BderBehla

Rote Blitze am Himmel: Sprites und Elfen über dem Gewitter

Rote Blitze am Himmel: quallenförmige Sprites leuchten über einem fernen Gewitter am nächtlichen Sternenhimmel

Wer nachts rote Blitze am Himmel sieht — hoch über einem fernen Gewitter, nach oben gerichtet statt nach unten —, hat sehr wahrscheinlich einen Sprite erwischt, auf Deutsch „roter Kobold“. Diese Entladungen zünden in rund 50 bis 90 Kilometern Höhe, leuchten nur wenige Millisekunden und werden von besonders energiereichen Gewitterblitzen ausgelöst. Fotografisch nachgewiesen wurden sie erst 1989 — durch einen Zufall.

Stimmt das wirklich?

Ja, und der Beweis war ein Versehen. Am 6. Juli 1989 testeten Forscher der University of Minnesota um den Physiker John R. Winckler eine neue lichtempfindliche Videokamera. Auf dem Material fanden sie ein flüchtiges Leuchten weit über einem entfernten Gewitter — die erste Aufnahme eines Sprites überhaupt.

Piloten hatten schon seit den 1960er-Jahren von Lichtsäulen oberhalb von Gewittern berichtet, ohne Bildbeweis galten die Schilderungen aber als unzuverlässig. Heute ist das Phänomen tausendfach dokumentiert, unter anderem von der ISS: Am 3. Juli 2025 fotografierte NASA-Astronautin Nichole Ayers über Mexiko und den USA eine dieser Erscheinungen aus dem Orbit — nach Auswertung der NASA sogar einen besonders seltenen Gigantic Jet. Die Eckdaten gelten inzwischen als gesichert: Sprites treten in etwa 50 bis 90 Kilometern Höhe auf, ihr quallenförmiger Kopf kann sich auf rund 50 Kilometer Breite ausdehnen, darunter hängen Ranken wie Tentakel.

Warum rote Blitze am Himmel wirklich rot leuchten

Entscheidend ist der extrem niedrige Luftdruck in der oberen Atmosphäre. Ein Sprite ist kein heißer Plasmakanal wie ein normaler Blitz, sondern eine kalte Entladung — physikalisch näher an einer Leuchtstoffröhre als an einem Funken. Freie Elektronen regen dort oben die Stickstoffmoleküle der Luft an, und angeregter Stickstoff strahlt vor allem im roten Spektralbereich zwischen etwa 600 und 800 Nanometern. Daher das kräftige Rot; nur die tiefer hängenden Ranken schimmern manchmal bläulich, weil dort andere Anregungszustände dominieren.

Ausgelöst wird das Ganze typischerweise von einem positiven Wolke-Erde-Blitz, der besonders viel Ladung auf einen Schlag verlagert. Bricht dieses elektrische Feld über der Gewitterwolke zusammen, entsteht Millisekunden später in der Mesosphäre eine Spannung, die die dünne Luft zum Leuchten bringt. Hochgeschwindigkeitsaufnahmen zeigen, dass der scheinbare Lichtfaden aus vielen kleinen Ionisationsbällen von zehn bis hundert Metern Größe besteht, die mit bis zu zehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit nach unten rasen. Nach wenigen Tausendstelsekunden ist alles vorbei — schneller, als das Auge es sicher festhalten kann.

Nicht jeder rote Blitz ist ein Sprite

Ein normaler Gewitterblitz kann ebenfalls rötlich wirken, und das hat einen ganz irdischen Grund: die Entfernung. Je weiter ein Blitz weg ist, desto länger läuft sein Licht durch die dunstigen, staubigen Luftschichten nahe am Horizont. Die streuen die kurzwelligen blauen Anteile heraus, übrig bleibt Gelb bis Rostrot — dasselbe Prinzip wie beim Abendrot. Ein naher Blitz erscheint deshalb grellweiß, ein 40 Kilometer entfernter oft orange.

Die Unterscheidung ist simpel: Ein rötlicher normaler Blitz zuckt in oder unter der Wolke und dauert lange genug, dass man ihn deutlich sieht. Ein Sprite steht über der Gewitterwolke, ragt nach oben in den Sternenhimmel und ist so kurz, dass er meist nur als kurzes Aufblitzen im Augenwinkel wahrgenommen wird. Wer also rote Blitze am Himmel oberhalb der Wolkendecke beobachtet, sieht wirklich ein anderes Phänomen — keine optische Täuschung.

