Die riesige dunkle Gestalt, die dir aus dem Nebel entgegensteht, bist du selbst. Steht die Sonne tief in deinem Rücken und liegt unter dir eine Nebel- oder Wolkenschicht, fällt dein Schatten nicht auf eine feste Fläche, sondern in Millionen schwebende Wassertröpfchen – und wirkt dadurch gigantisch. Legt sich zusätzlich ein farbiger Lichtkranz um den Schattenkopf, siehst du Brockengespenst und Glorie gleichzeitig: zwei verschiedene optische Effekte im selben Bild.
Stimmt das wirklich? Beschrieben seit 1780
Ja, und zwar sauber dokumentiert. Der Naturforscher Johann Esaias Silberschlag beobachtete und beschrieb den Effekt 1780 auf dem Brocken im Harz; eine ausführlichere Schilderung folgte 1797 durch M. Hane. Der Name der Erscheinung soll auf Johann Wolfgang von Goethe zurückgehen – er hat den Brocken dreimal bestiegen, sich vor seinem eigenen Riesenschatten erschreckt und den Berg als Hexentanzplatz der Walpurgisnacht in den „Faust“ geschrieben.
Dass ausgerechnet dieser Gipfel zum Namensgeber wurde, ist kein Zufall: Der 1.141 Meter hohe Brocken liegt frei und ist an über 300 Tagen im Jahr in Nebel gehüllt. Wer oft genug oben steht, sieht sein Gespenst irgendwann. Nötig sind immer drei Dinge gleichzeitig:
- eine tiefstehende Sonne genau im Rücken – also kurz nach Sonnenaufgang oder vor Sonnenuntergang,
- eine Nebel- oder Wolkenbank unterhalb deines Standpunkts,
- ein erhöhter Platz: Gipfel, Grat, Aussichtsturm – oder ein Flugzeugfenster.
Warum dein Schatten zum Riesen wird
Der Schatten ist ganz normal groß. Was danebenliegt, ist deine Entfernungsschätzung. Normalerweise landet ein Schatten auf einer festen Fläche, deren Abstand die Augen über Kanten, Struktur und Stereosehen zuverlässig einordnen. Nebel liefert keinen dieser Anhaltspunkte: Der Schatten wird diffus in ein dreidimensionales, konturloses Tröpfchenvolumen geworfen, das räumliche Sehen findet nichts, woran es messen könnte.
Ohne Abstandshinweis geht das Gehirn von „weit weg“ aus. Ein weit entferntes Objekt, das trotzdem einen großen Sehwinkel füllt, muss nach dieser Logik riesig sein. Dazu kommt die Perspektive: Der Schatten verjüngt sich mit der Entfernung zu einem Fluchtpunkt und wirkt dadurch zusätzlich in die Länge gezogen. Und weil der Nebel driftet, scheint die Gestalt zu wabern und sich zu bewegen, obwohl du stocksteif stehst. Genau dieses scheinbare Eigenleben hat den Wanderern früher den Schrecken eingejagt.
Die Glorie: Farbringe aus gebeugtem Licht
Der leuchtende Ring um den Schattenkopf ist ein eigenständiges Phänomen. Er entsteht durch Rückstreuung und Beugung des Sonnenlichts an sehr kleinen, ungewöhnlich gleichmäßig großen Wassertröpfchen – typisch sind Durchmesser von etwa 10 bis 30 Mikrometern. Das Licht wird nahezu um 180 Grad zurückgeworfen und dabei je nach Wellenlänge unterschiedlich stark abgelenkt. So legen sich konzentrische Ringe von Blau innen bis Rot außen um den Kopf, bei sehr sauberen Bedingungen auch mehrere übereinander.
Der Ringradius ist klein: Bei Tröpfchen von rund 10 Mikrometern Radius liegt der innerste Ring nur etwa ein bis zwei Grad vom Gegenpunkt der Sonne entfernt – zwei Daumenbreiten auf ausgestrecktem Arm. Und er verrät etwas über die Wolke, denn der Radius verhält sich umgekehrt zur Tröpfchengröße: weiter Ring = besonders kleine Tröpfchen, enger Ring = größere. Physikalisch erklärt wird das über die Mie-Streutheorie; einen der wichtigsten Erklärungsansätze legte der niederländische Astronom Hendrik van de Hulst 1947 vor. Restlos ausdiskutiert ist der Mechanismus bis heute nicht.
Brockengespenst und Glorie sind zwei verschiedene Dinge
Beides taucht meist zusammen auf, hat aber nichts miteinander zu tun. Das Gespenst ist reine Geometrie plus Wahrnehmung: ein Schattenwurf, den dein Gehirn falsch einordnet. Die Glorie ist Optik am Tröpfchen: Beugung und Rückstreuung. Deshalb kannst du auch einen riesigen Schatten ohne jeden Farbring sehen – oder aus dem Flugzeug eine perfekte Glorie um den Flugzeugschatten, ganz ohne gespenstische Silhouette.
