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Das Voynich-Manuskript: Das Buch, das niemand entziffern kann

Aufgeschlagenes mittelalterliches Manuskript mit rätselhaften Pflanzenzeichnungen und unbekannter Schrift auf vergilbtem Pergament

240 Pergamentseiten voller Pflanzen, die es nicht gibt, nackter Frauen in grünen Becken und einer fließenden Schrift, die kein Mensch der Welt lesen kann: Das Voynich-Manuskript widersteht seit über hundert Jahren jedem Entzifferungsversuch. Selbst die besten Codeknacker der US-Geheimdienste sind daran gescheitert. Bis heute weiß niemand, was darin steht – oder ob es überhaupt einen Sinn ergibt.

Stimmt das wirklich?

Ja, und es ist kein verschollenes Gerücht, sondern greifbar belegt. Das Buch liegt unter der Signatur MS 408 in der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University und ist seit 2020 als hochauflösender Scan komplett online einsehbar. Eine Radiokarbon-Datierung der University of Arizona ergab 2009, dass das Pergament zwischen 1404 und 1438 entstand – das Manuskript ist also rund 600 Jahre alt und kein neuzeitlicher Scherz.

Seinen Namen trägt es nach dem polnischen Antiquar Wilfrid Voynich, der es 1912 in einer italienischen Jesuiten-Sammlung kaufte. Erhalten sind heute etwa 240 Seiten von vermutlich einst 272; einige fehlen bis heute spurlos.

Was steht überhaupt drin – und in welcher Sprache?

Das ist der eigentliche Knoten. Der Text ist in einem unbekannten Schriftsystem verfasst, das Forscher schlicht „Voynichese“ nennen. Es besteht aus nur etwa 20 bis 25 wiederkehrenden Zeichen, ergibt rund 38.000 Wörter – und passt auf keine bekannte Sprache der Welt.

Das Verblüffende: Die Zeichen verhalten sich nicht wie zufälliges Gekritzel. Die Worthäufigkeiten folgen dem Zipfschen Gesetz, dem statistischen Muster echter Sprachen. Es gibt sich wiederholende Strukturen und so etwas wie Grammatik. Das Buch wirkt also, als würde es etwas sagen – nur was, bleibt offen.

Inhaltlich gliedert es sich anhand der Bilder in sechs Abschnitte:

  • Botanik – rund 126 Seiten mit Pflanzen, von denen sich die wenigsten realen Arten zuordnen lassen.
  • Astronomie – Kreisdiagramme mit Sonnen, Sternen und Tierkreiszeichen.
  • Balneologie – Frauen in grünlichen Becken und Röhrensystemen, die an Bäder erinnern.
  • Kosmologie – verschachtelte Diagramme aus Kreisen und Strahlen.
  • Pharmazie – Pflanzenteile neben apothekenartigen Gefäßen.
  • Rezepte – dichte Textseiten, gegliedert durch sternförmige Markierungen.

Warum hat es noch niemand geknackt?

Nicht aus Mangel an Talent. Im Zweiten Weltkrieg bissen sich die legendären US-Kryptoanalytiker William Friedman und John Tiltman daran die Zähne aus – dieselben Köpfe, die japanische und deutsche Militärcodes brachen. Das Voynich-Manuskript besiegte sie.

Inzwischen existieren mindestens 50 angebliche „Lösungen“, und jedes Jahr kommen neue dazu. Der Haken liegt fast immer in der Methode. Der Kryptologie-Experte Klaus Schmeh weist darauf hin, dass die meisten Ansätze zu viel Willkür zulassen: Ein Zeichen darf mehrere Bedeutungen haben, manche Zeichen werden für bedeutungslos erklärt, andere frei ergänzt. So lässt sich am Ende fast jeder beliebige Text „herauslesen“ – nur leitet man die Lösung dann nicht ab, sondern bastelt sie sich zurecht.

Genau daran scheiterten auch prominente Versuche: William Newbolds Deutung von 1921 gilt als widerlegt, und auch die vielbeachteten Vorschläge von Nicholas Gibbs (2017) und Gerard Cheshire (2019) konnte bis heute niemand unabhängig nachprüfen.

Noch verrückter: Vielleicht steht da gar nichts drin

Es gibt eine unbequeme Möglichkeit – das Buch könnte ein eleganter Schwindel sein. 2003 zeigte der Forscher Gordon Rugg, dass sich voynich-ähnlicher „Text“ mit einer einfachen mittelalterlichen Lochschablone, der Cardan-Grille, fast automatisch erzeugen lässt. Schöner Schein, kein Inhalt: ein Bestseller für reiche Sammler, der nur klug aussieht.

Dagegen steht handfeste Statistik. 2013 wies Marcelo Montemurro nach, dass sich Schlüsselwörter im Text gezielt häufen, wie es bei echten Inhalten der Fall ist. 2021 fanden Yale-Forscher eine thematische Übereinstimmung zwischen Text und Bildern. Und die Forschung gibt nicht auf: 2024 veröffentlichte die Beinecke Library multispektrale Scans, die bisher unsichtbare Details unter der Tinte sichtbar machten, und 2025 stellte eine Studie im Fachjournal Cryptologia mit der „Naibbe“-Chiffre ein historisch plausibles Verschlüsselungsmodell vor – ausdrücklich als Machbarkeitsnachweis, nicht als endgültige Lösung.

Genau das macht den Reiz aus: Das Voynich-Manuskript ist alt genug, um echt zu sein, statistisch zu geordnet, um reiner Unsinn zu sein – und bis heute zu rätselhaft, um geknackt zu werden.

Quellen

Häufige Fragen

Was ist das Voynich-Manuskript?

Ein rund 600 Jahre altes Handschriftenbuch mit etwa 240 Pergamentseiten, geschrieben in einer unbekannten Schrift und bebildert mit rätselhaften Pflanzen, Sternen und Badeszenen. Es liegt heute in der Yale-Universität.

Wurde das Voynich-Manuskript schon entschlüsselt?

Nein. Es gibt mindestens 50 angebliche Lösungen, doch keine wurde unabhängig bestätigt. Selbst die Top-Kryptoanalytiker der US-Geheimdienste sind daran gescheitert.

Wie alt ist das Voynich-Manuskript?

Eine Radiokarbon-Datierung der University of Arizona ergab 2009, dass das Pergament zwischen 1404 und 1438 entstand – das Buch ist also rund 600 Jahre alt.

In welcher Sprache ist das Voynich-Manuskript geschrieben?

In keiner bekannten. Forscher nennen das Schriftsystem „Voynichese“: rund 20 bis 25 Zeichen, deren Worthäufigkeiten echten Sprachen ähneln – die Sprache selbst bleibt aber unidentifiziert.

Könnte das Voynich-Manuskript eine Fälschung sein?

Möglich. 2003 zeigte Gordon Rugg, dass sich ähnlicher Pseudo-Text mit einer Lochschablone erzeugen lässt. Statistische Studien fanden jedoch sprachähnliche Strukturen, die gegen reinen Unsinn sprechen.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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