Der tiefste Punkt der Erde liegt nicht auf einem Kontinent, sondern gut zehneinhalb Kilometer unter der Meeresoberfläche: das Challengertief im Marianengraben. Mit rund 10.935 Metern reicht es so weit hinab, dass der komplette Mount Everest darin versinken würde — und sein Gipfel läge immer noch über zwei Kilometer unter Wasser.
Der Graben zieht sich als sichelförmige Narbe über etwa 2.550 Kilometer durch den westlichen Pazifik, südlich der Marianen-Inseln und rund 300 Kilometer südwestlich von Guam. Das Challengertief ist nur eine kleine Senke an seinem Südende — aber eben die tiefste Stelle, die wir auf diesem Planeten kennen.
Stimmt das wirklich?
Ja, und die Zahl ist gut belegt. Den Namen verdankt die Stelle der britischen Forschungsexpedition der HMS Challenger, die 1875 hier zum ersten Mal lotete und schon damals über 8.000 Meter maß. Moderne Messungen schwanken je nach Methode zwischen etwa 10.900 und 11.000 Metern, weil das Echo von Schallwellen in dieser Tiefe schwer exakt auszuwerten ist.
Der derzeit belastbarste Wert stammt aus dem Jahr 2020: Bei der Expedition des US-Amerikaners Victor Vescovo wurde die Tiefe über Drucksensoren am Tauchboot auf 10.935 Meter (±6 Meter) bestimmt. Ältere Echolot-Messungen von 2010 kamen auf rund 10.984 Meter. Die genaue Zahl bleibt also eine Frage von Metern — dass es der tiefste Punkt der Ozeane ist, steht außer Frage.
Warum ist der Marianengraben so tief?
Verantwortlich ist die Plattentektonik. Genau hier schiebt sich die schwere, uralte Pazifische Platte unter die kleinere Marianen-Platte und taucht in einem steilen Winkel zurück in den Erdmantel ab. Diesen Vorgang nennt man Subduktion.
Weil die Pazifische Platte zu den ältesten und dichtesten Teilen der Erdkruste gehört, sinkt sie besonders steil und tief ab. An der Nahtstelle knickt der Meeresboden nach unten und formt die typische V-förmige Rinne — den Graben. Er ist damit kein Loch, das sich einmal gebildet hat, sondern eine aktive geologische Baustelle, an der Erdkruste im Zeitlupentempo verschluckt wird.
Was da unten herrscht: Druck, Kälte und totale Finsternis
Am Grund des Challengertiefs lastet der Druck von über zehn Kilometern Wasser: mehr als 1.000 Bar, also über das Tausendfache des Luftdrucks an der Oberfläche. Auf jeden Quadratzentimeter drückt hier rund eine Tonne Gewicht — als würde ein Kleinwagen auf einer Fläche von der Größe eines Daumennagels stehen.
Dazu kommt beißende Kälte: Das Wasser liegt konstant knapp über dem Gefrierpunkt, bei etwa 1 bis 4 Grad Celsius. Und es ist stockdunkel — das letzte Sonnenlicht verschwindet schon nach wenigen hundert Metern. Photosynthese ist unmöglich; alles Leben da unten hängt von organischem Material ab, das aus höheren Schichten herabrieselt.
Noch verrückter: Leben — und Müll — am tiefsten Punkt der Erde
Trotz dieser lebensfeindlichen Bedingungen ist der Graben nicht tot. Ferngesteuerte und bemannte Tauchboote haben Mikroorganismen, einzellige Algen, Seegurken, Würmer und Krebse nachgewiesen. Besonders zäh sind winzige Flohkrebse (Amphipoden) und die Xenophyophoren — einzellige Riesenlebewesen, die trotz Einzelligkeit mehrere Zentimeter groß werden.
Zum tiefsten Punkt vorgedrungen sind bisher nur wenige Menschen. Den Anfang machten 1960 Jacques Piccard und Don Walsh mit dem Tauchboot Trieste. 2012 tauchte Regisseur James Cameron allein mit der Deepsea Challenger hinab. Und 2019 kehrte Victor Vescovo mit einer ernüchternden Beobachtung zurück: Am tiefsten Punkt der Erde entdeckte er neben Lebewesen auch eine Plastiktüte und weiteren menschlichen Müll. Selbst der abgelegenste Ort des Planeten ist also längst kein unberührter mehr.
Quellen
- Wikipedia — Challenger Deep (Tiefe, Expeditionen, Druck)
- Wikipedia — Challengertief (Messwerte, Geschichte)
- scinexx.de — Die allertiefste Tiefsee (Leben, Everest-Vergleich)
Häufige Fragen
Wie tief ist der Marianengraben?
Der tiefste Punkt, das Challengertief, liegt bei rund 10.935 Metern unter dem Meeresspiegel — tiefer als der Mount Everest hoch ist.
Wo liegt der Marianengraben?
Im westlichen Pazifik, südlich der Marianen-Inseln und etwa 300 Kilometer südwestlich der Insel Guam.
War schon ein Mensch am tiefsten Punkt der Erde?
Ja. Piccard und Walsh erreichten ihn 1960 mit der Trieste, James Cameron 2012 solo, Victor Vescovo 2019 und 2020.
Gibt es Leben im Marianengraben?
Ja. Trotz Dunkelheit, Kälte und enormem Druck leben dort Mikroben, Flohkrebse, Seegurken, Würmer und einzellige Xenophyophoren.
Warum ist der Marianengraben so tief?
Durch Subduktion: Die schwere Pazifische Platte taucht hier steil unter die Marianen-Platte in den Erdmantel ab und reißt den Meeresboden mit.
