Mehrere Hundert menschliche Knochen liegen an einem Gletschersee auf 5.020 Metern Höhe – und die Toten gehören nicht zusammen. Der Skelettsee Roopkund im indischen Himalaya hat seine Skelette über rund 1.000 Jahre hinweg gesammelt, in mindestens zwei völlig getrennten Ereignissen. Das zeigte 2019 eine genomweite DNA-Analyse von 38 Skeletten. Besonders verstörend: 14 der Toten stammten aus dem östlichen Mittelmeerraum. Warum sie dort starben, weiß bis heute niemand.
Stimmt das wirklich? Hunderte Skelette auf über 5.000 Metern
Ja. Der See liegt im Distrikt Chamoli im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand, eingerahmt von den Gipfeln Trishul (7.120 m) und Nanda Ghunti (6.310 m). Das Wasserbecken ist kaum größer als ein Fußballfeld, keine drei Meter tief und die meiste Zeit des Jahres gefroren. Taut das Eis im Spätsommer, treten am Ufer und im flachen Wasser Schädel, Ober- und Unterschenkelknochen hervor – teils mit erhaltenem Gewebe, Haaren und Lederresten, konserviert durch Kälte und dünne Höhenluft.
Gemeldet hat den Fund 1942 der britisch-indische Wildhüter Hari Kishan Madhwal. Die Schätzungen zur Zahl der Toten schwanken bis heute stark: von mehr als 300 über 600 bis zu 800 Menschen. Eine belastbare Zählung gibt es nicht mehr, weil Trekking-Gruppen und Souvenirjäger über Jahrzehnte Knochen mitnahmen und umlagerten. Fachleute fordern deshalb seit Jahren einen echten Schutzstatus für die Fundstelle.
Die alte Erklärung: Tod durch Hagelsturm
Frühe Untersuchungen deuteten auf ein einziges Unglück hin. Viele Schädel zeigten tiefe, runde Bruchstellen – Verletzungen, die von oben durch harte, kugelige Objekte verursacht schienen. Daraus wurde die bekannteste These: Eine Reisegruppe geriet in einen plötzlichen, extremen Hagelsturm und wurde erschlagen. Auf freiem Gelände jenseits der Baumgrenze gibt es vor tennisballgroßen Hagelkörnern schlicht keine Deckung.
Dazu passte eine lokale Legende: Raja Jasdhaval, König von Kanauj, soll mit seiner schwangeren Frau Rani Balampa, Dienern und einer Tanztruppe zum Heiligtum der Göttin Nanda Devi gepilgert sein. Ein Wettersturz habe die ganze Gruppe nahe dem See ausgelöscht. Bis vor wenigen Jahren galt das als plausible Auflösung – eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende.
Warum die DNA-Studie den Skelettsee Roopkund neu erzählt
2019 veröffentlichte ein internationales Team um Éadaoin Harney im Fachjournal Nature Communications die bislang gründlichste Analyse. Die Forschenden gewannen aus 38 Skeletten genomweites Erbgut, dazu Radiokarbondaten und Isotopenwerte. Das Ergebnis sprengte die Ein-Sturm-Theorie: Die Toten zerfallen genetisch in drei klar getrennte Gruppen, die zu völlig verschiedenen Zeiten am See landeten.
| Gruppe | Abstammung | Datierung |
|---|---|---|
| Roopkund_A (23 Personen) | südasiatisch, im Spektrum heutiger Menschen in Indien | um 800 n. Chr., in mehreren Ereignissen |
| Roopkund_B (14 Personen) | östlicher Mittelmeerraum (Griechenland/Kreta-Region) | um 1800 n. Chr. |
| Roopkund_C (1 Person) | südostasiatisch | um 1800 n. Chr. |
Zwischen den beiden Hauptgruppen liegen also rund tausend Jahre. Kein untersuchtes Paar war enger als im dritten Grad miteinander verwandt – Großfamilien scheiden aus. Auch die Ernährung trennt die Gruppen: Die südasiatischen Toten hatten laut Isotopenwerten eine Mischkost aus C3- und C4-Pflanzen gegessen, wie sie zu Hirse und Reis passt; die mediterrane Gruppe fast ausschließlich C3-Pflanzen, typisch für Weizen und Gerste.