Noch verrückter: Elfen, Blue Jets und Gigantic Jets

Sprites sind nur ein Mitglied einer Familie, die Fachleute transiente Lichterscheinungen (Transient Luminous Events, TLE) nennen:

  • Elfen sind ringförmige Lichtblitze in rund 90 bis 100 Kilometern Höhe, die sich in Sekundenbruchteilen auf mehrere hundert Kilometer Durchmesser ausdehnen — Messungen reichen bis etwa 480 Kilometer. Sie entstehen durch den elektromagnetischen Puls des Blitzes und sind mit weniger als einer Millisekunde noch flüchtiger als Sprites. Ihr Name ist ein Akronym: „Emission of Light and Very Low Frequency perturbations due to Electromagnetic Pulse Sources“.
  • Blue Jets schießen als schmale blaue Kegel direkt aus der Wolkenobergrenze nach oben und erreichen „nur“ rund 40 bis 50 Kilometer Höhe. Ihr Blau stammt von angeregten Stickstoff-Ionen in dichterer Luft.
  • Gigantic Jets sind die seltenste Form: Sie schlagen eine durchgehende Brücke von der Wolkenobergrenze in etwa 20 Kilometern bis hinauf in die Ionosphäre bei rund 100 Kilometern. NASA-Wissenschaftlerin Burcu Kosar beschreibt sie als „elektrische Brücke zwischen den Wolkenoberseiten und der oberen Atmosphäre“.
  • Sprite-Halo: Vielen Sprites geht ein schwach leuchtender Lichtteller voraus — rund 50 Kilometer breit, aber nur etwa 10 Kilometer dick. Auf Fotos sieht er aus wie ein Heiligenschein über dem Gewitter.

Der Name „Sprite“ wurde übrigens bewusst doppeldeutig gewählt: Er spielt auf Kobolde und Luftgeister an — passend zum scheuen Charakter — und ist zugleich ein Akronym für „Stratospheric/mesospheric Perturbations Resulting from Intense Thunderstorm Electrification“.

Kann man Sprites selbst sehen?

Mit Geduld ja, und dafür braucht es kein Raumschiff. Nötig sind ein kräftiges Gewitter in etwa 150 bis 500 Kilometern Entfernung, freie Sicht über dessen Oberkante, ein dunkler Himmel ohne Streulicht und Blickrichtung weg von der eigenen Wolkendecke. Weil die Erscheinungen kurz und blass sind, gelingt der Nachweis fast immer per Kamera: Stativ, lichtstarke Optik, hohe ISO, Serien- oder Videoaufnahmen auf den Bereich direkt über dem Gewitter.

Dass Mitteleuropa reicht, zeigen zwei Beispiele: Der Astrofotograf Sebastian Voltmer erwischte 2024 rote Koboldblitze von Saarbrücken aus über einem Gewitter bei Straßburg, rund 90 Kilometer entfernt. Und in der Nacht zum 26. November 2025 fotografierte Valter Binotto über den Alpen einen Sprite und eine Elfe gleichzeitig — eine Aufnahme, die als weltweit einmalig gilt. Wer solche Bilder macht, kann sie bei der NASA-Citizen-Science-Plattform Spritacular einreichen; die Auswertung durch Fachleute läuft dort direkt mit.

Quellen

Häufige Fragen

Was sind rote Blitze am Himmel?

Meist Sprites, auf Deutsch rote Kobolde: kurze rote Entladungen in 50 bis 90 Kilometern Höhe über einem Gewitter. Sie zählen zu den transienten Lichterscheinungen und sind mit Blitzen verwandt.

Wie entstehen rote Blitze über einem Gewitter?

Ein besonders energiereicher positiver Wolke-Erde-Blitz lässt das elektrische Feld über der Wolke zusammenbrechen. Millisekunden später zündet in der dünnen Luft der Mesosphäre eine kalte Entladung — der Sprite.

Warum sind manche Blitze rot?

Bei Sprites strahlt angeregter Stickstoff im roten Bereich (600 bis 800 Nanometer). Ein normaler Blitz wirkt dagegen rötlich, wenn er weit weg ist: Dunst am Horizont streut die blauen Anteile heraus.

Wie hoch über der Erde entstehen Sprites und Elfen?

Sprites zünden in etwa 50 bis 90 Kilometern Höhe, Elfen sogar in rund 90 bis 100 Kilometern. Beide liegen damit weit über der Wolkendecke eines Gewitters.

Kann man rote Kobolde mit bloßem Auge sehen?

Nur sehr schwer, weil sie blass sind und wenige Millisekunden dauern. Mit Stativ, lichtstarker Kamera und freier Sicht auf ein 150 bis 500 Kilometer entferntes Gewitter gelingen Aufnahmen auch in Mitteleuropa.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

Mehr über mich →