Der einsamste Fleck der Erde liegt mitten im Südpazifik – und dient als Endstation für ausgediente Raumschiffe. Point Nemo ist der Punkt auf dem Ozean, der am weitesten von jedem Land entfernt ist: rund 2.688 Kilometer bis zur nächsten Küste. Genau deshalb steuern Raumfahrtbehörden ihre alten Satelliten und Raumstationen gezielt hierher. Die russische Raumstation Mir liegt schon auf dem Grund – die ISS soll folgen.
Stimmt das wirklich? Die Zahlen zu Point Nemo
Ja, und die Lage ist erstaunlich präzise vermessen. Point Nemo liegt bei den Koordinaten 48°52,6′ Süd und 123°23,6′ West. Von dort sind es in jede Richtung mindestens 2.688 Kilometer bis zum nächsten Stück Land:
- Ducie Island (zu den Pitcairninseln) im Norden
- Motu Nui, ein Felsen vor der Osterinsel, im Nordosten
- Maher Island vor der Küste der Antarktis im Süden
Der Ort trägt seinen Namen nach Kapitän Nemo aus Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ – und „Nemo“ ist lateinisch für „niemand“. Passender geht es kaum. Berechnet wurde die exakte Position erst 1992, und zwar am Computer: Der kroatisch-kanadische Vermessungsingenieur Hrvoje Lukatela suchte den Punkt, der von den drei nächstgelegenen Küstenlinien gleich weit entfernt ist. Fachlich heißt dieser Ort ozeanischer Pol der Unzugänglichkeit.
Warum die Raumfahrt genau hier abstürzt
Wenn ein Satellit oder eine Raumstation ausgedient hat, verglüht sie beim Wiedereintritt nicht vollständig. Große, schwere Teile – Tanks, Triebwerke, Titanstrukturen – überstehen die Hitze und schlagen auf der Erde ein. Sie müssen also irgendwo herunterkommen, wo sie niemanden treffen. Point Nemo ist dafür der ideale Zielpunkt: kaum Schiffsverkehr, keine bewohnten Inseln, kein Flugverkehr in der Nähe. Das Risiko, Menschen zu treffen, geht gegen null.
Zwischen 1971 und 2016 wurden hier mindestens 263 Raumfahrzeuge kontrolliert versenkt. Darunter sind Schwergewichte der Raumfahrtgeschichte:
- die russische Raumstation Mir, gezielt abgesenkt im März 2001
- mehrere sowjetische Saljut-Stationen
- zahlreiche russische Progress-Frachter
- das europäische Versorgungsschiff ATV und der japanische Transporter HTV
Dass das kein Selbstläufer ist, zeigte die chinesische Station Tiangong-1: Sie sollte 2018 ebenfalls bei Point Nemo enden, verlor aber vorher die Kontrolle und stürzte unkontrolliert über dem Südpazifik ab – daneben. Ein kontrollierter Absturz braucht funktionierende Triebwerke bis zuletzt.
Noch verrückter: Die nächsten Menschen sind im All
Point Nemo ist so abgelegen, dass die nächsten Menschen bei einem Überflug oft nicht auf der Erde, sondern über ihr schweben. Die Internationale Raumstation ISS kreist in rund 400 Kilometern Höhe. Wenn sie über Point Nemo hinwegzieht, sind ihre Astronauten der Wasseroberfläche näher als jeder Küstenbewohner – der ja mindestens 2.688 Kilometer entfernt lebt.
Und die ISS selbst wird eines Tages hier landen. Die NASA plant, den rund 420 Tonnen schweren Außenposten etwa 2030/31 gezielt zum Absturz zu bringen – mit einem eigens gebauten Deorbit-Fahrzeug auf Basis der SpaceX-Dragon-Kapsel. Es wäre der größte je bei Point Nemo versenkte Körper.
Ökologisch trifft es zudem eine der leersten Ecken des Planeten. Point Nemo liegt im Zentrum des Südpazifischen Wirbels, einer nährstoffarmen „biologischen Wüste“, in der kaum Leben existiert – weit weg von Küstenströmungen, die Nahrung heranspülen. Weniger Leben im Wasser bedeutet auch weniger, das der Metallschrott stören kann.
Verwandte Fakten & Quellen
Point Nemo verbindet zwei Extreme: die absolute Einsamkeit des offenen Ozeans und die Hochtechnologie der Raumfahrt. Genau da, wo niemand hinkommt, endet, was einmal die Erde umkreiste.
- Wikipedia: Spacecraft cemetery
- heise online: Zahlen, bitte! Point Nemo – Raumschiff-Friedhof
- Space.com: Where the ISS will die in 2030
Häufige Fragen
Wo genau liegt Point Nemo?
Im Südpazifik bei 48°52,6′ Süd und 123°23,6′ West – rund 2.688 Kilometer entfernt vom nächsten Land in jede Richtung. Er gilt als der abgelegenste Punkt der Weltmeere.
Warum stürzen Raumschiffe bei Point Nemo ab?
Weil dort kein Mensch, kaum Schiffsverkehr und keine Insel in der Nähe sind. Herabstürzende Trümmer von Satelliten und Raumstationen treffen so mit größtmöglicher Sicherheit niemanden.
Welche Raumschiffe liegen bei Point Nemo?
Zwischen 1971 und 2016 mindestens 263 Objekte, darunter die russische Station Mir (2001), mehrere Saljut-Stationen, viele Progress-Frachter sowie das europäische ATV und das japanische HTV.
Kommt die ISS auch nach Point Nemo?
Ja. Die NASA plant, die rund 420 Tonnen schwere Internationale Raumstation etwa 2030/31 gezielt hier abstürzen zu lassen – mit einem Deorbit-Fahrzeug auf Basis der SpaceX-Dragon-Kapsel.
Woher stammt der Name Point Nemo?
Von Kapitän Nemo aus Jules Vernes Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“. „Nemo“ ist lateinisch für „niemand“ – passend zur totalen Einsamkeit des Ortes.
