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Phosphene: Warum du Sternchen beim Augenreiben siehst

Person mit geschlossenen Augen im dunklen Zimmer legt die Fingerspitzen aufs Lid – so entstehen Sternchen beim Augenreiben

Drück im Dunkeln einmal ganz sanft auf das geschlossene Lid: Nach ein, zwei Sekunden wandern Ringe, Farbflecken und Zacken durchs Sichtfeld. Sternchen beim Augenreiben sind kein Licht, sondern Druck. Deine Netzhaut wird mechanisch verformt und schickt genau die Signale ans Gehirn, die sonst Photonen auslösen. Fachleute nennen diese Erscheinungen Phosphene – Helligkeit ohne ein einziges Lichtteilchen.

Stimmt das wirklich?

Ja, und du bist dein eigenes Labor. Augen zu, ein paar Sekunden warten, bis das Sichtfeld ruhig dunkel ist, dann mit der Fingerkuppe leicht (bitte wirklich leicht) auf das Lid tippen. Was auftaucht, sind Druckphosphene: die häufigste und am einfachsten auslösbare Variante.

Schon Isaac Newton hat mit dem Effekt experimentiert – allerdings auf eine Art, die heute niemand nachmachen sollte: Er schob sich eine stumpfe Nadel seitlich zwischen Augapfel und Knochen und notierte farbige Lichtringe im Sichtfeld. Später hielten Forscher wie Jan Evangelista Purkinje und Hermann von Helmholtz ihre eigenen Druckfiguren zeichnerisch fest.

Messbar wurde der Mechanismus 1989. Die Berliner Arbeitsgruppe um Otto-Joachim Grüsser zeichnete im Tierversuch einzelne Netzhaut-Nervenzellen auf, während in völliger Dunkelheit von außen auf den Augapfel gedrückt wurde. Ergebnis: Die On-Zentrum-Ganglienzellen begannen zu feuern, die Off-Zentrum-Zellen wurden gehemmt – genau das Antwortmuster, das sonst ein Lichtreiz auslöst. Für das Gehirn ist Druck an dieser Stelle also nicht von Licht zu unterscheiden.

Warum du Sternchen beim Augenreiben siehst

Die Netzhaut kennt nur eine einzige Meldung ans Gehirn: „hier ist etwas los“. Normalerweise stößt Licht diese Meldung an. Beim Reiben passiert dasselbe, nur über die mechanische Hintertür.

  • Der Druck dehnt die Netzhaut: Das Reiben verformt den Augapfel. Die Netzhaut wird dabei ungleichmäßig in der Fläche gedehnt – am stärksten dort, wo dein Finger drückt.
  • Die Zellen feuern ohne Photonen: Die Dehnung verschiebt die Spannung in den Horizontalzellen, das läuft über die Bipolarzellen weiter, und am Ende der Kette feuern die Ganglienzellen. Beteiligt sind unter anderem mechanisch öffnende Ionenkanäle: Verformung auf, Ionen rein, elektrischer Impuls fertig.
  • Das Gehirn kann nicht nachfragen: Über den Sehnerv landet der Impuls in der Sehrinde. Die weiß nicht, ob ein Photon oder ein Finger dahintersteckt – sie kennt für ein Netzhautsignal nur eine Übersetzung: Licht.

Deshalb stimmt auch Newtons Beobachtung mit der vertauschten Seite: Das Auge bildet seitenverkehrt ab, ein Druck von rechts erscheint links im Sichtfeld. Und die Muster wandern mit – wer weiterreibt, quetscht andere Netzhautbereiche und bekommt neue Formen serviert.

Noch verrückter: Blitze ganz ohne Berührung

Seit den Apollo-Missionen berichten Raumfahrer von Lichtblitzen im Dunkeln, auch bei geschlossenen Augen. Eine Übersichtsarbeit in Frontiers in Neurology vom September 2025 fasst den Stand zusammen: Rund 80 Prozent der befragten Astronautinnen und Astronauten haben solche Phosphene mindestens auf einzelnen Missionen gesehen. Die Häufigkeit schwankt je nach Abschirmung und Erdmagnetfeld zwischen 0,02 und 16 Blitzen pro Minute; auf dem Weg zum Mond, außerhalb des schützenden Magnetfelds, waren es im Schnitt etwa 1,3 pro Minute.

Auslöser ist kosmische Strahlung: Geladene Teilchen durchschlagen den Augapfel. Ob sie dabei über Tscherenkow-Licht wirken (Teilchen, die im Augeninneren schneller als Licht in diesem Medium sind, erzeugen echte Photonen) oder die Netzhaut direkt ionisieren, ist bis heute nicht abschließend geklärt – die Übersichtsarbeit nennt beide Wege als offene Kandidaten.

