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Sonnenhalo und Nebensonnen: Wie der Lichtring entsteht

Winterlandschaft mit Sonnenhalo als 22-Grad-Ring um die tiefstehende Sonne und zwei hellen Nebensonnen links und rechts davon

Daumen auf die Sonne legen, Hand bei gestrecktem Arm spreizen: Ungefähr dort, wo der kleine Finger endet, steht der Ring. Sonnenhalo und Nebensonnen entstehen, wenn Sonnenlicht in Millionen sechseckiger Eiskristalle hoher Zirruswolken gebrochen wird. Der Ring hält dabei rund 22 Grad Abstand zur Sonne, die beiden hellen Flecken sitzen links und rechts von ihr auf gleicher Höhe.

Stimmt das wirklich? Der 22-Grad-Ring in Zahlen

Ja — und das Phänomen ist deutlich häufiger als ein Regenbogen. Der 22-Grad-Ring gilt als die häufigste Haloerscheinung überhaupt und lässt sich in Mitteleuropa an durchschnittlich 80 bis 120 Tagen im Jahr beobachten. Nebensonnen kommen auf rund 60 bis 80 Tage. Auffallen tun beide selten, weil sie direkt neben der Sonne stehen und im Blendlicht untergehen — wer den Ring sucht, deckt die Sonne mit der Hand oder einem Dachfirst ab.

Den Namen 22-Grad-Halo trägt der Ring wegen seines Radius: gemessen vom Sonnenmittelpunkt aus knapp 22 Grad, also etwa eine ausgestreckte Handspanne am Himmel. Voraussetzung sind dünne, hohe Zirruswolken — meist in acht bis zehn Kilometern Höhe, möglich ist der Bereich von etwa fünf bis dreizehn Kilometern. Dort oben herrschen Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, das Wasser liegt als Eis vor.

MerkmalWert
Radius des Ringsca. 22° (21,7° rot bis 22,5° violett)
Verantwortliche WolkenZirrus, meist 8–10 km Höhe
Form der Eiskristallesechseckig (hexagonal)
22-Grad-Ring in Mitteleuropaca. 80–120 Tage / Jahr
Nebensonnen in Mitteleuropaca. 60–80 Tage / Jahr
Bekannte Halo-Arten insgesamtüber 50

Warum ist das so? Eiskristalle arbeiten wie winzige Prismen

Jeder Eiskristall in einer Zirruswolke ist sechseckig aufgebaut. Trifft Sonnenlicht auf zwei Seitenflächen, die 60 Grad zueinander geneigt sind, wird der Strahl darin zweimal abgelenkt — dasselbe Prinzip wie in einem Glasprisma. Unter dem sogenannten Minimum der Ablenkung verlassen besonders viele Strahlen den Kristall, und dieses Minimum liegt bei rund 21,7 Grad für rotes und 22,5 Grad für violettes Licht. Dort häuft sich das Licht und zeichnet den Ring an den Himmel.

Aus derselben Physik folgt die Farbfolge: Rot wird am schwächsten gebrochen und liegt innen, bläuliches Licht außen — deshalb wirkt die Innenkante des Rings am schärfsten und oft rötlich. Nach innen bleibt es dagegen auffällig dunkel, weil unterhalb von 21,7 Grad praktisch kein Licht abgelenkt wird. Diesen dunklen Fleck rund um die Sonne erkennt man auf Fotos oft besser als den Ring selbst.

Warum Sonnenhalo und Nebensonnen unterschiedliche Kristalle brauchen

Der Unterschied steckt nicht im Material, sondern in der Lage der Kristalle. Den geschlossenen Ring erzeugen säulenförmige Kristalle, die beim Fallen wild durcheinandertaumeln: Weil jede Orientierung vorkommt, verteilt sich das Licht gleichmäßig auf einen vollen Kreis.

Nebensonnen dagegen entstehen an flachen, plättchenförmigen Kristallen. Fallen die ungestört, legen sie sich waagerecht — wie langsam absinkende Münzen. Diese gemeinsame Ausrichtung bündelt das gebrochene Licht auf zwei Stellen statt auf den ganzen Kreis, und heraus kommen die zwei intensiven Flecken. Sonnenhalo und Nebensonnen können deshalb einzeln auftreten: Ring ohne Flecken, Flecken ohne Ring — oder alles zusammen, wenn beide Kristallformen in der Wolke stecken.

