Minus 24,9 Dezibel — das misst der leiseste Ort der Welt, ein knapp zwölf Quadratmeter kleiner schalltoter Raum bei Orfield Laboratories in Minneapolis. Der Wert liegt weit unter der menschlichen Hörschwelle. Wer die schwere Tür hinter sich schließt, hört nach wenigen Sekunden das eigene Herz, das Blut in den Adern und, so berichten es viele Besucher, die Lider beim Blinzeln.
Warum der leiseste Ort der Welt minus 24,9 Dezibel misst
Der negative Wert ist kein Tippfehler. Die Dezibelskala für Schalldruck ist ein Verhältnis, kein absoluter Zähler: Ihr Nullpunkt ist per Definition die Hörschwelle, also das Leiseste, was ein gesundes menschliches Ohr gerade noch erfasst. Was darunter liegt, rutscht rechnerisch ins Minus. Minus 24,9 dBA heißt deshalb nicht „keine Luftbewegung mehr“, sondern: rund 25 Dezibel unter dem, was du überhaupt wahrnehmen könntest.
Guinness World Records führt die Messung vom 19. November 2021 bis heute (Stand 2026) als offiziellen Rekord. Der Raum schluckt etwa 99,99 Prozent des auftreffenden Schalls. Zum Einordnen: Ein ruhiges Schlafzimmer liegt bei ungefähr 30 dB, leises Flüstern bei 20 bis 30 dB. Der Orfield-Raum unterbietet beides nicht ein bisschen, sondern um Größenordnungen.
Wie misst man etwas, das leiser ist als das Mikrofon?
Das war die eigentliche Hürde. Jedes Mikrofon erzeugt selbst elektronisches Rauschen — und das lag beim Rekordversuch über dem, was in der Kammer noch übrig war. Die Prüfer arbeiteten deshalb mit zwei hochempfindlichen Brüel-&-Kjær-Mikrofonen samt Vorverstärkern und rechneten deren Signale gegeneinander: Was beide Kanäle gemeinsam aufnehmen, ist Raum; was nur ein Kanal zeigt, ist Eigenrauschen des Geräts. Diese Kreuzkorrelation trennt Messung und Messfehler — ohne sie wäre der Wert schlicht nicht belegbar gewesen.
Warum du dort dein eigenes Blut hörst
Ein schalltoter („anechoischer“) Raum kennt kein Echo. Normalerweise wirft jede Wand Schall zurück, und dieser permanente Nachhall bildet den akustischen Teppich, den wir umgangssprachlich „Stille“ nennen. Der Teppich fehlt hier komplett.
Die Konstruktion ist entsprechend aufwendig: Eine massive Mauerwerks- und Betonhülle ist innen mit dicken Stahlplatten ausgekleidet; darin hängt eine zweite, kleinere Stahlkammer auf Federn, damit keine Erschütterung aus dem Gebäude durchkommt. Alle Innenflächen tragen keilförmige Glasfaser-Elemente, die weit in den Raum ragen und Schallwellen in sich totlaufen lassen, statt sie zurückzuwerfen. Selbst der Boden ist ein gespanntes Drahtgitter — sonst würde er reflektieren. Die nutzbare Grundfläche beträgt nur rund 3,7 mal 3,1 Meter.
Fehlt der Außenschall, regelt das Gehör nach und dreht seine Empfindlichkeit hoch. Plötzlich werden Geräusche hörbar, die sonst dauerhaft überdeckt sind: Herzschlag, Blutrauschen, das Knacken der Gelenke, Magen und Lunge. Das ist kein Spuk, sondern der Normalzustand deines Körpers — du hörst ihn nur nie.
Noch verrückter: Der Rekord war zwischendurch weg
Orfield hat den Titel dreimal geholt, aber nicht durchgehend gehalten. 2004 wurden minus 9,4 dBA gemessen, 2012 minus 13,4 dBA. 2015 zog Microsoft mit einer neu gebauten Kammer im Gebäude 87 in Redmond vorbei — minus 20,35 dBA. Erst der Umbau und die neue Messmethode brachten Minneapolis 2021 mit minus 24,9 dBA zurück an die Spitze. Dass der leiseste Ort der Welt sechs Jahre lang in Washington stand, geht in vielen Artikeln unter; einige Quellen nennen bis heute Microsoft als Halter.