Und es geht weiter:

  • Strahlentherapie: Bei Protonen- und Kohlenstoffionen-Bestrahlung im Kopfbereich berichten über zwei Drittel der Behandelten von Phosphenen – meist weiß, blau oder violett.
  • Gefängnis-Kino: Wer sehr lange ohne visuellen Reiz auskommen muss, sieht irgendwann von selbst Punkte und Muster. „Prisoner’s cinema“ heißt das: Das reizhungrige Sehsystem produziert eigenes Material.
  • Strom und Magnetfelder: Auch elektrische Reize und transkranielle Magnetstimulation lösen Phosphene aus – je nach Reizort im Auge, am Sehnerv oder direkt in der Sehrinde.
  • Kreislauf statt Kontakt: Die klassischen „Sterne“ beim zu schnellen Aufstehen gehören ebenfalls dazu. Hier sackt kurz der Blutdruck ab, die unterversorgten Zellen feuern spontan.

Wenn aus dem Störsignal eine Sehhilfe wird

Genau diese Erkenntnis – Netzhaut reizen, Lichtpunkt erzeugen – steckt hinter Sehprothesen. Das subretinale Implantat PRIMA ist 2 × 2 Millimeter groß, trägt 378 lichtempfindliche Pixel und wird von einer Brille mit Infrarotlicht angesteuert, die die Kamerabilder überträgt. Im New England Journal of Medicine erschien am 28. Oktober 2025 die Studie dazu: 38 Menschen mit fortgeschrittener trockener Makuladegeneration wurden versorgt, 32 nach einem Jahr ausgewertet. 26 von ihnen sahen klinisch relevant besser, im Mittel rund 25 Buchstaben (etwa fünf Zeilen) auf der Sehtafel, und 27 konnten zu Hause wieder Buchstaben, Wörter und Zahlen lesen. Was beim Augenreiben ein Nebeneffekt ist, wird hier zum Werkzeug.

Harmlos – oder ein Warnsignal?

Selbst ausgelöste Druckphosphene sind ungefährlich und nach Sekunden vorbei. Zwei Einschränkungen gehören trotzdem dazu.

Erstens die Kraft: Augenärztinnen und Augenärzte raten von kräftigem, häufigem Reiben ab. Es gilt als Risikofaktor für Keratokonus, eine Verformung der Hornhaut – besonders bei Menschen mit Allergien oder trockenen Augen, die ständig reiben. Für den Effekt genügt ohnehin ein sanfter Fingerdruck.

Zweitens der Unterschied zwischen selbst gemacht und plötzlich da. Als Alarmzeichen gelten Lichtblitze, die

  • ohne jeden Auslöser auftreten, meist auf einem Auge, wie ein kurzer Kamerablitz,
  • sich über Minuten oder Tage wiederholen,
  • zusammen mit einem „Rußregen“ aus vielen dunklen Punkten kommen,
  • oder von einem Schatten bzw. „Vorhang“ am Rand des Sichtfelds begleitet werden.

Solche Symptome können auf einen Zug am Glaskörper, einen Netzhautriss oder eine beginnende Netzhautablösung hindeuten und gehören zügig augenärztlich abgeklärt – im Zweifel am selben Tag. Das ist keine Diagnose, sondern die Faustregel der Fachgesellschaften: Sternchen beim Augenreiben, die du selbst erzeugst, sind harmlos; unerwartete Blitze aus dem Nichts lässt man anschauen.

Quellen

Häufige Fragen

Was sind Phosphene genau?

Phosphene sind Lichterscheinungen ohne Licht: Sternchen, Ringe oder Blitze, die entstehen, wenn die Netzhaut mechanisch, elektrisch oder durch Strahlung gereizt wird und das Gehirn dieses Signal als Helligkeit deutet.

Ist es schädlich, sich die Augen zu reiben, bis man Sternchen sieht?

Die Druckphosphene selbst sind harmlos und vergehen in Sekunden. Kräftiges, häufiges Reiben belastet aber die Hornhaut und gilt als Risikofaktor für Keratokonus – sanfter Druck reicht für den Effekt völlig aus.

Warum erscheinen die Sternchen auf der Gegenseite des Fingers?

Das Auge bildet seitenverkehrt ab. Drückst du rechts auf den Augapfel, wird der linke Bereich des Sichtfelds gereizt – deshalb leuchtet es gegenüber. Newton hat das schon beschrieben.

Wann sind Lichtblitze ein Grund für den Augenarzt?

Wenn Blitze plötzlich und ohne Auslöser auf einem Auge auftreten, sich wiederholen oder mit einem „Rußregen“ aus dunklen Punkten und einem Schatten am Sichtfeldrand einhergehen. Das kann ein Netzhautriss sein und gehört sofort abgeklärt.

Warum sehen Astronauten Lichtblitze im All?

Kosmische Teilchen durchqueren den Augapfel und reizen Netzhaut oder Sehbahn direkt – auch bei geschlossenen Augen. Rund 80 Prozent der befragten Raumfahrer kennen den Effekt, außerhalb des Erdmagnetfelds im Schnitt etwa 1,3 Blitze pro Minute.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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