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Großer Roter Fleck: Jupiters Sturm ist größer als die Erde

Der Planet Jupiter mit dem Großen Roten Fleck: ein riesiger rostroter Wirbelsturm in den gestreiften Wolkenbändern des Gasriesen

14.750 Kilometer Länge, Windspitzen um 680 Kilometer pro Stunde, seit rund 190 Jahren ohne eine einzige Pause: Jupiters Großer Roter Fleck ist der größte bekannte Wirbelsturm des Sonnensystems, und die Erde würde komplett in ihm verschwinden. Ruhig ist dieser Rekordhalter trotzdem nicht – er schrumpft seit 2012 um etwa 900 Kilometer pro Jahr, verformt sich im 90-Tage-Takt, und warum er überhaupt rot ist, weiß bis heute niemand sicher.

Passt die Erde wirklich in den Sturm?

Die zuletzt veröffentlichten Maße stammen aus dem Jahr 2023: rund 14.750 Kilometer in der Länge, etwa 10.500 Kilometer in der Breite. Der Erddurchmesser beträgt 12.742 Kilometer. Der Sturm ist also länger als unser gesamter Planet breit ist – die Erde ließe sich hineinlegen, mit Luft an den Rändern.

Und das ist bereits die Sparversion. Im 19. Jahrhundert maß der Fleck etwa 39.000 Kilometer, fast drei Erddurchmesser. Die Voyager-Sonden fanden 1979 noch 22.340 Kilometer vor. Seit ungefähr 2012 verliert der Wirbel jährlich rund 900 Kilometer Länge und wird dabei immer kreisrunder statt oval; bei gleichbleibendem Tempo wäre er um 2040 herum ein Kreis. Vermessen wird das vom Hubble-Weltraumteleskop, das Jupiter im Programm OPAL jedes Jahr neu fotografiert.

Warum dreht sich Jupiters Großer Roter Fleck seit Jahrhunderten?

Irdische Hurrikane sterben nach Tagen oder Wochen, weil sie über Land laufen oder ihre Energiequelle verlieren – warmes Meerwasser. Diese Bremse fehlt auf Jupiter komplett: Der Gasriese hat keine feste Oberfläche, an der sich ein Sturm reiben könnte. Er ist eine Kugel aus Wasserstoff und Helium, die nach innen hin einfach immer dichter wird.

Der Fleck selbst ist ein antizyklonaler Wirbel, also ein Hochdrucksystem, und liegt auf der Südhalbkugel. Er dreht sich gegen den Uhrzeigersinn und braucht für eine volle Umdrehung nur etwa vier Erdtage. Eingeklemmt zwischen zwei entgegengesetzt strömenden Windbändern läuft er wie ein Kugellager zwischen zwei Förderbändern – und zieht aus diesen Strömungen ständig frische Energie.

Wie tief das Ganze reicht, hat die NASA-Sonde Juno vermessen. Aus präzisen Schwerkraftdaten ihrer Überflüge ergab sich: Die Wurzeln des Sturms reichen bis rund 500 Kilometer unter die sichtbaren Wolkenobergrenzen; das Mikrowellenradiometer verfolgte ihn mindestens 240 Kilometer weit nach unten. Kein flacher Klecks also, sondern eine hunderte Kilometer tiefe Säule aus rotierendem Gas – und trotzdem flach im Vergleich zu Jupiters Jetstreams, die etwa 3.000 Kilometer tief hinabreichen.

Warum ist der Fleck eigentlich rot?

Die ehrliche Antwort der Wissenschaft: unklar. Die färbenden Substanzen heißen in Fachtexten schlicht Chromophore – ein Sammelbegriff für Moleküle, die man nicht genau kennt. Favorisiert wird Photochemie: Sonnenlicht, vor allem UV-Strahlung, spaltet in Jupiters Atmosphäre Verbindungen wie Ammoniak, Ammoniumhydrogensulfid und das Kohlenwasserstoffgas Acetylen auf, deren Bruchstücke sich zu rötlichen Stoffen verbinden.

2016 gelang es im Labor, mit UV-Bestrahlung solcher Gase eine rötlich-orange Substanz zu erzeugen, deren Farbspektrum gut zum Fleck passte. Weil die Wolken über dem Wirbel höher liegen als in seiner Umgebung, bekommen sie mehr Strahlung ab – das könnte die kräftigere Färbung erklären. „Rot“ ist ohnehin nur eine Momentaufnahme: Der Fleck schwankt zwischen Ziegelrot, blassem Lachston und Phasen, in denen er fast weiß erscheint.

Noch verrückter: Der Sturm wackelt wie Wackelpudding

Zwischen Dezember 2023 und März 2024 richtete Hubble den Blick 90 Tage lang immer wieder auf den Wirbel – und fand etwas, das vorher niemand beschrieben hatte. Der Sturm dehnt sich in einem regelmäßigen Rhythmus aus und zieht sich wieder zusammen, während Helligkeit und Wandertempo mitschwingen. Studienleiterin Amy Simon vom NASA Goddard Space Flight Center verglich das mit einer Schüssel Wackelpudding, Koautor Mike Wong mit einem überfüllten Sandwich, dessen Brotscheiben sich nach außen wölben. Veröffentlicht wurde die Analyse im Oktober 2024 im Planetary Science Journal; eine Ursache für den 90-Tage-Takt kennt bis heute niemand.

