Die Feenkreise in Namibia gehen nach heutigem Forschungsstand nicht auf Termiten zurück, sondern auf die Gräser selbst: Sie ordnen sich im Wettlauf um das knappe Wasser zu einem gleichmäßigen Raster. Eine Übersichtsstudie von 2025 nennt diese Selbstorganisation die einzige Erklärung, die zu allen Feldbefunden passt. Erledigt ist der Streit damit nicht – in vielen Kreisen leben nachweislich Sandtermiten.
Stimmt das wirklich? Was einen Feenkreis ausmacht
Feenkreise sind kreisrunde, vegetationsfreie Kahlstellen in trockenem Grasland, umringt von einem Gürtel auffällig kräftiger Gräser. Die bekanntesten Felder liegen im Marienflusstal und im NamibRand-Naturreservat. Bemerkenswert ist nicht der einzelne Fleck, sondern seine Platzierung: Die Kreise stehen über Hunderte Kilometer hinweg fast wabenförmig verteilt, mit erstaunlich konstantem Abstand. Ein Zufallsmuster sieht anders aus.
- Durchmesser: meist 2 bis 15 Meter
- Abstand: rund 10 bis 14 Meter von Mitte zu Mitte
- Lebensdauer: je nach Größe etwa 24 bis 75 Jahre, dann wächst der Kreis zu
- Klimafenster: Trockengebiete mit etwa 50 bis 600 Millimetern Jahresniederschlag
- Verbreitung: südliches Afrika und das abgelegene Outback Westaustraliens
Diese Regelmäßigkeit ist der eigentliche Erklärungsbedarf. Irgendetwas zwingt die Vegetation großflächig und gleichzeitig in ein geometrisches Raster – und hält sie dort über Jahrzehnte.
Ein lokales Kuriosum sind sie dabei nicht: Der Gürtel mit Feenkreisen zieht sich vom Süden Angolas durch Namibia bis in den Nordwesten Südafrikas, über rund 2.000 Kilometer entlang der Trockengrenze der Namib. Überall dort trifft dieselbe Kombination zusammen – sandiger Boden, wenig und unregelmäßiger Regen, dazu Süßgräser der Gattung Stipagrostis.
Warum ist das so? Zwei Theorien im Wettstreit
Die Termiten-Hypothese stammt vom Hamburger Ökologen Norbert Jürgens. Sie besagt: Die unterirdisch lebende Sandtermite Psammotermes allocerus frisst die Wurzeln junger Gräser im Kreisinneren weg. Der kahle Boden verdunstet danach kaum noch Wasser und wird zum Speicher, von dem Termiten wie Randgräser profitieren. Eine Arbeit der Universität Hamburg bekräftigte diese Sicht noch 2023.
Die Selbstorganisations-Theorie kommt ohne Insekten aus. Hier konkurrieren die Pflanzen selbst um Bodenwasser. In extrem trockenem Sand entsteht dabei ein Muster nach einem Prinzip, das der Mathematiker Alan Turing bereits 1952 beschrieb: Aus der Rückkopplung zwischen Pflanzenwachstum und Wassertransport wachsen spontan regelmäßige Strukturen – dieselbe Mathematik, die auch Fellzeichnungen oder Dünenfelder formt.
Wie hart dieser Wasserstress ist, hat das Team um Stephan Getzin (Universität Göttingen) und Hezi Yizhaq (Ben-Gurion-Universität) 2024 vermessen: 500 einzelne Grasindividuen in vier Namib-Regionen, dazu Wurzel- und Blattlängen sowie Bodenfeuchte. Ergebnis: Die obersten 10 bis 12 Zentimeter im Kreisinneren wirken als „Todeszone“. Frisch gekeimtes Gras verdorrt dort 10 bis 20 Tage nach dem Regen – unbeschädigt, ohne Fraßspuren, mit ungewöhnlich langen Wurzeln auf der vergeblichen Suche nach Feuchtigkeit.
Feenkreise in Namibia: Was die neuesten Studien zeigen
Im Februar 2025 legten der Termiten-Spezialist Walter Tschinkel und der Pflanzenforscher Michael Cramer in Perspectives in Plant Ecology, Evolution and Systematics eine Bestandsaufnahme der gesamten Debatte um die Feenkreise in Namibia vor. Ihr Befund: Termiten sind nicht überall dort zu finden, wo Feenkreise stehen, und sie erklären vor allem nicht, warum ein Kreis jahrzehntelang kahl bleibt. Die pflanzliche Selbstorganisation dagegen sei zwar mechanistisch noch unvollständig verstanden, aber als einzige Hypothese mit sämtlichen Beobachtungen vereinbar.
Ein zweiter neuer Baustein kommt aus dem Boden. Im August 2025 veröffentlichte ein Team um die Bodenökologin Amy Treonis in PLOS ONE die bislang einzige großflächige Untersuchung der Fadenwürmer unter den Kreisen: neun Standorte, verteilt über rund 900 Kilometer Namib. In den kahlen Zentren fanden sich im Schnitt nur 9,9 Nematoden pro 100 Gramm Boden – im Grasring und im umgebenden Grasland mindestens fünfmal so viele, bei insgesamt 19 nachgewiesenen Gruppen.
