Die Methanblasen im Abraham Lake sind gefrorenes Faulgas: Mikroben zersetzen am Grund des Stausees versunkenes Holz und Laub, das dabei frei werdende Methan steigt in Blasen auf und friert an der nach unten wachsenden Eisdecke fest, bevor es die Oberfläche erreicht. Zurück bleiben milchig-weiße Scheiben, gestapelt wie Untertassen — und brennbar.
Brennbar heißt hier wörtlich: Wird eine frische Blase angebohrt und angezündet, schlägt eine Stichflamme hoch. Fotografen zeigen das gern in Videos, sinnvoll ist es nicht — genau an solchen Gasaustritten ist das Eis oft dünner als daneben.
Stimmt das wirklich?
Ja, und der See ist dabei kein Naturwunder aus dem Lehrbuch, sondern Menschenwerk. Der Abraham Lake in Alberta entstand 1972, als Calgary Power (heute TransAlta) den North Saskatchewan River mit dem Bighorn-Staudamm aufstaute. Mit rund 32 Kilometern Länge ist er Albertas längster künstlicher See; seinen Namen trägt er nach Silas Abraham, einem Stoney-Nakoda-Guide aus dem 19. Jahrhundert.
Genau diese Vorgeschichte macht ihn zur Gasfabrik. Wo heute Wasser steht, wuchs vor 1972 Wald. Baumstrünke, Wurzeln und Böden liegen seither geflutet am Grund und werden weiter abgebaut — deutlich mehr organisches Material, als ein gewachsener Bergsee mitbringt. Felix Nwaishi von der Mount Royal University beschreibt den Vorgang schlicht: Das Gas entstehe im Seebett und werde auf dem Weg nach oben eingefroren.
Sichtbar wird das Ganze nur, weil der Wind mitspielt. Durch das Tal des North Saskatchewan River fegen Fallwinde, die frischen Schnee meist innerhalb weniger Tage von der Fläche räumen — nicht umsonst heißt einer der bekanntesten Aussichtspunkte „Windy Point“. Zurück bleibt blankes, klares Eis, durch das man wie durch eine Fensterscheibe nach unten schaut. An anderen Seen der Region bildet sich dasselbe Gas, verschwindet aber unter einer Schneedecke.
Warum die Methanblasen im Abraham Lake in Stapeln gefrieren
Am Seegrund sinkt ständig organisches Material ab: Blätter, Zweige, Reste der gefluteten Vegetation, dazu abgestorbene Wasserorganismen. Sauerstoff kommt dort unten kaum an, und in diesem sauerstofffreien Milieu arbeiten methanogene Mikroben. Ihr Stoffwechselprodukt ist Methan (CH₄) — dasselbe Gas, das auch den Hauptteil von Erdgas ausmacht.
Methan löst sich schlecht in Wasser und ist leichter als dieses, also perlt es in Blasen nach oben. Im Sommer entweicht es an der Oberfläche ins Freie. Sobald der See von oben zufriert, laufen die aufsteigenden Blasen gegen die Eisunterseite und werden dort festgehalten. Weil die Eisdecke Schicht um Schicht nach unten wächst, fängt sie an derselben Austrittsstelle immer wieder neues Gas ein — so entstehen die typischen Säulen aus weißen Scheiben. Wie groß die einzelne Scheibe wird, hängt davon ab, wie viel Gas an dieser Stelle austritt und wie schnell das Eis gerade zuwächst.
- Rohstoff: abgestorbene Pflanzen und gefluteter Waldboden am Seegrund
- Produzent: Mikroben, die ohne Sauerstoff Methan ausscheiden
- Falle: die von oben nach unten wachsende Eisschicht
- Sichtbarkeit: Wind hält den Schnee vom klaren Eis fern
Noch verrückter: Der hübsche See ist ein Klima-Messgerät
Was da so dekorativ im Eis hängt, ist eines der wirksamsten Treibhausgase überhaupt. Der Weltklimarat beziffert das Treibhauspotenzial von biogenem Methan im sechsten Sachstandsbericht auf rund das 27-Fache von CO₂ über 100 Jahre — und auf gut das 80-Fache, wenn man nur die ersten 20 Jahre betrachtet. Methan wirkt also kurzfristig brutal, baut sich in der Atmosphäre dafür schneller ab. Im Frühjahr, wenn die Decke aufgeht, entweicht der gesammelte Vorrat auf einen Schlag.
