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Teekannen-Effekt: Warum die Kanne beim Gießen tropft

Tee läuft beim langsamen Gießen an der Tülle der Kanne herab statt in die Tasse

Wer eine Kanne langsam neigt, kennt das Ergebnis: Statt sauber in die Tasse zu fließen, kriecht ein dünner Rinnsal an der Tülle nach unten und landet auf dem Tisch. Schuld ist der Teekannen-Effekt – ein winziger Tropfen, der an der Kante klebt und den ganzen Strahl umlenkt. Er tritt nur unterhalb einer bestimmten Gießgeschwindigkeit auf. Gießt du schneller, bleibt der Strahl frei.

Stimmt das wirklich?

Ja – und es ist keine Frage von schlechter Handwerkskunst, sondern von Strömungsphysik. Ein Forschungsteam der TU Wien um Bernhard Scheichl hat den Effekt 2021 erstmals vollständig theoretisch beschrieben und im Journal of Fluid Mechanics veröffentlicht. Die Physiker gossen Wasser mit unterschiedlichen Durchflussraten aus einer geneigten Kanne und filmten den Ausguss mit Hochgeschwindigkeitskameras.

Das Ergebnis: Unterschreitet der Fluss eine kritische Geschwindigkeit, benetzt die Flüssigkeit die Unterkante der Tülle – und ab da rinnt sie an der Außenwand herab. Oberhalb dieser Schwelle löst sich der Strahl sauber ab. Es gibt also eine echte Kippschwelle, keinen fließenden Übergang.

Warum ist das so?

Der Effekt entsteht aus dem Zusammenspiel dreier Kräfte:

  • Trägheit: Die Flüssigkeit will ihre Richtung beibehalten – also geradeaus von der Kante wegfliegen.
  • Kapillarkräfte: Sie bremsen die Flüssigkeit an der Tüllenkante ab und halten einen winzigen Tropfen direkt an der Kante fest.
  • Zähigkeit (Viskosität): Die innere Reibung der Flüssigkeit wirkt dabei mit.

Ist der Strahl langsam, gewinnen die Kapillarkräfte: Der Tropfen an der Kante bleibt hängen, benetzt die Unterseite und lenkt die nachfolgende Flüssigkeit um die Kante herum nach unten. Bei hoher Geschwindigkeit überwiegt die Trägheit – der Strahl schießt geradeaus weg und reißt sauber ab.

Entscheidend ist der Kontaktwinkel zwischen Kannenwand und Flüssigkeitsoberfläche: Je kleiner dieser Winkel, je „wasserfreundlicher“ also das Material, desto stärker wird das Ablösen gebremst und desto eher tropft es.

Noch verrückter: Die Schwerkraft ist fast egal

Man würde meinen, das Herabrinnen sei reine Schwerkraft. Ist es nicht. Die Berechnungen zeigen, dass die Schwerkraft nur die Richtung vorgibt, in die der umgelenkte Strahl fällt – nicht, ob der Effekt überhaupt auftritt. Auf einer Mondbasis würde eine Kanne also genauso tropfen wie auf der Erde. Nur in echter Schwerelosigkeit bliebe der Tisch trocken.

Der Name ist übrigens älter als seine Erklärung. Der Rheologe Markus Reiner prägte den Begriff „Teekannen-Effekt“ bereits 1956. Er führte ihn damals auf das Bernoulli-Prinzip zurück – schneller strömende Flüssigkeit erzeuge einen Unterdruck, der sie an die Tülle sauge. Diese Deutung hielt sich jahrzehntelang, greift aber zu kurz: Ohne die Kapillarkräfte an der benetzten Kante gäbe es den Effekt nicht.

Was gegen das Tropfen hilft

Aus der Physik lassen sich handfeste Tricks ableiten:

  • Zügig gießen: Wer über die kritische Geschwindigkeit kommt, hält den Strahl frei.
  • Scharfe Ausgusskante: Eine dünne, scharfe Tüllenkante („Abrisskante“) gibt der Flüssigkeit keine Fläche zum Benetzen. Gute Kannen und Weinkaraffen sind genau so geformt.
  • Wasserabweisendes Material: Hydrophobe Oberflächen wie Teflon vergrößern den Kontaktwinkel und unterdrücken den Effekt.
  • Tülle leicht nach oben ansetzen: Dann muss die Flüssigkeit erst „bergauf“ kriechen, um an der Außenwand herabzurinnen.

Quellen

  • B. Scheichl et al., „Developed liquid film passing a trailing edge under the action of gravity and capillarity“, Journal of Fluid Mechanics, September 2021 – TU Wien, Pressemeldung „Warum Teekannen immer tropfen“.
  • M. Reiner (1956), Prägung des Begriffs „Teapot Effect“; J. B. Keller, Journal of Applied Physics (1957).

Häufige Fragen

Was ist der Teekannen-Effekt?

Er beschreibt, dass Flüssigkeit beim langsamen Gießen nicht sauber in die Tasse fließt, sondern an der Tülle herab an die Außenwand der Kanne läuft.

Warum tropft die Kanne nur beim langsamen Gießen?

Bei langsamem Fluss überwiegen die Kapillarkräfte an der Kante und halten einen Tropfen fest. Gießt man über eine kritische Geschwindigkeit, reißt der Strahl durch die Trägheit sauber ab.

Spielt die Schwerkraft eine Rolle?

Kaum. Laut TU-Wien-Studie bestimmt die Schwerkraft nur die Richtung des umgelenkten Strahls, nicht ob der Effekt auftritt. Er würde auch auf dem Mond auftreten.

Wie verhindert man das Tropfen?

Zügig gießen, eine scharfe Abrisskante an der Tülle nutzen, wasserabweisendes Material wie Teflon verwenden oder die Tülle leicht nach oben ansetzen.

Wer hat den Teekannen-Effekt erforscht?

Den Begriff prägte 1956 der Rheologe Markus Reiner. Eine vollständige physikalische Erklärung lieferte 2021 ein Team der TU Wien um Bernhard Scheichl im Journal of Fluid Mechanics.

Über den Autor
Behla

Hinter derBehla steckt Marcel: neugieriger Faktensammler und Familienvater. Ich sammle Wahrheiten, die wie erfunden klingen — und prüfe jede an ihrer Quelle, bevor sie hier landet.

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