BderBehla

Kann man die Chinesische Mauer aus dem All sehen?

Blick aus der Erdumlaufbahn auf die Gebirgslandschaft Nordchinas, in der die Chinesische Mauer nur als feine Linie zu erahnen ist.

Nein — mit bloßem Auge ist die Chinesische Mauer weder aus dem Erdorbit noch vom Mond zu sehen. Der Satz, sie sei das einzige von Menschen gebaute Bauwerk, das man aus dem All erkennt, hält sich seit Jahrzehnten hartnäckig. Er ist trotzdem falsch. Astronauten von den Apollo-Missionen bis zur ISS haben es bestätigt — und ausgerechnet Chinas erster Raumfahrer suchte die Mauer vergeblich.

Stimmt das wirklich?

Yang Liwei, der erste Mensch, den China ins All schickte, umkreiste die Erde im Oktober 2003 an Bord von Shenzhou 5 vierzehn Mal. Nach der Landung sagte er nüchtern: „Die Erde sah aus dem All wunderschön aus, aber unsere Große Mauer habe ich nicht gesehen.“ Ein Satz, der in China für Diskussionen sorgte — und der den Mythos so direkt widerlegt wie kaum ein anderer.

Fotografierbar ist die Mauer trotzdem, nur eben nicht freihändig mit dem Auge. ISS-Kommandant Leroy Chiao gelang am 24. November 2004 eine Aufnahme aus der niedrigen Erdumlaufbahn — mit Digitalkamera und 180-mm-Teleobjektiv. Selbst er war sich zunächst nicht sicher, ob die Mauer wirklich im Bild war. ESA-Astronaut Alexander Gerst versuchte es 2018 mit einem 800-mm-Teleobjektiv und nannte das Ergebnis mit bloßem Auge „so gut wie unmöglich“.

Warum ist das so?

Die Mauer ist lang, aber schmal. Über weite Strecken misst sie nur rund sechs Meter in der Breite. Die ISS zieht in etwa 400 Kilometern Höhe ihre Bahnen. Ein sechs Meter breites Objekt aus 400 Kilometern zu erkennen, entspricht ungefähr dem Versuch, eine einzelne Spaghettinudel aus 100 Metern Entfernung auszumachen. Das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges reicht dafür schlicht nicht.

Dazu kommt das Material. Die Mauer wurde über weite Strecken aus Steinen und Erde der direkten Umgebung errichtet. Ihre Farbe entspricht dem Gebirge oder der Wüste, auf der sie verläuft. Ohne deutlichen Helligkeits- oder Farbkontrast verschwimmt das Bauwerk aus der Höhe komplett mit der Landschaft — anders als eine beleuchtete Großstadt bei Nacht oder eine breite Autobahn, die sich klar abheben.

Vom Mond aus wird es vollends absurd. Bei rund 384.000 Kilometern Entfernung bräuchte man ein etwa 17.000-mal besseres Sehvermögen als der Mensch, um die Mauer auszumachen. Kein Apollo-Astronaut hat auf dem Mond je ein einzelnes menschliches Bauwerk erkannt.

Noch verrückter:

Der Mythos ist älter als die Raumfahrt selbst. Schon 1754 schrieb der englische Gelehrte William Stukeley, die Mauer sei wohl vom Mond aus sichtbar — zu einer Zeit, in der niemand auch nur ahnte, wie ein Blick von dort aussehen würde. Populär machte die Behauptung dann der US-Reiseschriftsteller Richard Halliburton, der sie in den 1930er-Jahren als vermeintliche Tatsache verbreitete. Von dort wanderte der Satz von Buch zu Buch, in Schulhefte und schließlich in unzählige Quizfragen.

Die Ironie dabei: Viele modernere Bauwerke sind aus der niedrigen Erdumlaufbahn tatsächlich leichter zu erkennen als die Mauer — große Flughäfen, weitläufige Gewächshaus-Landschaften, Stauseen oder die Lichter ganzer Metropolen bei Nacht. Ausgerechnet das Bauwerk, das als Paradebeispiel gilt, gehört zu den am schwersten sichtbaren.

Quellen

Häufige Fragen

Kann man die Chinesische Mauer mit bloßem Auge aus dem All sehen?

Nein. Weder aus der Erdumlaufbahn noch vom Mond ist die Mauer mit bloßem Auge erkennbar — das haben zahlreiche Astronauten bestätigt.

Wurde die Chinesische Mauer je aus dem All fotografiert?

Ja. ISS-Kommandant Leroy Chiao gelang 2004 eine Aufnahme mit einem 180-mm-Teleobjektiv — also mit starker Vergrößerung, nicht mit bloßem Auge.

Warum ist die Mauer aus dem All so schwer zu sehen?

Sie ist nur etwa sechs Meter breit und besteht aus Material der Umgebung, das kaum mit dem Gebirge oder der Wüste darunter kontrastiert.

Woher stammt der Mythos?

Er ist älter als die Raumfahrt: Schon 1754 wurde die Mondsichtbarkeit behauptet, populär machte sie der Reiseschriftsteller Richard Halliburton in den 1930er-Jahren.

Kann man die Chinesische Mauer vom Mond sehen?

Nein. Bei rund 384.000 Kilometern Entfernung wäre dafür ein etwa 17.000-mal besseres Sehvermögen nötig als beim Menschen.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

Mehr über mich →