Dazu passt ein zweiter Befund: Zwischen 2009 und 2020 wurden die Winde in der äußeren Bahn des Sturms um bis zu acht Prozent schneller und liegen dort inzwischen über 640 Kilometern pro Stunde. Der Kern dagegen dreht deutlich gemächlicher. Der Fleck wird also kleiner und an den Rändern gleichzeitig schneller – wie eine Eiskunstläuferin, die die Arme anlegt.

Warum er schrumpft – und was ihn füttert

Eine Erklärung für den Schwund kam 2024 aus Yale. Doktorand Caleb Keaveney simulierte im Fachjournal Icarus, was passiert, wenn kleine, kurzlebige Stürme in den Riesenwirbel hineinlaufen. Ergebnis: Diese Häppchen halten ihn am Leben. In Modellen mit reichlich kleinen Stürmen wurde der Wirbel stärker und größer, in Läufen ohne sie schrumpfte er. Weniger Nachschub aus der Nachbarschaft könnte also erklären, warum der Fleck seit Jahrzehnten Fläche verliert – heute nimmt er nur noch etwa ein Drittel der Fläche von vor 150 Jahren ein.

Ein Ende des Sturms bedeutet das nicht zwangsläufig. Die Hubble-Beobachtungen sprechen dafür, dass er sich noch weiter zusammenzieht und dann bei einer kleineren, stabilen Größe einpendelt, weil er zwischen seinen Windbändern eingeklemmt bleibt.

Ist der Sturm wirklich über 350 Jahre alt?

Der italienisch-französische Astronom Giovanni Cassini beschrieb ab 1665 einen auffälligen Fleck auf Jupiter, den „Permanenten Fleck“ – bis er nach 1713 aus den Aufzeichnungen verschwand. Lückenlos beobachtet wird der heutige Wirbel erst seit den 1830er Jahren. Eine Analyse von 2024 kommt zu dem Schluss, dass beide vermutlich nicht dasselbe Gebilde sind: Cassinis Fleck löste sich wahrscheinlich auf, der heutige entstand danach neu. Damit wäre Jupiters Großer Roter Fleck kein 360 Jahre alter Methusalem, sondern ein rund 190 Jahre junger Nachfolger – und wir schauen ihm womöglich gerade beim langsamen Verschwinden zu.

Wer misst heute noch nach?

Vor Ort niemand mehr. Junos letzte Missionsverlängerung lief am 30. September 2025 aus; seitdem sind aus der Jupiter-Umlaufbahn keine neuen Messungen mehr bestätigt worden. Die Beobachtung läuft weiter aus der Ferne: Hubble vermisst den Sturm jedes Jahr im OPAL-Programm, und das James-Webb-Teleskop hat 2024 über dem Fleck unerwartete Strukturen in der oberen Atmosphäre entdeckt – vermutlich Schwerewellen. Dort oben wehen die Winde mit 50 bis 70 Metern pro Sekunde übrigens deutlich langsamer als weiter unten, wo Hubble bis zu 150 Meter pro Sekunde misst.

Neuer Besuch ist unterwegs: Die NASA-Sonde Europa Clipper erreicht Jupiter im April 2030, die europäische Sonde JUICE folgt im Juli 2031 und soll neben den Eismonden ausdrücklich auch Jupiters Atmosphäre untersuchen. Bis dahin bleibt Jupiters Großer Roter Fleck ein Fall für Teleskope – und ein Sturm, der seit Generationen tobt, ohne dass jemand weiß, wie lange noch.

Quellen

Häufige Fragen

Wie groß ist der Große Rote Fleck auf dem Jupiter?

Zuletzt maß er rund 14.750 km in der Länge und 10.500 km in der Breite. Damit ist er länger als der Erddurchmesser von 12.742 km – die Erde würde komplett hineinpassen.

Warum ist der Große Rote Fleck rot?

Sicher weiß es niemand. Favorisiert wird Photochemie: UV-Strahlung spaltet Gase wie Ammoniak und Acetylen auf, deren Bruchstücke rötliche Substanzen bilden. Die Farbe schwankt von ziegelrot bis fast weiß.

Wie schnell sind die Winde im Großen Roten Fleck?

Am Sturmrand wurden bis zu 680 km/h gemessen. In der äußeren Bahn wurden die Winde zwischen 2009 und 2020 um bis zu acht Prozent schneller und liegen dort über 640 km/h.

Wird der Große Rote Fleck verschwinden?

Er schrumpft seit etwa 2012 um rund 900 km pro Jahr und wird immer runder. Die Hubble-Daten sprechen eher dafür, dass er sich bei einer kleineren, stabilen Größe einpendelt, als dass er sich auflöst.

Seit wann gibt es den Großen Roten Fleck?

Cassini beschrieb ab 1665 einen Fleck auf Jupiter, der nach 1713 verschwand. Lückenlos beobachtet wird der heutige Sturm erst seit den 1830er Jahren – er ist also womöglich nur rund 190 Jahre alt.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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