Der Schwänzeltanz der Bienen ist eine getanzte Wegbeschreibung: Der Winkel der geraden Mittelstrecke zur Senkrechten nennt die Richtung zur Futterquelle, die Dauer des Wackelns die Entfernung. Eine heimgekehrte Sammlerin läuft dafür im stockdunklen Bau eine Acht auf die senkrechte Wabe – wenige Sekunden, in denen zwei Koordinaten stecken. Spannender als dieses Lehrbuchbild ist inzwischen aber, was die Forschung daran korrigiert hat: Die Zuschauerinnen nehmen die Ansage längst nicht so wörtlich, wie man lange dachte.
Stimmt das wirklich?
Ja, und der Befund gehört zu den bestgeprüften der Verhaltensbiologie. Karl von Frisch protokollierte über Jahrzehnte, welche Figuren Sammelbienen nach dem Anflug einer Futterschale auf der Wabe liefen; den entscheidenden Durchbruch brachten Fütterungsversuche Mitte der 1940er-Jahre mit Zielen weit außerhalb des Stocks. 1973 erhielt er dafür gemeinsam mit Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
Die Grundregel ist verblüffend schlicht: Liegt die Quelle dicht am Stock, genügt ein Rundtanz ohne Wackelphase – er sagt sinngemäß nur „ganz in der Nähe, sucht selbst“. Erst bei größerer Entfernung schiebt sich die gerade, vibrierende Mittelstrecke dazwischen – der Schwänzellauf, der dem Schwänzeltanz der Bienen seinen Namen gibt. Genau diese Strecke trägt die Information.
Warum funktioniert der Schwänzeltanz der Bienen?
Die Tänzerin löst im Dunkeln eine Umrechnungsaufgabe. Draußen orientiert sie sich an der Sonne, drinnen an der Schwerkraft – und überträgt das eine Bezugssystem ins andere. Ein Schwänzellauf senkrecht nach oben heißt: genau in Richtung Sonne fliegen. Liegt die Tracht 40 Grad rechts von der Sonne, kippt die Biene ihre gerade Strecke um exakt 40 Grad nach rechts aus der Senkrechten.
Die Entfernung steckt in der Zeit. Je weiter das Ziel, desto länger dauert der Schwänzellauf – die Steigerungsrate liegt bei rund 75 Millisekunden pro 100 Meter zusätzlicher Strecke. Der Rhythmus der Achten wird dabei langsamer, die einzelne Wackelphase länger.
Gelesen wird das nicht mit den Augen. Auf der Wabe ist es finster; die Tänzerin vibriert beim Schwänzeln mit rund 260 Hertz mit den Flügeln und erzeugt ein Nahfeld aus Luftschwingung und Wabenvibration. Die Nachfolgerinnen nehmen es mit dem Johnston-Organ in den Fühlern auf, das genau in diesem Bereich am empfindlichsten ist. Und selbst bei bedecktem Himmel bricht das System nicht zusammen: Bienen erschließen den Sonnenstand aus der Polarisationsrichtung des Himmelslichts, die auch durch Wolken dringt.
Die berühmte 100-Meter-Grenze ist ein Dialekt
Oft liest man, ab 100 Metern werde geschwänzelt, darunter gerundet. Das gilt aber nicht für alle Bienen: Die Schwelle ist rassen- und artabhängig. Bei der Italienerbiene etwa laufen schon ab etwa 40 Metern volle Schwänzeltänze, dazwischen liegt eine Zone aus Übergangsformen bei rund 20 bis 30 Metern. Dieselbe Entfernung wird also je nach Herkunft unterschiedlich „ausgesprochen“ – Dialekte im Wortsinn.
2023 kam heraus, woher diese Feinabstimmung kommt. Ein Team um Shihao Dong und Ken Tan ließ junge Bienen aufwachsen, ohne dass sie je einer Tänzerin folgen konnten. Ihre ersten eigenen Tänze waren deutlich unordentlicher, mit größeren Winkelfehlern – und vor allem codierten sie die Entfernung falsch. Den Richtungsfehler holten die Tiere mit Erfahrung auf, die verzerrte Entfernungsangabe blieb dauerhaft. Tanzen ist also nicht rein angeboren, sondern zum Teil sozial gelernt.
