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Warum gibt es Linkshänder? Was wirklich dahintersteckt

Nahaufnahme einer linken Hand, die mit einem Kugelschreiber in ein Notizbuch schreibt

Rund jeder zehnte Mensch greift zum Stift mit links – und das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Genen, Hirnasymmetrie und Prozessen, die schon vor der Geburt ablaufen. Eine einzelne „Linkshänder-Ursache“ gibt es nicht: Händigkeit entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Gene und früher Entwicklungsschritte im Körper. Was die Forschung heute sicher weiß – und was noch Rätsel bleibt.

Stimmt das wirklich? Nur etwa jeder Zehnte ist Linkshänder

Ja. Eine große Meta-Analyse aus dem Jahr 2020, die fast 2,5 Millionen Menschen aus rund 200 Einzelstudien zusammenfasste, kam auf einen Linkshänder-Anteil von etwa 10,6 Prozent. Weitere rund 9 Prozent sind beidhändig und wechseln je nach Aufgabe. Je nach Land und Erhebung schwanken die Angaben zwischen 10 und 15 Prozent – ein Wert, der sich seit Jahrzehnten erstaunlich stabil hält.

Spannend ist, was passiert, wenn man den gesellschaftlichen Druck wegrechnet: Fachleute vermuten, dass ohne die historische Umerziehung deutlich mehr Menschen mit links schreiben würden. Die reine Zahl unterschätzt also, wie häufig Linkshändigkeit von Natur aus vorkommt.

Warum ist das so? Gene, Gehirn und ein bisschen Zufall

Der wichtigste Baustein ist die Lateralisation des Gehirns – die Aufgabenteilung zwischen linker und rechter Hirnhälfte. Weil die Nervenbahnen überkreuzen, steuert die rechte Hemisphäre die linke Körperseite. Bei Linkshändern ist diese Asymmetrie im Schnitt schwächer ausgeprägt: Die Sprachregionen beider Hirnhälften kommunizieren nachweislich koordinierter miteinander als bei Rechtshändern.

2019 werteten Forscher um Akira Wiberg an der University of Oxford die DNA von über 38.000 Linkshändern und rund 350.000 Rechtshändern aus der UK Biobank aus. Sie fanden vier Genorte, die sich bei Linkshändern deutlich unterscheiden. Drei davon steuern die Hirnentwicklung, und mehrere sind an den Mikrotubuli beteiligt – winzige Stützstreben im Inneren jeder Zelle, die beim Aufbau des Gehirns eine Rolle spielen.

Trotzdem ist Händigkeit nicht einfach vererbt. Zwillingsstudien deuten auf eine Erblichkeit von nur etwa 25 Prozent hin. Und selbst eineiige Zwillinge, die genetisch nahezu identisch sind, sind erstaunlich oft gemischt – einer links, einer rechts. Selbst wenn beide Eltern Linkshänder sind, wird das Kind nur mit rund 26 Prozent Wahrscheinlichkeit ebenfalls linkshändig. Gene stellen also die Weichen, entscheiden aber nicht allein.

  • Genetik: mehrere Gene mit kleinem Einzeleffekt, u. a. rund um Hirnentwicklung und Mikrotubuli.
  • Hirnasymmetrie: schwächere Lateralisation, koordiniertere Sprachregionen.
  • Pränatale Faktoren: Hormone und Entwicklungsschritte im Mutterleib.
  • Zufall & Umwelt: Geburtsgewicht und Geschlecht spielen mit – Jungen sind etwas häufiger linkshändig als Mädchen.

Noch verrückter: Die Entscheidung fällt im Rückenmark

Man würde erwarten, dass die Händigkeit im Gehirn festgelegt wird. Doch ein Team der Ruhr-Universität Bochum um Sebastian Ocklenburg und Onur Güntürkün zeigte 2017 im Fachjournal eLife etwas Verblüffendes: Schon in der achten Schwangerschaftswoche unterscheidet sich die Genaktivität im Rückenmark zwischen links und rechts – genau in den Abschnitten, die später Arme und Beine steuern. Und das, obwohl das Gehirn zu diesem Zeitpunkt die Bewegungen noch gar nicht kontrolliert.

Der Clou: Verantwortlich sind nicht die Gene selbst, sondern epigenetische Schalter, die die Gene an- und abschalten – und diese Schalter werden von der Umwelt im Mutterleib beeinflusst. Das erklärt, warum sogar eineiige Zwillinge unterschiedlich händig sein können. Ob ein Kind links- oder rechtshändig wird, steht also lange vor dem ersten bewussten Griff fest.

Was Linkshändigkeit nicht bedeutet

Um Linkshänder ranken sich hartnäckige Mythen – von höherer Kreativität bis zu größerer Intelligenz. Die Datenlage dazu ist dünn und widersprüchlich; ein klarer, belegter Vorteil im Alltag lässt sich daraus nicht ableiten. Gut belegt ist dagegen ein Effekt im Sport: In Disziplinen wie Tischtennis, Baseball oder Fechten sind Linkshänder auffällig häufig an der Spitze – schlicht, weil ihre spiegelverkehrten Bewegungen die meist rechtshändigen Gegner aus dem Rhythmus bringen.

Was heute klar überholt ist: Kinder zum Schreiben mit rechts zu zwingen. Die früher verbreitete Umerziehung belastet die nicht dominante Hirnhälfte und kann sich nachteilig auswirken. Linkshändigkeit ist keine Störung, die man korrigieren muss, sondern eine normale Variante – eine von vielen Arten, wie sich ein Gehirn organisiert.

Quellen

Häufige Fragen

Wie viele Menschen sind Linkshänder?

Etwa 10 Prozent der Bevölkerung sind Linkshänder. Eine Meta-Analyse von 2020 mit fast 2,5 Millionen Menschen kam auf rund 10,6 Prozent, weitere etwa 9 Prozent sind beidhändig.

Ist Linkshändigkeit vererbbar?

Zum Teil. Zwillingsstudien deuten auf eine Erblichkeit von etwa 25 Prozent hin. Selbst wenn beide Eltern Linkshänder sind, wird das Kind nur mit rund 26 Prozent Wahrscheinlichkeit ebenfalls linkshändig.

Warum gibt es überhaupt Linkshänder?

Händigkeit entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Gene, der Asymmetrie der Hirnhälften und pränataler Entwicklungsschritte. 2019 fanden Forscher vier Genorte, die bei Linkshändern anders sind und die Hirnentwicklung beeinflussen.

Wo wird die Händigkeit im Körper festgelegt?

Überraschend früh im Rückenmark: Bochumer Forscher zeigten 2017, dass sich schon in der achten Schwangerschaftswoche die Genaktivität links und rechts unterscheidet – gesteuert durch epigenetische Schalter, lange bevor das Gehirn die Bewegung kontrolliert.

Sind Linkshänder kreativer oder intelligenter?

Dafür gibt es keinen klaren wissenschaftlichen Beleg; die Datenlage ist dünn und widersprüchlich. Gut belegt ist dagegen ein Vorteil in Sportarten wie Tischtennis oder Fechten, weil die spiegelverkehrten Bewegungen Gegner irritieren.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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