Das Innere eines Kreises ist also nicht nur oberirdisch leer, sondern auch biologisch fast tot. Ohne funktionierendes Bodennahrungsnetz fehlen den Keimlingen die Partner, die anderswo Nährstoffe verfügbar machen – das Muster stabilisiert sich selbst. Die Autorinnen und Autoren betonen dabei ausdrücklich, dass mehrere Prozesse ineinandergreifen dürften statt einer einzigen Ursache.
Genau in diese Richtung geht auch ein Übersichtsartikel von 2026 in der Zeitschrift Ecology and Diversity: Er stellt Feenkreise und andere Grasringe als eine Art Superorganismus mit eigenem Lebenszyklus dar – Entstehung, Wachstum, Absterben – und unterscheidet Ringe, die aus einer einzigen Pflanze hervorgehen, von Mustern, die aus dem Zusammenspiel vieler Individuen entstehen.
Noch verrückter: Das Muster steht weltweit
2016 tauchten sehr ähnliche Kreise im australischen Outback auf – tausende Kilometer entfernt und ohne die afrikanischen Sandtermiten. 2023 ging ein Team um Emilio Guirado (Universität Alicante) noch weiter: Es trainierte ein neuronales Netz mit über 15.000 Satellitenbildern aus Namibia und Australien und ließ es eine halbe Million Aufnahmen von Trockengebieten durchsuchen. Das Modell meldete 263 weitere Fundstellen in 15 Ländern, von der Sahelzone über Madagaskar bis Südwestasien, fast immer auf sandigen, kalkhaltigen und stickstoffarmen Böden.
Unumstritten ist auch das nicht: Getzin und Kollegen halten einen Teil dieser Fundstellen für gewöhnliche Vegetationslücken, die der strengen Feenkreis-Definition nicht standhalten. Der Streit um die Kreise ist damit selbst ein kleines Lehrstück – darüber, wie zäh sich eine wissenschaftliche Kontroverse hält, wenn beide Lager gute Feldargumente haben.
Was bleibt, ist ein verblüffendes Bild: Gräser, die sich in der Dürre wie ein Schwarm verhalten. Indem jede Gruppe eine kahle Fläche neben sich freihält, sichert sie sich ein eigenes Wasserdepot. Das Muster ist kein Schaden am Ökosystem, sondern seine Überlebensstrategie – eine Wüste, die im Kollektiv rechnet.
Wo man die Feenkreise in Namibia sehen kann
Am leichtesten zugänglich ist das NamibRand-Naturreservat südlich von Sesriem: Von der Piste aus wirken die Kreise wie unscheinbare Sandflecken, ihr Raster erschließt sich erst aus der Höhe – vom Ballon, aus dem Kleinflugzeug oder von einem der Dünenkämme aus. Deutlich abgelegener liegt das Marienflusstal im Kaokoveld ganz im Nordwesten, das nur mit geländegängigen Fahrzeugen erreichbar ist.
Sichtbar sind die Kahlstellen ganzjährig. Am eindrucksvollsten ist der Kontrast kurz nach der Regenzeit von Januar bis April: Dann steht das Gras grün, und die kahlen Kreise stechen als Punktmuster heraus.
Quellen
- Cramer & Tschinkel (2025), Perspectives in Plant Ecology, Evolution and Systematics: Fairy circle research – status, controversies and the way forward
- Treonis et al. (2025), PLOS ONE: Namibian fairy circles – hostile territory for soil nematodes
- ScienceDaily (2024): Getzin & Yizhaq – Pflanzen-Wasserstress verursacht die Lücken im Gras
- Guirado et al. (2023), PNAS: The global biogeography and environmental drivers of fairy circles
- Universität Hamburg (2023): Termiten als Ursache der Feenkreise
- Wikipedia: Feenkreis – Überblick, Theorien und Studienlage
Häufige Fragen
Was sind Feenkreise?
Feenkreise sind kreisrunde, vegetationsfreie Kahlstellen in trockenem Grasland, umringt von besonders kräftigem Gras. Sie stehen auffällig regelmäßig verteilt und kommen vor allem in der Namib und im westaustralischen Outback vor.
Wie entstehen die Feenkreise in Namibia?
Nach dem Stand von 2025 durch Selbstorganisation: Die Gräser konkurrieren um Bodenwasser und ordnen sich dabei in ein regelmäßiges Raster. Die konkurrierende Termiten-Erklärung gilt als nicht mehr mit allen Feldbefunden vereinbar.
Sind Termiten die Ursache der Feenkreise?
Sandtermiten leben in vielen Kreisen, gelten aber zunehmend als Nutznießer des feuchteren Bodens. Sie kommen nicht in allen Feenkreisen vor und erklären nicht, warum ein Kreis jahrzehntelang kahl bleibt.
Wie groß und wie alt werden Feenkreise?
Die Kreise messen meist 2 bis 15 Meter im Durchmesser und stehen rund 10 bis 14 Meter voneinander entfernt. Je nach Größe besteht ein Kreis etwa 24 bis 75 Jahre, dann wächst er wieder zu.
Gibt es Feenkreise nur in Namibia?
Nein. Sehr ähnliche Muster wurden 2016 in Westaustralien beschrieben, 2023 meldete eine KI-Auswertung von Satellitenbildern 263 weitere Fundstellen in 15 Ländern – von der Sahelzone bis Südwestasien.
