Warum ist Lake Hillier pink? Weil in dem winzigen Salzsee auf Middle Island vor Westaustralien Mikroorganismen leben, die rote und orange Pigmente bilden, um die extreme Salzlauge zu überleben – allen voran die Alge Dunaliella salina und das Bakterium Salinibacter ruber. Und weil die Geschichte inzwischen eine Wendung hat, die in den meisten Reiseartikeln noch fehlt: Nach einem außergewöhnlichen Regenereignis ist die berühmte Kaugummi-Farbe seit 2025 erst einmal verschwunden.
Warum ist Lake Hillier pink? Zwei Mikroben, zwei Pigmente
Der See ist mit rund 28 Prozent Salzgehalt eine Umgebung, in der Fische und Wasserpflanzen sofort eingehen würden – etwa achtmal salziger als normales Meerwasser und auf dem Niveau des Toten Meeres. Wer dort trotzdem lebt, braucht Schutz vor zwei Dingen gleichzeitig: vor dem Salz, das den Zellen Wasser entzieht, und vor der ungebremsten Sonne Westaustraliens. Beide Hauptbewohner lösen das Problem mit Farbstoffen.
- Die Mikroalge Dunaliella salina: Sie lagert bei starker Einstrahlung große Mengen Beta-Carotin ein – denselben Farbstoff, der Karotten orange macht und über die Nahrungskette auch Flamingos rosa färbt. Das Pigment wirkt wie ein eingebauter Sonnenschirm für den Photosynthese-Apparat.
- Das Bakterium Salinibacter ruber: Es produziert Bacterioruberin, einen tiefroten Carotinoid-Farbstoff, der sich in die Zellmembran einbaut, sie gegen die Salzlauge stabilisiert und zusätzlich UV-Schäden abfängt.
Die Farbe ist also kein Zufall und kein Zusatzstoff, sondern gelebte Überlebensstrategie. Daraus folgt auch die entscheidende Regel: Je höher die Salzkonzentration und je stärker die Sonne, desto kräftiger das Rosa. Sinkt der Salzgehalt, verlieren die Extremophilen ihren Vorteil – gewöhnliche grüne Algen und Bakterien übernehmen, und das Pink kippt.
Stimmt das wirklich? Was die Genanalyse zeigte
Lange kursierten Vermutungen, 2022 kam der Beleg. Ein internationales Team veröffentlichte im Fachjournal Environmental Microbiome die erste vollständige Metagenom-Analyse des Sees: Statt einzelne Organismen zu züchten, wurde sämtliche DNA aus Wasser und Sediment sequenziert.
- 21 Genome wurden rekonstruiert – 14 Bakterien, 7 Archaeen; nur zwei davon ließen sich bereits bekannten Arten sicher zuordnen.
- Salinibacter ruber war die häufigste Bakterienart überhaupt, Dunaliella salina der häufigste Eukaryot.
- 32 Arten im See tragen Stoffwechselwege zur Carotinoid-Produktion – das Pink stammt nicht von einem einzigen Organismus, sondern von einer ganzen Pigment-Gemeinschaft.
- Nebenbei fanden sich 112 Virus-Taxa, vor allem Haloviren, die genau diese Salzliebhaber befallen.
Der See selbst ist dabei erstaunlich klein: rund 600 Meter lang, 250 Meter breit, etwa 15 Hektar – ein rosa Klecks zwischen dichtem Eukalyptuswald und tiefblauem Südozean, auf Middle Island, der größten Insel des Recherche-Archipels vor Esperance.
Warum der See gerade nicht pink ist
Genau der Mechanismus, der die Farbe erzeugt, kann sie auch abschalten. Im Juli 2025 berichtete National Geographic, dass Lake Hillier sein Kaugummi-Rosa verloren hat: Ein ungewöhnlich heftiges Regenereignis spülte so viel Süßwasser in die Wanne, dass der Salzgehalt einbrach. Damit fiel der Konkurrenzvorteil der Extremophilen weg, grüne photosynthetische Organismen setzten sich durch. Der Tour-Anbieter Esperance Island Cruises beziffert den Regen auf rund 200 Millimeter und beschreibt zusätzlich Bodeneintrag von der Insel, der das Wasser bräunlich trübte – nach seiner Aussage zum ersten Mal überhaupt.