Stauseen sind dafür Musterbeispiele. Eine globale Synthese im Fachjournal BioScience schätzt die Treibhausgas-Emissionen von Stauseeoberflächen auf etwa 0,8 Gigatonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr — rund ein Prozent der menschengemachten Emissionen, mehr als der gesamte Ausstoß Kanadas. Etwa vier Fünftel dieser Klimawirkung gehen auf Methan zurück, weil geflutetes Land dem Wasser eine enorme Ladung Biomasse mitgibt.
Der Abraham Lake ist damit kein Einzelfall, sondern ein besonders fotogener Vertreter. Dieselben Blasenstapel findet man in Seen von Alaska bis Sibirien, wo Sedimente und auftauender Permafrost Methan liefern. Je wärmer die Winter, desto mehr Gas kommt aus tauenden Böden — und desto weniger zuverlässig hält die Eisdecke es fest.
Zeitfenster, Aussichtspunkte und ein ernstes Wort zum Eis
Die Methanblasen im Abraham Lake zeigen sich am zuverlässigsten von Anfang Januar bis Mitte Februar. Vorher ist das Eis oft zu dünn zum Betreten, später wird es milchig und häufiger von Schnee bedeckt. Klassische Stellen liegen entlang des David-Thompson-Highways (Highway 11): Preacher’s Point, Windy Point und der Hoodoo Creek.
Das Eis eines Stausees ist heimtückischer als das eines natürlichen Sees. Der Wasserspiegel sinkt über den Winter, weil das Kraftwerk Wasser abzieht — unter der Decke entstehen Hohlräume, in denen das Eis nicht mehr vom Wasser getragen wird und unter Gewicht einbrechen kann. Am Ufer liegt es dann schräg auf Steinen auf, wird spröde und rutschig; die meisten Unfälle passieren nicht draußen auf der Fläche, sondern beim Ein- und Ausstieg. Die Alberta Conservation Association nennt 15 Zentimeter als Mindestdicke fürs Betreten zu Fuß; Risse, Strömungsstellen und ausgerechnet die Blasenfelder selbst sind Schwachstellen. Der Abschnitt zwischen Staudamm und Windy Point gilt als besonders unzuverlässig. Offenes Feuer bleibt in der Tasche.
Quellen
- Smithsonian Magazine — Lake Abraham’s Frozen Bubbles Are Stunning and a Silent Danger
- Cottage Life — The science behind the ice bubbles at Abraham Lake (mit Felix Nwaishi, Mount Royal University)
- Nature Canada — The Story Behind this Alberta Lake’s Frozen Bubbles
- Deemer et al. (2016), BioScience — Greenhouse Gas Emissions from Reservoir Water Surfaces
- GHG Management Institute — IPCC-AR6-Treibhauspotenziale für Methan (GWP100 / GWP20)
- Bighorn Dam — Bau 1972, Aufstau des North Saskatchewan River
Häufige Fragen
Wie entstehen die Methanblasen im Abraham Lake?
Mikroben zersetzen am sauerstofffreien Seegrund abgestorbene Pflanzen und gefluteten Waldboden und setzen dabei Methan frei. Das Gas steigt in Blasen auf und friert an der nach unten wachsenden Eisdecke fest, bevor es die Oberfläche erreicht.
Ist das Methan im Eis gefährlich?
Das Gas ist brennbar, offenes Feuer hat auf dem Eis deshalb nichts verloren. Das größere Risiko ist das Eis selbst: An Blasenfeldern, Rissen und in Ufernähe ist es oft dünner und trägt schlechter.
Wann kann man die Blasen am besten sehen?
Von Anfang Januar bis Mitte Februar. Dann ist das Eis dick genug, der Wind hat es schneefrei gefegt und es ist noch klar. Später wird es milchig und meist schneebedeckt.
Ist der Abraham Lake ein natürlicher See?
Nein. Der Stausee entstand 1972 mit dem Bighorn-Staudamm am North Saskatchewan River in Alberta und ist mit rund 32 Kilometern Albertas längster künstlicher See.
Wie klimaschädlich ist das eingefrorene Methan?
Laut IPCC AR6 wirkt biogenes Methan über 100 Jahre rund 27-mal so stark wie CO₂, über 20 Jahre gut 80-mal. Beim Auftauen im Frühjahr entweicht der eingeschlossene Vorrat in die Atmosphäre.
