Der Impuls dauert keine Sekunde: Du stehst am Geländer einer Aussichtsplattform, schaust nach unten – und ein Gedanke schiebt sich dazwischen, den du nicht bestellt hast. Springen. Sterben willst du nicht, keine Silbe davon ist ernst gemeint, trotzdem war er da. Dieser Kurzschluss hat einen Namen: Call of the Void, in der Forschung High Place Phenomenon (HPP). Er ist kein versteckter Todeswunsch und keine Diagnose, sondern eine der häufigsten Fehlzündungen des menschlichen Gehirns – rund sechs von zehn Menschen kennen ihn.
Stimmt das wirklich? Die Zahlen hinter dem Sprung-Sog
Den ersten empirischen Beleg lieferte 2012 die Psychologin Jennifer Hames an der Florida State University. Ihre Studie trug den programmatischen Titel „An Urge to Jump Affirms the Urge to Live“ – der Drang zu springen bestätigt den Drang zu leben. Sie befragte 431 Studierende, und auch ein großer Teil derjenigen, die nach eigener Auskunft nie Suizidgedanken hatten, kannte den Sog aus eigener Erfahrung. Seither ist die Datenlage deutlich breiter geworden:
- Rund 60 % einer deutschen Online-Stichprobe (276 Personen) berichteten davon – Teismann und Kollegen, BMC Psychiatry 2020.
- Rund 45 % einer Patientengruppe mit behandlungsbedürftiger Flugangst in derselben Untersuchung.
- 43 % in der bislang größten klinischen Stichprobe: 612 Menschen mit Flugphobie oder Agoraphobie, Wiesmann und Kollegen 2025.
- 39 bis 62 % in zwei iranischen Stichproben von 2025 – das Phänomen ist also nicht auf westliche Befragte beschränkt.
Ein Ergebnis der 2025er Klinikstudie liest sich auf den ersten Blick beunruhigend: 85 % der Befragten mit akuten Suizidgedanken kannten den Sprung-Sog – aber eben auch 39 % derer ohne solche Gedanken. Genau deshalb betonen die Autoren, dass das Erlebnis für sich genommen nichts über Suizidalität aussagt. Es taucht bei belasteten und bei unbelasteten Menschen auf, nur unterschiedlich oft.
Warum ist das so? Die Theorie vom verwechselten Notsignal
Die bekannteste Erklärung heißt „misinterpreted safety signal“ – ein fehlgedeutetes Sicherheitssignal. Der Ablauf ist zeitlich verschoben, und genau darin liegt der Trick: An der Kante feuert dein Gehirn ein blitzschnelles Alarmsignal, du weichst zurück oder greifst fester ans Geländer. Dieser Reflex ist schneller als dein bewusstes Denken.
Erst danach setzt der langsamere, erklärende Teil deines Verstandes ein und sucht einen Grund für das, was der Körper gerade getan hat. Und manchmal greift er daneben: „Warum bin ich zusammengezuckt? Wollte da ein Teil von mir springen?“ Der Impuls war in Wahrheit ein Überlebenssignal, das rückwirkend als Sprung-Wunsch etikettiert wird. Hames leitete daraus ihren Studientitel ab – wer den Sog spürt, reagiert auf ein Sicherheitssignal, das gut funktioniert.
Was die Forschung 2025 am High Place Phenomenon neu sieht
Die 2012 gefundene Spur führte über die Angstsensitivität: Menschen, die Körpersignale intensiver wahrnehmen und dramatischer deuten, sollten den Sog häufiger erleben. Diese Erklärung wackelt inzwischen. In der klinischen Stichprobe von 2025 zeigte Angstsensitivität keinen signifikanten Zusammenhang mehr, in den beiden iranischen Stichproben ebenfalls nicht.
Stattdessen rückt ein anderer Kandidat nach vorn. In der Untersuchung von Asgari und Kollegen (Frontiers in Psychiatry, 2025) waren Zwangssymptome der stärkste Vorhersagewert für die Ausprägung des Phänomens – stärker als Depression, Suizidgedanken oder Angstsensitivität. Die Forschenden schlagen deshalb vor, das High Place Phenomenon eher im Spektrum aufdringlicher Gedanken zu verorten: jener ungebetenen Denk-Blitze, die praktisch jeder Mensch kennt (das Baby fallen lassen, das Lenkrad verreißen, im Gottesdienst etwas Verbotenes rufen) und sofort verwirft.
Ein weiterer Befund von 2025: Ein hoher Selbstwert ging mit selteneren Erlebnissen einher. Depression blieb der einzige klar negative Marker, der das Phänomen vorhersagte.
