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Infantile Amnesie: Warum wir unsere ersten Lebensjahre vergessen

Neugieriges Baby mit weit geöffneten Augen sitzt im warmen Licht – Sinnbild für die frühe Kindheit und die infantile Amnesie

Versuch es einmal: Was ist deine allererste Erinnerung? Bei den meisten Menschen landet der Zeiger irgendwo um den dritten Geburtstag – ein Bild, ein Geruch, ein einzelner Moment. Alles davor ist schwarz. Diese Lücke hat einen Namen, infantile Amnesie, und sie betrifft praktisch jeden von uns. Verrückt ist nicht, dass wir die ersten Lebensjahre vergessen. Verrückt ist, warum.

Stimmt das wirklich – erinnert sich niemand an die ersten Jahre?

Ja, und das mit erstaunlicher Regelmäßigkeit. Die meisten Erwachsenen haben keine zusammenhängende Erinnerung an die Zeit vor dem zweiten, oft nicht vor dem dritten Geburtstag. Die früheste greifbare Erinnerung liegt im Schnitt bei etwa dreieinhalb Jahren – quer durch Kulturen, quer durch Generationen.

Den Begriff prägte Sigmund Freud schon 1899. Er wunderte sich, dass ausgerechnet die Jahre, in denen ein Kind am schnellsten lernt – laufen, sprechen, die Welt begreifen – später komplett aus dem Gedächtnis verschwinden. Über ein Jahrhundert lang blieb die Frage offen. Erst die moderne Hirnforschung liefert Antworten, und die jüngste davon stellt alles Bisherige auf den Kopf.

Warum ist das so?

Die alte Standarderklärung klang plausibel: Der Hippocampus – die Hirnregion, die einzelne Erlebnisse zu abrufbaren Erinnerungen verknüpft – ist bei Babys schlicht noch nicht fertig. Kein reifer Hippocampus, keine Speicherung, keine Erinnerung. Klingt logisch. Nur stimmt es offenbar nicht.

Ein Team um den Psychologen Nick Turk-Browne von der Yale University schob 2025 Babys zwischen 4 und 25 Monaten in einen fMRT-Scanner und zeigte ihnen Bilder. Das Ergebnis, veröffentlicht im Fachjournal Science: Der hintere Hippocampus feuerte messbar stärker bei genau den Bildern, die ein Kind später wiedererkannte – ein klares Zeichen, dass hier gerade eine Erinnerung entsteht. Ab etwa zwölf Monaten war der Effekt deutlich. Babys speichern also sehr wohl. Das Problem liegt nicht beim Aufnehmen, sondern beim späteren Abrufen.

Wo also gehen die Erinnerungen hin? Ein heißer Kandidat ist die Neurogenese. Im kindlichen Hippocampus entstehen in atemberaubendem Tempo neue Nervenzellen. Die Forscher Paul Frankland und Sheena Josselyn zeigten: Diese Flut frischer Neuronen verdrängt und überschreibt bestehende Verschaltungen – die feinen synaptischen Kontakte, in denen eine Erinnerung steckt, werden buchstäblich umgebaut. In einer Mäusestudie (Akers und Kollegen, 2014) blieben frühe Erinnerungen erhalten, sobald man die Neubildung dieser Zellen künstlich drosselte. Der Preis für ein schnell wachsendes Gehirn ist ein Gedächtnis, das seine eigenen ältesten Einträge übermalt.

Dazu kommen weitere Faktoren, die sich ergänzen statt widersprechen:

  • Fehlende Sprache: Erinnerungen, die vor dem Sprechen entstehen, lassen sich mit Worten kaum wieder hervorholen – der Schlüssel passt nicht mehr ins Schloss.
  • Unreifer Frontallappen: Die Region hinter der Stirn, die Erlebnisse zu einer Geschichte ordnet, entwickelt sich erst in den ersten Lebensjahren.
  • Kein Ich-Gefühl: Ein stabiles Bild von sich selbst als Person entsteht erst mit etwa zwei Jahren – ohne dieses „Ich“ fehlt der rote Faden, an dem autobiografische Erinnerungen hängen.

Noch verrückter

Infantile Amnesie ist kein menschlicher Sonderfall. Auch Mäuse, Ratten und andere Tiere vergessen ihre frühesten Erlebnisse – genau dann, wenn die Neurogenese im Hippocampus auf Hochtouren läuft. Das deutet darauf hin, dass wir es mit einem tief in der Biologie verankerten Muster zu tun haben, nicht mit einer menschlichen Eigenheit.

Und die Erinnerungen sind womöglich nicht endgültig gelöscht, sondern nur unerreichbar. In derselben Linie von Mäuseexperimenten ließen sich „verlorene“ Baby-Erinnerungen reaktivieren, indem man gezielt genau jene Nervenzellen stimulierte, die das ursprüngliche Erlebnis gespeichert hatten. Die Spur war die ganze Zeit da – nur der Weg dorthin war verschüttet.

Das wirft die Perspektive der Yale-Studie in ein neues Licht: Vielleicht schlummert in jedem von uns ein Archiv der ersten Lebensjahre. Wir haben bloß den Zugangscode verloren, den unser Gehirn beim Wachsen selbst überschrieben hat.

Quellen

Häufige Fragen

Was ist infantile Amnesie?

Infantile Amnesie bezeichnet das Phänomen, dass sich fast alle Menschen nicht bewusst an die ersten zwei bis drei Lebensjahre erinnern können. Den Begriff prägte Sigmund Freud bereits 1899.

Ab welchem Alter reicht unsere früheste Erinnerung zurück?

Die erste greifbare Erinnerung der meisten Erwachsenen liegt im Schnitt bei etwa dreieinhalb Jahren. An die Zeit davor gibt es kaum zusammenhängende Erinnerungen – und das erstaunlich gleichmäßig über Kulturen hinweg.

Speichern Babys überhaupt Erinnerungen?

Ja. Eine Yale-Studie zeigte 2025 mit Hirnscans, dass der Hippocampus von Babys bereits ab etwa zwölf Monaten Erinnerungen abspeichert. Das Problem liegt also nicht beim Aufnehmen, sondern beim späteren Abrufen.

Warum können wir uns später nicht mehr erinnern?

Vermutlich überschreibt die rasche Neubildung von Nervenzellen im kindlichen Hippocampus bestehende Erinnerungsspuren. Dazu kommen fehlende Sprache, ein unreifer Frontallappen und das noch nicht ausgebildete Ich-Gefühl.

Haben nur Menschen infantile Amnesie?

Nein. Auch Mäuse, Ratten und andere Tiere vergessen ihre frühesten Erlebnisse – jeweils in der Phase, in der die Neurogenese im Hippocampus am stärksten läuft. Das spricht für ein tief biologisch verankertes Muster.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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