Zwei weitere Befunde räumen beliebte Erklärungen ab: Das Geschlechterverhältnis war mit 23 Männern und 15 Frauen fast ausgeglichen, was gegen eine Armee oder Handelskarawane spricht. Und in den Knochen fand sich kein Hinweis auf bakterielle Krankheitserreger – eine Epidemie am Rastplatz ist damit unwahrscheinlich.
Noch verrückter: Wer waren die 14 Menschen aus dem Mittelmeerraum?
Die Gruppe von etwa 800 n. Chr. lässt sich noch einordnen. Der See liegt an der Route der Nanda-Devi-Wallfahrt, die alle zwölf Jahre als Nanda Devi Raj Jat über rund 280 Kilometer durch diese Berge zieht. Pilgergruppen, die auf über 5.000 Metern in einen Wettersturz geraten und erschöpft erfrieren, sind eine realistische Erklärung – und die Schädelbrüche passen weiter zu schwerem Hagel.
Die 14 Menschen mit ostmediterraner Abstammung um 1800 ergeben dagegen keinen Sinn. Es existiert kein bekannter Reisebericht, kein Kolonialdokument, kein Missionsprotokoll über eine mediterrane Gruppe in dieser entlegenen Hochregion. Sie waren keine Verwandten, keine Soldaten, keine Seuchenopfer. Warum sie kamen und wie sie starben, ist offen. Der Skelettsee Roopkund ist damit der seltene Fall, in dem modernste Genetik ein Rätsel nicht löst, sondern vergrößert.
Kann man den Skelettsee besuchen? Stand 2026
Ja, seit Kurzem wieder. Der Roopkund-Trek war praktisch acht Jahre lang tot: Im August 2018 verbot der Uttarakhand High Court Übernachtungen auf den hochgelegenen Almwiesen (Bugyals), um die überlasteten Böden zu schützen. Damit fiel Bedni Bugyal als Akklimatisierungslager weg – ohne dieses Zwischenlager lässt sich der Aufstieg auf 5.020 Meter nicht sicher gehen, und die Veranstalter strichen die Tour.
Am 20. Juli 2026 hob der Supreme Court of India das pauschale Campingverbot auf und ersetzte es durch ein reguliertes Modell mit Auflagen statt Totalsperre. Seither wird der Trek wieder angeboten, klassisch in den Fenstern Mai/Juni und September/Oktober. Für die Dörfer am Weg – Wan, Didna, Mundoli – hängen daran Einkommen als Guides, Träger und Gastgeber. Für den Fundplatz selbst bedeutet die Rückkehr der Gruppen allerdings auch: mehr Menschen an einem Knochenfeld, das ohnehin schon geplündert wurde.
Quellen
- Harney, É. et al.: Ancient DNA from the skeletons of Roopkund Lake reveals Mediterranean migrants in India, Nature Communications 10, 3670 (2019).
- Max-Planck-Institut: Biomolecular analyses of Roopkund skeletons show Mediterranean migrants in Indian Himalayas (2019).
- Garhwal Post: Why the Supreme Court’s Bugyal Verdict Matters (2026) – zum Ende des Campingverbots.
Häufige Fragen
Wo liegt der Skelettsee Roopkund?
Im indischen Himalaya, im Distrikt Chamoli des Bundesstaats Uttarakhand, auf rund 5.020 Metern Höhe zwischen den Gipfeln Trishul und Nanda Ghunti.
Wie viele Skelette liegen am Roopkund-See?
Die Schätzungen reichen von mehr als 300 bis zu 800 Menschen. Eine genaue Zahl gibt es nicht, weil über Jahrzehnte Knochen entfernt und umgelagert wurden.
Woran sind die Menschen am Roopkund gestorben?
Das ist ungeklärt. Runde Schädelbrüche passen zu schwerem Hagel bei einem Wettersturz, doch die DNA belegt mehrere Todesereignisse über rund 1.000 Jahre.
Was ergab die DNA-Studie von 2019?
Das Erbgut von 38 Skeletten zerfiel in drei Gruppen: 23 Südasiaten um 800 n. Chr., 14 Menschen aus dem östlichen Mittelmeerraum um 1800 n. Chr. und eine Person aus Südostasien.
Kann man den Roopkund-See heute besuchen?
Ja. Nach acht Jahren Campingverbot auf den Almwiesen hob der Supreme Court of India die Sperre am 20. Juli 2026 auf, seither wird der Roopkund-Trek wieder geführt.