Nicht nur Höhen: der Ruf der Leere im Auto und am Bahnsteig
Der französische Name des Phänomens ist der schönste: l’appel du vide, der Ruf der Leere. Und er beschränkt sich nicht auf Aussichtsplattformen. Ein deutsches Team hat 2025 erstmals einen Fragebogen dafür validiert, die Call of the Void Scale (476 Befragte, erhoben 2023/2024). Sie fand fünf klar trennbare Bereiche:
- der Sprung-Impuls an hohen Orten,
- der Impuls, im Auto das Lenkrad zu verreißen,
- der Impuls am Bahnsteig, wenn der Zug einfährt,
- die Ich-Fremdheit des Gedankens – das Gefühl, dass er nicht zu einem gehört,
- das Sicherheitsverhalten, mit dem Menschen darauf reagieren (Abstand halten, Griff ans Geländer, Gedanken wegdrücken).
Am aufschlussreichsten ist Punkt vier. Die reine Ich-Fremdheit hing in der Gesamtstichprobe nicht mit Depression, Angst, Stress oder Suizidgedanken zusammen. Wenn sich der Gedanke also fremd anfühlt, wie von außen hineingeworfen, spricht das eher gegen eine Absicht dahinter – er unterscheidet sich strukturell von einem echten Wunsch.
Wann der Gedanke doch ein Warnsignal ist
Die Abgrenzung ist wichtig: Der Call of the Void ist ein flüchtiger, sofort verworfener Impuls ohne Wunsch zu sterben. Etwas anderes sind wiederkehrende, quälende Gedanken, sich das Leben zu nehmen, Pläne dafür oder ein anhaltender Sterbewunsch. Wenn dich solche Gedanken belasten, sprich mit einer Ärztin, einer Therapeutin oder einer Beratungsstelle – in Deutschland rund um die Uhr und kostenfrei bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der vernünftige Schritt.
Was du beim nächsten Mal tun kannst
Die Empfehlung der Fachleute ist erstaunlich unspektakulär: den Gedanken nicht wegdrücken. Aufdringliche Gedanken werden durch Unterdrückung häufiger, nicht seltener – wer sie bekämpft, gibt ihnen Gewicht. Benenne ihn stattdessen als das, was er ist: ein Gedanke, kein Befehl, und schon gar keine Absicht.
Zwei Dinge helfen praktisch. Erstens: ein fester Griff ans Geländer und ein Schritt zurück – ein normaler Sicherheitsreflex, kein Eingeständnis. Zweitens: das Sicherheitsverhalten nicht ausbauen. Wer Aussichtspunkte, Bahnsteigkanten oder Serpentinenstraßen dauerhaft meidet, trainiert dem Gehirn bei, dass dort echte Gefahr lauert – und macht den Sog auf Dauer lauter statt leiser. Dein Kopf wollte dich nie fallen lassen. Er wollte dich festhalten und hat es nur schlecht erklärt.
Quellen
- Hames, J. L. et al. (2012): An urge to jump affirms the urge to live. Journal of Affective Disorders.
- Teismann, T. et al. (2020): High place phenomenon: prevalence and clinical correlates in two German samples. BMC Psychiatry 20, 478.
- Wiesmann, U., Wannemüller, A. & Teismann, T. (2025): The High Place Phenomenon: Associations With Markers of Positive and Negative Mental Health. Clinical Psychology & Psychotherapy.
- Asgari, Z. et al. (2025): High place phenomenon, obsessive-compulsive symptoms and suicidality. Frontiers in Psychiatry.
- (2025): Call of the Void Scale: scale development, validation and psychometric properties. Frontiers in Psychiatry.
Häufige Fragen
Was ist der Call of the Void?
Ein plötzlicher, kurzer Impuls, von einem hohen Ort zu springen, obwohl man gar nicht sterben will. In der Forschung heißt er High Place Phenomenon (HPP).
Wie häufig ist das High Place Phenomenon?
Sehr häufig: Rund 60 Prozent einer deutschen Online-Stichprobe kannten es, in klinischen Stichproben von 2025 waren es 43 Prozent, in zwei iranischen Gruppen 39 bis 62 Prozent.
Ist der Drang zu springen ein Zeichen für Suizidgedanken?
Nein. Auch Menschen ohne jede Suizidgedanken erleben ihn – in der 2025er Studie 39 Prozent von ihnen. Forschende warnen ausdrücklich davor, ihn als versteckten Todeswunsch zu deuten.
Warum entsteht dieser Sprung-Sog überhaupt?
Wahrscheinlich durch ein fehlgedeutetes Sicherheitssignal: Das Gehirn warnt blitzschnell vor der Kante, und der langsamere bewusste Verstand deutet das Zurückweichen im Nachhinein als Sprung-Wunsch.
Was tue ich, wenn ich den Sog spüre?
Den Gedanken nicht wegdrücken, sondern als bloßen Gedanken benennen, das Geländer greifen und einen Schritt zurücktreten. Bei echten, wiederkehrenden Sterbewünschen: Telefonseelsorge 116 123 oder ärztliche Hilfe.