Noch verrückter: Nebensonnen wandern mit dem Sonnenstand

Nebensonnen sitzen nicht fest auf dem Ring. Steht die Sonne knapp über dem Horizont, liegen sie fast exakt auf den 22 Grad. Steigt sie höher, rücken die Flecken nach außen: bei etwa 40 Grad Sonnenhöhe auf rund 28 Grad Abstand, bei 60 Grad Sonnenhöhe auf etwa 45 Grad. Gleichzeitig werden sie blasser. Sichtbar bleiben sie prinzipiell, solange die Sonne über dem Horizont steht — die eindrucksvollen Exemplare zeigen sich trotzdem morgens und abends, im Winterhalbjahr also besonders oft.

In voller Ausprägung leuchten sie zur Sonne hin kräftig rot und ziehen einen langen weißlichen Schweif hinter sich her, der parallel zum Horizont von der Sonne wegzeigt. Steht die Sonne 15 bis 25 Grad hoch, taucht dazu gern der Zirkumzenitalbogen auf: ein farbkräftiger Bogen hoch oben, mit der Öffnung nach unten — der „umgedrehte Regenbogen“, den viele für eine Kamerapanne halten.

Halos zum Greifen nah — und der Wetterbote am Himmel

Eiskristalle müssen nicht in zehn Kilometern Höhe schweben. Bei strengem Frost genügt Eisnebel direkt am Boden: Der Deutsche Wetterdienst zeigte im Januar 2026 Aufnahmen solcher Eisnebelhalos aus dem Erzgebirge, bei denen Ringe, Lichtsäulen und Nebensonnen scheinbar zwischen den Bäumen stehen. Dieselbe Optik entsteht an Kunstschnee aus Schneekanonen — und nachts an denselben Kristallen um den Mond, dann als Mondhalo.

Der seltenere große Bruder ist der 46-Grad-Ring: Er kommt zustande, wenn das Licht durch eine Seitenfläche und die Deck- oder Bodenfläche eines Kristalls läuft, die im rechten Winkel zueinander stehen. Er ist blasser, farbkräftiger und deutlich schwerer zu erwischen.

Auch die alte Bauernregel „Ring um die Sonne, Regen in Wonne“ hat einen wahren Kern. Zirruswolken laufen einer Warmfront häufig einige hundert Kilometer voraus, und die bringt Bewölkung und Niederschlag mit. Ein Treffer ist der Halo damit nicht garantiert, ein brauchbarer Hinweis auf einen Wetterwechsel innerhalb der nächsten ein bis zwei Tage aber schon.

Verwandte Fakten

Halos sind nur eine Familie unter den optischen Erscheinungen der Atmosphäre. Regenbögen entstehen an flüssigen Tropfen und stehen der Sonne gegenüber, Lichtsäulen an spiegelnden Kristallflächen, Polarlichter überhaupt nicht durch Lichtbrechung, sondern durch angeregte Luftmoleküle. Gemeinsam ist ihnen: Sie wirken magisch und sind bis auf die Nachkommastelle berechenbar. Wer den Blick einmal geschult hat, entdeckt am eigenen Himmel plötzlich Ringe, Bögen und Flecken, die vorher jahrelang unbemerkt über ihm standen.

Quellen

Häufige Fragen

Was sind Nebensonnen?

Nebensonnen (Parhelia) sind zwei helle, zur Sonne hin oft rot leuchtende Lichtflecke links und rechts der Sonne. Sie entstehen, wenn Sonnenlicht an waagerecht schwebenden, plättchenförmigen Eiskristallen in Zirruswolken gebrochen wird.

Warum misst der Sonnenhalo genau 22 Grad?

Sechseckige Eiskristalle brechen Licht an ihren 60-Grad-Flächen. Die Ablenkung erreicht ihr Minimum bei rund 21,7 Grad (rot) bis 22,5 Grad (violett) — dort häuft sich das Licht und bildet den Ring.

Wie oft kann man einen Sonnenhalo sehen?

Der 22-Grad-Ring ist an durchschnittlich 80 bis 120 Tagen im Jahr über Mitteleuropa zu sehen, Nebensonnen an rund 60 bis 80 Tagen. Übersehen werden sie meist, weil sie im Blendlicht direkt neben der Sonne stehen.

Wandern Nebensonnen mit dem Sonnenstand?

Ja. Bei tiefer Sonne stehen sie auf dem 22-Grad-Ring, bei 40 Grad Sonnenhöhe rund 28 Grad daneben, bei 60 Grad etwa 45 Grad. Je höher die Sonne, desto weiter außen und blasser die Flecke.

Kündigt ein Ring um die Sonne Regen an?

Oft. Halos entstehen in Zirruswolken, die einer Warmfront meist um ein bis zwei Tage vorauslaufen. Ein sicherer Regenmelder ist der Ring nicht, ein brauchbarer Hinweis auf einen Wetterwechsel schon.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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