Nein — die Erdhalbkugel entscheidet nicht, wie herum dein Waschbecken leerläuft. Die Corioliskraft im Abfluss ist zwar echt, aber sie liegt bei wenigen Zehnmillionsteln der Schwerkraft und verliert gegen alles, was im Becken sonst noch passiert: die Form der Schüssel, den Winkel des Ablaufs und vor allem die Restströmung vom Einlassen. Dasselbe Becken kann heute links herum und morgen rechts herum ablaufen. Ob du in Berlin, Sydney oder direkt am Äquator stehst, ändert daran nichts.
Stimmt das wirklich? Die Zahl macht es eindeutig
Die Beschleunigung, die die Erdrotation auf das Wasser in einem Becken ausübt, beträgt in mittleren Breiten rund 3 × 10⁻⁷ der Erdbeschleunigung — drei Zehnmillionstel dessen, was dich gerade auf den Stuhl drückt. Alles andere im Bad ist um Größenordnungen stärker.
Noch anschaulicher wird es über die Drehzahlen: Die Erde dreht sich einmal pro Tag. Das Wasser über deinem Abfluss schafft eine Umdrehung in wenigen Sekunden — also grob zehntausendmal schneller. Diese Eigendrehung stammt nicht von der Erde, sondern aus dem Becken selbst. Der Physiker Alistair Fraser (Penn State) bringt es auf den Punkt: Die Drehrichtung eines ablaufenden Waschbeckens wird davon bestimmt, wie es gefüllt wurde — oder von den Wirbeln, die beim Händewaschen hineingerührt wurden.
Warum die Corioliskraft im Abfluss untergeht
Die Corioliskraft ist keine Erfindung, sondern eine Trägheitswirkung der rotierenden Erde. Ein Luft- oder Wasserpaket, das über weite Strecken unterwegs ist, wird aus Sicht des mitdrehenden Bodens seitlich abgelenkt: auf der Nordhalbkugel nach rechts, auf der Südhalbkugel nach links. Deshalb drehen Tiefdruckgebiete und Hurrikane nördlich des Äquators gegen den Uhrzeigersinn und südlich davon im Uhrzeigersinn.
Der Unterschied ist die Skala. Damit die Ablenkung sichtbar wird, braucht die Kraft Strecke und Zeit — Hunderte Kilometer und viele Stunden, wie bei einem Sturmsystem. In einem 30 Zentimeter breiten Becken, das in zwanzig Sekunden leerläuft, hat sie schlicht keine Strecke, auf der sie sich aufbauen könnte. Dazu kommt: Die Corioliskraft ist am Pol am stärksten und am Äquator exakt null. Ausgerechnet dort, wo Reiseführer den Effekt vorführen, existiert er gar nicht.
Was die Drehrichtung wirklich bestimmt
Ein gefülltes Waschbecken ist nie ganz in Ruhe. Selbst wenn die Oberfläche still aussieht, bleibt eine minimale Netto-Drehung übrig — vom Wasserstrahl, von der Hand, von einer Temperaturschichtung im Wasser. Beim Ablassen wird genau diese Restbewegung verstärkt: Je näher das Wasser dem Loch kommt, desto kleiner der Radius, auf dem es kreist, und desto schneller dreht es. Es ist derselbe Effekt wie bei der Eiskunstläuferin, die die Arme anlegt — Drehimpuls bleibt erhalten, die Drehzahl schießt hoch. Aus einer kaum messbaren Anfangsdrehung wird so ein deutlich sichtbarer Strudel.
Bei der Toilette ist der Fall noch klarer: Das Spülwasser wird durch Düsen am Beckenrand schräg eingespritzt. Dieser Schub gibt die Drehrichtung komplett vor. Tauscht man die Toilette gegen ein Modell mit anders gerichteten Düsen, dreht das Wasser andersherum — im selben Badezimmer, auf derselben Halbkugel.
Noch verrückter: Im Labor stimmt der Mythos doch
Man kann die Corioliskraft im Abfluss tatsächlich sehen — man muss nur alles andere ausschalten. Der MIT-Ingenieur Ascher Shapiro zeigte das 1962 in Nature: ein flaches, kreisrundes Becken von rund zwei Metern Durchmesser, abgedeckt gegen Luftzug, konstante Raumtemperatur und mindestens 24 Stunden Ruhe, damit jede Restströmung vom Befüllen abklingt. Erst dann öffnete er den kleinen Ablauf in der Mitte, ein schwimmendes Holzstück diente als Zeiger.
Zwölf bis fünfzehn Minuten lang passierte nichts. Dann begann sich der Zeiger fast unmerklich zu drehen — gegen den Uhrzeigersinn, wie es die Nordhalbkugel vorgibt — und beschleunigte gegen Ende des rund zwanzigminütigen Auslaufs auf eine Umdrehung alle drei bis vier Sekunden.