Noch verrückter: Der Tanz ist ein Vorschlag, kein Befehl
Wer den Bienenstock als Kommandozentrale sieht, liegt falsch. Wertet man aus, was Tanz-Folgerinnen anschließend tatsächlich tun, führen bei erfahrenen Sammlerinnen etwa 75 bis 88 Prozent der Tanzkontakte nicht zum vertanzten Ziel, sondern zurück an eine Stelle, die das Tier vom Vortag kennt. Häufig entscheidet der Blütenduft an der Tänzerin – er weckt das eigene Gedächtnis, und die vertanzten Koordinaten werden schlicht überstimmt.
Dazu kommt: Die Biene misst gar keine Meter. Sie schätzt Strecke über den optischen Fluss, also darüber, wie schnell die Umgebung am Auge vorbeizieht. In einem klassischen Versuch von 2001 flogen Sammlerinnen durch einen engen, gemusterten Tunnel von nur sechs Metern Länge – und vertanzten daheim Entfernungen von bis zu 200 Metern. Enge Wände liefern viel mehr Bildbewegung pro Flugmeter als offenes Feld.
2024 wurde dieser Effekt noch einmal relativiert. Randolf Menzel und Giovanni Galizia zeigten, dass nur unerfahrene Bienen dem Tunnel voll aufsitzen: Sie meldeten rund 262 Meter. Ortskundige Sammlerinnen dagegen rechneten die Tunnelstrecke praktisch nicht dazu – ihr Wissen über Landmarken schlug den optischen Fluss. Erst als Sichtblenden die Landmarken verdeckten, sprang die vertanzte Entfernung auf rund 481 Meter hoch.
Und die Zuschauerinnen rechnen selbst mit. Eine Studie von 2025 fand, dass Folgerinnen den vertanzten Vektor mit ihrer eigenen Landkarte aus früheren Erkundungsflügen verrechnen: Passten die erwarteten Landmarken, flogen sie zielstrebig; fehlten sie, wurde die Suche breit und unpräzise. Die letzten Meter übernimmt dann ohnehin der Duft – die Nasanov-Drüse der bereits anwesenden Sammlerinnen setzt Lockstoffe frei, die die Neuankömmlinge einweisen.
Der Schwänzeltanz der Bienen bleibt damit eine der präzisesten Ortsangaben im Tierreich – nur eine, die im Stock zur Diskussion gestellt und mit Erfahrung abgeglichen wird, statt blind befolgt zu werden.
Quellen
- Nobelprize.org: The Nobel Prize in Physiology or Medicine 1973 (von Frisch, Lorenz, Tinbergen)
- Spektrum, Lexikon der Biologie: Schwänzeltanz (Steigerungsrate ca. 75 ms/100 m, Flügelvibration ca. 260 Hz, Johnston-Organ)
- Esch, Zhang, Srinivasan & Tautz (2001), Nature: Honeybee dances communicate distances measured by optic flow
- Grüter, Balbuena & Farina (2008), Proc. R. Soc. B: Informational conflicts created by the waggle dance
- Dong, Lin, Nieh & Tan (2023), Science: Social signal learning of the waggle dance in honey bees
- Menzel & Galizia (2024), J. Exp. Biol.: Landmark knowledge overrides optic flow in honeybee waggle dance distance estimation
- Current Biology (2025): Dance-following bees integrate the dance vector with a cognitive map
Häufige Fragen
Was ist der Schwänzeltanz der Bienen?
Ein achtförmiger Lauf auf der senkrechten Wabe, mit dem eine heimgekehrte Sammelbiene ihren Schwestern Richtung und Entfernung einer Futterquelle mitteilt. Die Information steckt in der geraden Mittelstrecke, dem Schwänzellauf.
Wie zeigt der Schwänzeltanz die Richtung an?
Über den Winkel der Schwänzelstrecke zur Senkrechten. Er entspricht dem Winkel zwischen Sonne und Futterquelle. Senkrecht nach oben bedeutet: genau in Richtung Sonne fliegen.
Wie codiert die Biene die Entfernung?
Über die Dauer des Schwänzellaufs. Pro 100 Meter zusätzlicher Strecke verlängert er sich um rund 75 Millisekunden, der Rhythmus der Achten wird langsamer.
Ab welcher Entfernung tanzen Bienen den Schwänzeltanz?
Das hängt von der Bienenrasse ab. Bei Krainer Bienen liegt die Schwelle bei etwa 100 Metern, bei Italienerbienen schon bei rund 40 Metern. Darunter wird gerundet statt geschwänzelt.
Folgen Bienen dem Tanz immer?
Nein. Bei erfahrenen Sammlerinnen führen 75 bis 88 Prozent der Tanzkontakte zurück an ein selbst bekanntes Ziel statt an die vertanzte Stelle. Der Tanz ist eher Vorschlag als Befehl.