Wie lange das anhält, ist offen. Der Umweltwissenschaftler Tilo Massenbauer nennt gegenüber National Geographic einen Horizont von fünf bis zehn Jahren, bis Verdunstung den Salzgehalt wieder hochgetrieben hat; der Bootsbetreiber vor Ort hofft auf 12 bis 24 Monate. Sicher ist nur die Richtung: Die farbgebenden Mikroben sind nicht verschwunden, sie drehen die Pigmentproduktion nur herunter, solange das Wasser zu süß ist. Ob man Lake Hillier pink zu sehen bekommt, ist derzeit also Glückssache – Flug- und Bootstouren dorthin liegen weitgehend still.
Der Fall ist kein Einzelfall. Das benachbarte „Pink Lake“ bei Esperance trägt seinen Namen seit Anfang der 2000er nur noch auf dem Papier: Dort hat jahrzehntelanger Salzabbau den Salzgehalt dauerhaft gesenkt. Fachleute diskutieren, ob man dem See mit Salz aus dem benachbarten Lake Warden zurückhelfen könnte – von allein würde die Erholung Jahrhunderte dauern.
Noch verrückter
Das Pink hängt nicht am Blickwinkel und nicht am Himmel: Füllt man das Wasser in ein Glas, bleibt es rosa. Genau das unterscheidet Lake Hillier von Salzseen, deren Farbe nur als Reflexion an der Oberfläche entsteht – hier steckt der Farbstoff in den Zellen, die man mit abfüllt.
Aufgeschrieben hat den See als Erster Matthew Flinders. Am 15. Januar 1802 bestieg der britische Seefahrer den Hügel von Middle Island und notierte, das Wasser sei so gesättigt, dass sich am Ufer Salz auskristallisiere. Den Namen bekam der See nach William Hillier, einem Besatzungsmitglied der HMS Investigator, das 1803 an Ruhr starb. 1889 versuchte Edward Andrews, hier kommerziell Salz zu gewinnen – nach etwa einem Jahr war Schluss, unter anderem weil das Salz als bedenklich galt.
Bewohnt ist der See bis heute ausschließlich von Mikroorganismen: keine Fische, keine Wasserpflanzen, kein sichtbares Tierleben. Baden wäre unbedenklich, praktisch aber kaum möglich – Middle Island liegt rund 70 Seemeilen von Esperance entfernt, ist Naturschutzgebiet und nur mit Genehmigung zugänglich. Die meisten Menschen sehen den See deshalb aus dem Fenster eines Rundflugs.
Quellen
- Sani et al. (2022): Microbiome and metagenomic analysis of Lake Hillier Australia reveals pigment-rich polyextremophiles, Environmental Microbiome.
- National Geographic (14.07.2025): Australia’s famous pink lakes are disappearing.
- Esperance Island Cruises: Aktueller Zustand des Sees & Tourstatus.
- BBC Science Focus: These Australian lakes are neon pink naturally. Here’s why.
- Lake Hillier – Wikipedia (Geografie, Größe, Geschichte).
Häufige Fragen
Warum ist Lake Hillier pink?
Salzliebende Mikroben färben das Wasser: Die Alge Dunaliella salina bildet Beta-Carotin, das Bakterium Salinibacter ruber den roten Farbstoff Bacterioruberin. Beide Pigmente schützen die Zellen vor Salz und Sonne.
Ist Lake Hillier heute noch pink?
Aktuell nicht. Ein extremes Regenereignis hat den Salzgehalt 2025 stark verdünnt, seitdem wirkt der See trüb-bräunlich bis graugrün. Fachleute rechnen mit fünf bis zehn Jahren bis zur Rückkehr der Farbe.
Wo liegt Lake Hillier?
Auf Middle Island, der größten Insel des Recherche-Archipels vor der Südküste Westaustraliens, rund 70 Seemeilen von Esperance entfernt. Der See ist nur etwa 600 Meter lang.
Bleibt das Wasser auch in einer Flasche pink?
Ja. Der Farbstoff steckt in den Mikroben selbst, nicht in einer Spiegelung. Abgefülltes Wasser aus der pinken Phase behält seinen Rosaton.
Kann man Lake Hillier besuchen?
Nur eingeschränkt: Middle Island ist Naturschutzgebiet, das Betreten braucht eine Genehmigung. Üblich sind Rundflüge ab Esperance; Bootstouren zum See ruhen derzeit.
