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Wood Wide Web: Reden Bäume wirklich über ein Pilz-Internet?

Feine weiße Pilzfäden des Mykorrhiza-Netzwerks zwischen Baumwurzeln im Waldboden

Unter jedem Waldboden liegt ein Geflecht aus hauchdünnen Pilzfäden, das die Wurzeln verschiedener Bäume miteinander verbindet. Über dieses Netz wandern Zucker, Stickstoff und Phosphor von Wurzel zu Wurzel. Forschende tauften es das Wood Wide Web – das Holz-weite Netz. Die Verbindung selbst ist real und gut belegt. Nur die populäre Erzählung, Bäume würden darüber bewusst „miteinander reden“, geht weiter, als die Beweislage erlaubt.

Stimmt das wirklich?

Die Symbiose dahinter heißt Mykorrhiza (griechisch für „Pilz-Wurzel“) und ist eine der häufigsten Lebensgemeinschaften der Erde: Rund 70 Prozent aller Landpflanzen leben mit solchen Wurzelpilzen zusammen. Dass Pilzfäden benachbarte Pflanzen verbinden und Nährstoffe zwischen ihnen wandern, ist Laborstandard.

Der Streit beginnt beim großen Bild. 2023 wertete ein Team um die Mykorrhiza-Ökologin Justine Karst in Nature Ecology & Evolution die Forschung systematisch aus – mit ernüchterndem Befund: Von rund 73.000 Baumarten der Welt sind solche Netzwerke bisher nur bei zwei wirklich sauber kartiert. Beim Durchgang durch 1.676 Zitate hatte rund ein Viertel etwas über den Aufbau des Netzes falsch wiedergegeben, etwa die Hälfte etwas über seine Funktion. Der Pilz-Draht existiert also – nur ist die Datenbasis dünner, als viele Schlagzeilen suggerieren.

Warum ist das so?

Eine Wurzel kann nur so weit in den Boden greifen, wie sie selbst wächst. Die fadenförmigen Pilzhyphen sind um ein Vielfaches dünner und durchziehen das Erdreich engmaschig. Sie verlängern die Reichweite der Pflanze damit dramatisch und erreichen Wasser und Mineralstoffe in Poren, die für eine Wurzelspitze zu eng wären.

Bezahlt wird in einer klaren Währung. Die Pflanze gibt einen Teil ihres durch Fotosynthese gewonnenen Zuckers an den Pilz ab – je nach Art etwa 4 bis 20 Prozent ihres fixierten Kohlenstoffs. Im Gegenzug liefert der Pilz schwer erreichbare Nährstoffe, vor allem Phosphor; in manchen Fällen deckt er bis zu 80 Prozent des Phosphorbedarfs seiner Wirtspflanze. Es ist also kein selbstloses Teilen, sondern ein Tauschhandel, bei dem beide Seiten besser fahren als allein.

Noch verrückter

Bekannt wurde das Thema durch die kanadische Forstökologin Suzanne Simard. Sie markierte in den 1990er-Jahren Bäume mit radioaktiv erkennbarem Kohlenstoff und konnte zeigen, dass dieser über den Pilz von Baum zu Baum wanderte – sogar zwischen verschiedenen Arten. Daraus wurde später das eingängige Bild der „Mutterbäume“, die ihren Nachwuchs gezielt über das Netz versorgen.

Genau dieses Bild ist der wunde Punkt. Dass Kohlenstoff zwischen Bäumen fließt, heißt nicht automatisch, dass er ausgerechnet durch den Pilzfaden fließt – Nährstoffe wandern auch durch Boden und absterbende Wurzeln. Und die Mengen sind oft so gering, dass unklar bleibt, ob sie für einen jungen Baum überhaupt einen Unterschied machen. Aus „Pflanzen sind vernetzt“ wurde in der Populärkultur „Bäume kümmern sich umeinander“ – ein menschelnder Sprung, den die Messdaten so nicht hergeben. Praktisch bleibt das Netz trotzdem wichtig: Förster in Kanada, Großbritannien und Deutschland schützen den Boden inzwischen bewusster, weil Kahlschlag und schwere Maschinen die feinen Pilzfäden zerstören und der Wald sich davon nur langsam erholt.

Quellen

  • Karst, J. et al. (2023): Positive citation bias and overinterpreted results lead to misinformation on common mycorrhizal networks in forests. Nature Ecology & Evolution.
  • Spektrum der Wissenschaft: Die vernetzte Welt der Pflanzen.
  • Undark Magazine (2023): Where the „Wood-Wide Web“ Narrative Went Wrong.
  • Nature Reviews Microbiology (2024): Cross-kingdom nutrient exchange in the plant–arbuscular mycorrhizal fungus–bacterium continuum.

Häufige Fragen

Was ist das Wood Wide Web?

Ein unterirdisches Netz aus Mykorrhiza-Pilzfäden, das die Wurzeln benachbarter Bäume verbindet. Über dieses Netz können Zucker und Nährstoffe von Pflanze zu Pflanze wandern.

Reden Bäume wirklich miteinander?

Nährstoffe wandern nachweislich durch Pilznetze. Die Vorstellung, Bäume würden bewusst kommunizieren oder sich umeinander kümmern, ist jedoch wissenschaftlich überzogen und nicht belegt.

Was bedeutet Mykorrhiza?

Das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt „Pilz-Wurzel“. Es bezeichnet die Symbiose zwischen Pflanzenwurzeln und Bodenpilzen, von der rund 70 Prozent aller Landpflanzen leben.

Was bekommt der Baum vom Pilz?

Der Pilz liefert schwer erreichbare Nährstoffe wie Phosphor und Wasser – teils bis zu 80 Prozent des Phosphorbedarfs. Im Gegenzug gibt der Baum 4 bis 20 Prozent seines Zuckers ab.

Wer hat das Wood Wide Web entdeckt?

Bekannt wurde es durch die Forstökologin Suzanne Simard, die in den 1990er-Jahren mit markiertem Kohlenstoff zeigte, dass dieser zwischen Bäumen über Pilze wandert.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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