Der 45-Minuten-Mythos hält nicht
„Länger als 45 Minuten hält es hier niemand aus“ ist die Schlagzeile, die den Raum berühmt gemacht hat. Belegt ist sie nicht: Es existiert kein offizieller Ausdauer-Rekord, und das Labor selbst bietet einstündige Stille-Sessions für Gruppen an — bei der normalen Führung sitzt man rund 20 Minuten drin. Wer eine Stunde bucht, bekommt also exakt die Stunde, die angeblich niemand durchhält.
Real ist dagegen der Gleichgewichtseffekt. Laborgründer Steven Orfield, der den Betrieb 1971 startete, erklärt ihn so: Wir orientieren uns im Raum nicht nur über die Augen, sondern auch über Schall. Beim Gehen liefern Schritt-, Raum- und Hallgeräusche dem Gehirn ständige Lagehinweise. Fallen die schlagartig weg, fängt mancher an zu schwanken — deshalb setzen sich Besucher in der Kammer üblicherweise hin. Desorientierend ja, gefährlich nein; nach der Eingewöhnung beschreiben viele die Erfahrung als ruhig, fast meditativ.
Wofür der Raum wirklich gebraucht wird
Nicht für Mutproben. Orfield Laboratories betreibt ein NVLAP-akkreditiertes Akustiklabor (Lab Code 200248, akkreditiert seit 1997), und die Kammer ist dort ein Messwerkzeug: Hersteller lassen prüfen, wie laut eine Spülmaschine, ein Hörgerät, eine Matratze oder ein Motorrad tatsächlich klingt — inklusive der leisen Störgeräusche, die im normalen Prüfraum im Grundrauschen verschwinden. Für solche Messungen lässt sich der Boden auch reflektierend zulegen, wenn eine realistischere Aufstellfläche gebraucht wird. Berichten zufolge nutzen zudem Raumfahrtprojekte vergleichbare Kammern, um Menschen an ungewohnte Geräuschumgebungen zu gewöhnen.
Der leiseste Ort der Welt ist damit weniger eine Horror-Attraktion als ein Labor, in dem die Abwesenheit von Schall zum Messinstrument wird. Dass er nebenbei zeigt, wie laut der eigene Körper ist, ist eher ein Nebeneffekt — aber der, an den sich alle erinnern.
Quellen
- Guinness World Records — Quietest place (minus 24,9 dBA, 19.11.2021)
- Orfield Laboratories — Anechoic Chamber (Rekorde 2004/2012/2021, NVLAP-Akkreditierung)
- Smithsonian Magazine — Earth’s Quietest Room
- Wikipedia — Orfield Laboratories
Häufige Fragen
Wo befindet sich der leiseste Ort der Welt?
Im schalltoten Raum von Orfield Laboratories in Minneapolis, USA. Guinness World Records bestätigte dort am 19. November 2021 einen Pegel von minus 24,9 dBA.
Wie kann ein Raum minus 24,9 Dezibel haben?
Der Nullpunkt der Dezibelskala ist die menschliche Hörschwelle. Alles darunter wird rechnerisch negativ — minus 24,9 dBA liegt also rund 25 Dezibel unter dem, was ein Mensch hören kann.
Warum hört man im schalltoten Raum den eigenen Körper?
Ohne Echo und Außengeräusche regelt das Gehör seine Empfindlichkeit hoch. Dann werden Herzschlag, Blutrauschen und Gelenkgeräusche hörbar, die sonst vom Alltagslärm überdeckt sind.
Stimmt es, dass niemand länger als 45 Minuten aushält?
Nein. Es gibt keinen belegten Ausdauer-Rekord, und das Labor bietet selbst einstündige Stille-Sessions an. Die Stille kann desorientieren und das Gleichgewicht stören, gefährlich ist sie nicht.
Hielt Microsoft nicht den Rekord für den leisesten Raum?
Nur von 2015 bis 2021: Microsofts Kammer in Redmond erreichte minus 20,35 dBA. Seit November 2021 führt wieder Orfield Laboratories mit minus 24,9 dBA.
Kann man den schalltoten Raum besuchen?
Ja, nach Terminvereinbarung. Bei der Standardführung sitzt man rund 20 Minuten in der Kammer, zusätzlich gibt es einstündige Stille-Sessions für Gruppen.
