dort steht auch der „Urfa-Mann“, eine 1,90 Meter hohe Statue von etwa 9000 v. Chr. und damit die älteste bekannte lebensgroße Menschendarstellung.

Noch verrückter

2017 veröffentlichten Forscher Bruchstücke menschlicher Schädel mit gezielten Einritzungen – der bislang deutlichste Hinweis auf einen neolithischen Schädelkult, wie man ihn auch aus Jericho und Çatalhöyük kennt. Ähnlich verblüffend: In Anlage D fand sich eine lebensgroße Wildschwein-Skulptur aus Kalkstein, 1,35 Meter lang, mit erhaltenen roten, schwarzen und weißen Pigmentresten. Sie gilt als erste bekannte bemalte Statue des Neolithikums. Der graue Stein, den Besucher heute sehen, ist demnach nur ein ausgeblichenes Echo einer einst farbigen Anlage.

Dazu kommt das, was noch im Boden liegt. Geophysikalische Messungen deuten auf mindestens 20 große Anlagen mit fast 200 Pfeilern hin; ausgegraben ist bislang nur etwa ein Zehntel der Fläche. Und der Hügel steht nicht allein: Im türkischen Forschungsprojekt Taş Tepeler („Steinhügel“) werden Schwesterfundplätze wie Karahantepe untersucht, wo eine 2,45 Meter große Menschenstatue geborgen wurde. Es war also kein einzelner genialer Einfall, sondern eine ganze Kulturlandschaft. Wie sehr das Thema angekommen ist, zeigte 2026 die Berliner Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft“ in der James-Simon-Galerie, die die Funde aus Şanlıurfa bis Juli zeigte.

Göbekli Tepe in Zahlen

  • Alter: Belegung ab ca. 9500 v. Chr., rund 11.500 bis 12.000 Jahre
  • Pfeiler: bis rund 5,5 m hoch, sieben bis zehn Tonnen schwer
  • Erbauer: Jäger und Sammler ohne Ackerbau, Metall und Schrift
  • Vermutet im Untergrund: mindestens 20 Anlagen, fast 200 Pfeiler
  • Ausgegraben: etwa 10 Prozent der Fläche
  • Welterbe: UNESCO-Liste seit 2018, Grabung seit 1995

Quellen

Häufige Fragen

Wie alt ist Göbekli Tepe?

Die ältesten Anlagen entstanden ab etwa 9500 v. Chr., der Ort ist also rund 11.500 bis 12.000 Jahre alt – gut 6.000 Jahre älter als Stonehenge und über 7.000 Jahre älter als die Cheops-Pyramide.

Wer hat Göbekli Tepe gebaut?

Jäger und Sammler der Steinzeit, ohne Ackerbau, Töpferei, Metall oder Schrift. Das kippte die alte Annahme, Landwirtschaft sei die Voraussetzung für Monumentalbauten.

Wo liegt Göbekli Tepe?

Auf einem Hügelrücken in der Südosttürkei, rund 15 Kilometer nordöstlich der Stadt Şanlıurfa. Seit 2018 steht der Fundplatz auf der UNESCO-Welterbeliste.

War Göbekli Tepe wirklich ein Tempel?

Ausgräber Klaus Schmidt deutete den Ort als reines Heiligtum. Wasserkanäle, Alltagswerkzeuge und rechteckige Wohnbauten sprechen aber für eine Siedlung mit starker ritueller Komponente.

Wie viel von Göbekli Tepe ist ausgegraben?

Erst etwa ein Zehntel der Fläche. Geophysikalische Messungen deuten auf mindestens 20 weitere Anlagen mit fast 200 Pfeilern im Untergrund hin.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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