Drei Jahre später wiederholte ein Team um Lloyd Trefethen an der Universität Sydney den Versuch auf der Südhalbkugel. Bei Ruhezeiten von 18 Stunden und mehr drehte das Wasser dort im Uhrzeigersinn — spiegelverkehrt, genau wie die Theorie es fordert. 2015 spielten die Wissenschaftskanäle Veritasium (Sydney) und Smarter Every Day (Huntsville, Alabama) dasselbe Experiment noch einmal durch, mit Planschbecken, einem Tag Ruhezeit und synchron laufenden Videos: nördlich gegen, südlich mit dem Uhrzeigersinn, in mehreren Durchgängen reproduziert.
Der Mythos ist also nicht komplett falsch, sondern an der falschen Stelle geparkt. Der Effekt existiert — sichtbar wird er erst in einem tagelang beruhigten, symmetrischen Becken. In deinem Bad, wo das Wasser Sekunden vorher noch aus dem Hahn schoss, hat er keine Chance.
Der Wasser-Trick an der Äquator-Linie
An Äquator-Denkmälern in Kenia oder Ecuador gehört die Vorführung zum Programm: Ein Guide gießt Wasser in eine Schüssel, ein paar Meter nördlich der Linie dreht der Strudel angeblich links herum, ein paar Meter südlich rechts herum, direkt auf der Linie fällt es senkrecht durch. Physikalisch ist das unmöglich — über zehn Meter Abstand ändert sich nichts, und am Äquator selbst ist die horizontale Corioliskraft gleich null.
Der Trick steckt in der Handhabung: Die Schüssel ist meist nicht kreisrund, wird beim Eingießen leicht gekippt und beim Umdrehen zum Publikum unauffällig mitgedreht. Auch der Winkel, in dem das Wasser einläuft, entscheidet mit. Wer die Vorführung filmt und Bild für Bild anschaut, sieht die Handbewegung, die den Wirbel erzeugt. Was hier gezeigt wird, ist Geschicklichkeit — nicht die Corioliskraft im Abfluss.
Selbst nachprüfen: dein Bad als Labor
Der Gegentest kostet zwei Minuten. Lass dasselbe Becken an mehreren Tagen volllaufen und beobachte beim Ziehen des Stöpsels die Drehrichtung. Sie wechselt — mal links, mal rechts, im selben Becken, auf derselben Halbkugel. Und wenn du nachhelfen willst: Rühre das Wasser vor dem Ablassen bewusst gegen den Uhrzeigersinn, dann noch einmal mit dem Uhrzeigersinn. Der Strudel folgt jedes Mal deiner Hand. Genau das ist der Beweis, den du zu Hause führen kannst: Nicht die Erde bestimmt hier die Richtung, sondern dein Waschbecken.
Quellen
- Scientific American: Does water flowing down a drain spin in different directions depending on which hemisphere you’re in?
- A. H. Shapiro: Bath-Tub Vortex, Nature, Band 196 (1962), S. 1080–1081
- L. M. Trefethen u. a.: The Bath-Tub Vortex in the Southern Hemisphere, Nature, Band 207 (1965), S. 1084–1085
- A. B. Fraser, Penn State University: Bad Coriolis
- Wikipedia: Coriolis force – Draining in bathtubs and toilets
Häufige Fragen
Dreht sich das Wasser im Abfluss je nach Erdhalbkugel?
Nein. Im Alltag bestimmen die Form des Beckens, der Ablauf und die Restströmung vom Befüllen die Richtung. Dasselbe Waschbecken läuft an verschiedenen Tagen unterschiedlich herum aus.
Wie stark ist die Corioliskraft in einem Waschbecken?
Sie erreicht in mittleren Breiten etwa 3 × 10⁻⁷ der Erdbeschleunigung – rund ein Zehnmillionstel. Jede Restströmung im Becken ist um ein Vielfaches stärker.
Warum wirkt der Coriolis-Effekt bei Hurrikanen, aber nicht im Bad?
Er braucht Strecke und Zeit: Über Hunderte Kilometer und viele Stunden entfaltet er sich, in einem 30 Zentimeter breiten Becken, das in Sekunden leerläuft, geht er unter.
Konnte man den Coriolis-Effekt im Abfluss je nachweisen?
Ja, im Labor: Ascher Shapiro ließ das Wasser 1962 am MIT 24 Stunden ruhen, dann drehte es gegen den Uhrzeigersinn. Trefethen zeigte 1965 in Sydney das spiegelverkehrte Ergebnis.
Warum funktioniert die Wasser-Vorführung am Äquator trotzdem?
Weil der Guide nachhilft: gekippte, unrunde Schüssel, schräg eingegossenes Wasser und eine kleine Drehung beim Umsetzen. Am Äquator selbst ist die Corioliskraft null.
