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Der Große Attraktor: Wohin die Milchstraße mit 600 km/s rast

Das Staubband der Milchstraße vor tausenden Galaxien, die auf eine leuchtende Massenkonzentration im All zuströmen

Unsere Milchstraße steht nicht still. Während du das hier liest, rast sie mit rund 600 Kilometern pro Sekunde durch den Kosmos — das sind etwa 2,2 Millionen Stundenkilometer, und die ganze Galaxie fliegt in eine ganz bestimmte Richtung. Das Ziel liegt hinter dem dichten Sternenband unserer eigenen Milchstraße verborgen und trägt einen fast dramatischen Namen: der Große Attraktor. Etwas zieht dort mit der Kraft von zehntausenden Galaxien an uns.

Stimmt das wirklich — 600 Kilometer pro Sekunde?

Ja, und die Zahl stammt nicht aus einer Schätzung, sondern aus einer der präzisesten Messungen der Kosmologie. Der Beweis steckt in der kosmischen Hintergrundstrahlung, dem schwachen Nachglühen des Urknalls, das aus allen Richtungen auf uns trifft. Diese Strahlung ist auf einer Seite des Himmels minimal wärmer und auf der gegenüberliegenden minimal kälter — ein sogenannter Dipol. Genau dieser winzige Temperaturunterschied verrät, dass unsere Lokale Gruppe sich mit rund 600 bis 630 Kilometern pro Sekunde zusätzlich zur normalen Ausdehnung des Universums bewegt.

Die Richtung zeigt in die Sternbilder Norma und Triangulum Australe am Südhimmel. Entdeckt wurde dieser gemeinsame Sog in den 1980er-Jahren von sieben Astronomen, die sich selbst scherzhaft die „Seven Samurai“ nannten. Sie vermaßen rund 400 elliptische Galaxien und stellten fest: Die strömen alle koordiniert in dieselbe Ecke des Himmels — auf eine bis dahin unbekannte Massenkonzentration zu. Alan Dressler gab ihr 1986 den Namen, der bis heute hängen geblieben ist.

Warum zieht der Große Attraktor so stark?

Weil dort schlicht sehr viel Masse auf engem Raum sitzt. Die frühen Schätzungen sprachen von einer Konzentration in der Größenordnung von 10.000.000.000.000.000 Sonnenmassen — also rund zehntausend Mal die Masse unserer eigenen Milchstraße, gebündelt in einer Region etwa 150 bis 250 Millionen Lichtjahre entfernt. Schwerkraft wirkt über solche Distanzen hinweg, und je mehr Masse ein Punkt versammelt, desto stärker krümmt er den Raum und desto entschiedener strömt alles in seine Richtung.

Das eigentlich Verrückte daran: Wir können den Großen Attraktor kaum direkt sehen. Er liegt in der sogenannten Zone der Vermeidung — genau hinter der Scheibe unserer eigenen Milchstraße. Staub, Gas und Millionen Vordergrundsterne verschlucken das Licht der dahinter liegenden Galaxien. Erst mit Röntgen-, Radio- und Infrarotteleskopen ließ sich durch diesen Vorhang blicken. Dabei tauchte als Herzstück der Norma-Galaxienhaufen auf (Katalognummer Abell 3627), rund 220 Millionen Lichtjahre entfernt, gefüllt mit hunderten Galaxien und heißem, röntgenleuchtendem Gas.

Noch verrückter: Es zieht nicht nur — es schiebt auch

Lange galt der Große Attraktor als die Erklärung. Doch je genauer die Karten wurden, desto klarer zeigte sich: Er ist nur eine Zwischenstation. 2014 fassten Astronomen um R. Brent Tully unsere kosmische Nachbarschaft zu einem gigantischen Superhaufen zusammen — Laniakea, hawaiianisch für „unermesslicher Himmel“, rund 520 Millionen Lichtjahre breit und Heimat von etwa 100.000 Galaxien. Der Große Attraktor ist darin so etwas wie der Talgrund, in den alles hineinfließt. Und dahinter zieht noch etwas Größeres: der Shapley-Superhaufen, rund 700 Millionen Lichtjahre entfernt und die massereichste bekannte Struktur im nahen Universum.

2017 kam der letzte, überraschende Baustein dazu. Ein Team um Yehuda Hoffman zeigte in Nature Astronomy, dass wir nicht nur gezogen, sondern auch geschoben werden. Auf der dem Shapley-Haufen gegenüberliegenden Seite klafft eine riesige, fast leere Region — der „Dipole Repeller“, ein Leerraum von etwa 400 Millionen Lichtjahren Größe. Wo kaum Masse ist, fehlt Anziehung, und der Überschuss an Schwerkraft von der anderen Seite wirkt wie ein sanfter Schubser. Ziehen und Schieben zusammen ergeben genau die 600 km/s, die uns die Hintergrundstrahlung verraten hat.

Und die vielleicht demütigendste Pointe: Ankommen werden wir dort wohl nie. Die beschleunigte Ausdehnung des Universums treibt die fernsten dieser Strukturen schneller von uns weg, als unsere Reise sie einholen kann. Wir fliegen mit Millionen Stundenkilometern auf ein Ziel zu, das der Kosmos uns gleichzeitig entzieht.

Quellen

Häufige Fragen

Was ist der Große Attraktor?

Eine gewaltige Massenkonzentration rund 150 bis 250 Millionen Lichtjahre entfernt im Sternbild Norma, deren Schwerkraft die Milchstraße und tausende weitere Galaxien anzieht.

Wie schnell bewegt sich die Milchstraße auf ihn zu?

Unsere Lokale Gruppe bewegt sich mit rund 600 bis 630 Kilometern pro Sekunde relativ zur kosmischen Hintergrundstrahlung — etwa 2,2 Millionen Stundenkilometer.

Warum kann man den Großen Attraktor kaum sehen?

Er liegt in der Zone der Vermeidung genau hinter der Scheibe unserer Milchstraße. Staub und Sterne verdecken die Sicht, deshalb braucht es Röntgen-, Radio- und Infrarotteleskope.

Zieht der Große Attraktor allein, oder gibt es mehr?

Er ist nur eine Zwischenstation. Dahinter zieht der massereichere Shapley-Superhaufen, und ein riesiger Leerraum, der Dipole Repeller, schiebt uns zusätzlich aus der Gegenrichtung.

Werden wir den Großen Attraktor jemals erreichen?

Vermutlich nicht. Die beschleunigte Ausdehnung des Universums trägt die fernsten dieser Strukturen schneller davon, als unsere Bewegung sie einholen kann.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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