Auch kein Regenbogen: Der entsteht durch Brechung und innere Reflexion in großen Regentropfen und spannt sich mit rund 42 Grad Radius um den Gegenpunkt der Sonne – ein Vielfaches der Glorie. Ebenfalls oft verwechselt werden Halos: die Lichtringe an Eiskristallen, die man in genau die entgegengesetzte Richtung sieht, nämlich zur Sonne hin. In älteren Beschreibungen des Brockens werden sie regelmäßig mit dem Gespenst in einen Topf geworfen.
Brockenspook, Brocken spectre, Berggespenst: alles dasselbe
Das Phänomen hat in fast jeder Sprache einen eigenen Namen, und alle meinen exakt denselben Effekt:
- Brockengespenst – die deutsche Bezeichnung nach dem Berg im Harz.
- Brockenspook – die niederländische Schreibweise; im Deutschen findet man auch „Brockenspuk“.
- Brocken spectre – der englische Begriff, daneben Brocken bow, mountain spectre und spectre of the Brocken.
- Berggespenst – der allgemeine Ausdruck, wenn der Effekt an irgendeinem anderen Gipfel auftritt.
- Glory beziehungsweise pilot’s glory – gemeint ist damit nur der Farbring, nicht der Schatten.
Noch verrückter: Jeder sieht nur sein eigenes Gespenst
Stehen zwei Menschen nebeneinander auf demselben Grat, sieht jeder die Glorie ausschließlich um den Kopf seines eigenen Schattens – nie um den des anderen. Der Grund: Der Farbkranz ist exakt auf den Gegenpunkt der Sonne zentriert, und der liegt für jedes Augenpaar an einer minimal anderen Stelle. Streng genommen sieht sogar jedes deiner beiden Augen eine leicht verschobene Glorie.
Aufgefallen ist das schon 1737: Die Forscher Pierre Bouguer und Antonio de Ulloa beobachteten das Schauspiel bei einer Vermessungsexpedition am Berg Pambamarca in den Anden – und notierten, dass jeder von ihnen den Lichtkranz nur um den Schatten des eigenen Kopfes sah. Das war mehr als vier Jahrzehnte vor Silberschlags Brocken-Bericht.
Wann du gute Chancen hast
Am häufigsten begegnen Brockengespenst und Glorie heute Flugreisenden: Wer bei Sonnenschein aus dem Fenster auf der sonnenabgewandten Seite auf eine geschlossene Wolkendecke schaut, entdeckt oft den Flugzeugschatten mit einem sauberen Farbring darum. Am Berg lohnen sich Nebelherbst und Inversionslagen – wenn du über einer Nebeldecke stehst und die Sonne gerade auf- oder untergeht. Dreh dich mit dem Rücken zur Sonne und schau nach unten in den Nebel, dorthin, wo der Schatten deines Kopfes liegt.
Es geht sogar ganz ohne Berg: Auch Autoscheinwerfer im dichten Nebel oder ein starker Scheinwerfer auf einer Nebelbank erzeugen den Effekt. Wer schnell sein will, hält das Handy direkt vor die Augen – die Glorie sitzt genau dort, wo der Schatten deines Kopfes ist, und wandert mit jeder Kopfbewegung mit.
Quellen
- Wikipedia: Brockengespenst – Silberschlag 1780, Goethe, Nebeltage auf dem Brocken, Abgrenzung zu Halos
- Wikipedia (EN): Brocken spectre – Namensvarianten, Bouguer und de Ulloa am Pambamarca 1737
- MeteoSchweiz: Glorie und Brockengespenst – optische Phänomene am Nebelrand
- Atmospheric Optics (Les Cowley): Glory Features – Ringradius, Tröpfchengröße, Mie-Streuung
- Harzer Tourismusverband: Das Brockengespenst – Bedingungen am Brocken, Höhe 1.141 m
- Deutsche Meteorologische Gesellschaft: Was macht ein Gespenst auf dem Brocken?
Häufige Fragen
Was ist ein Brockengespenst?
Der eigene Schatten des Beobachters, der bei tiefstehender Sonne im Rücken auf eine tiefer liegende Nebel- oder Wolkenschicht fällt und dabei riesig und dreidimensional wirkt.
Was heißt Brockengespenst auf Englisch oder Niederländisch?
Im Englischen heißt es Brocken spectre (auch Brocken bow oder mountain spectre), im Niederländischen Brockenspook. Gemeint ist immer derselbe Effekt.
Was ist der Unterschied zwischen Glorie und Regenbogen?
Die Glorie entsteht durch Beugung und Rückstreuung an winzigen Tröpfchen (10–30 µm) und misst nur ein bis zwei Grad. Der Regenbogen entsteht durch Brechung in großen Tropfen und spannt sich über rund 42 Grad.
Warum sieht jeder nur seine eigene Glorie?
Der Farbring ist exakt auf den Gegenpunkt der Sonne zentriert, und der liegt für jedes Augenpaar woanders. Deshalb sieht jeder den Kranz nur um den Kopf seines eigenen Schattens.
Wo kann ich das Brockengespenst sehen?
Überall dort, wo tiefstehende Sonne, ein erhöhter Standpunkt und eine Nebeldecke unterhalb zusammenkommen: auf Berggipfeln, aus dem Flugzeugfenster – oder im Scheinwerferlicht bei dichtem Nebel.
