Legt man den Fingerabdruck eines Koalas neben deinen, scheitern selbst Forensiker mit dem Mikroskop daran, beide sicher auseinanderzuhalten. Die wirbeligen Rillen auf den Fingerkuppen der Beuteltiere sehen aus wie unsere – Schleifen, Wirbel, Bögen, alles dabei. Und der Koala teilt dieses Merkmal mit kaum einem anderen Tier außerhalb der Primaten. Wie kommt ein australisches Beuteltier zu Fingerabdrücken wie ein Mensch?
Stimmt das wirklich?
Ja. Aufgefallen ist es Mitte der 1990er dem Anatomen Maciej Henneberg, Professor für anthropologische und vergleichende Anatomie an der University of Adelaide. Als er Koalas in einem Wildpark bei Adelaide untersuchte, entdeckte er auf ihren Fingern feine Hautrillen – sogenannte Dermatoglyphen – die sich von menschlichen praktisch nicht unterscheiden ließen. Sein Team hielt die Koalas damit für das einzige bekannte Nicht-Primaten-Tier mit echten Fingerabdrücken. Selbst bei genauer Betrachtung unter dem Mikroskop, so Henneberg, seien die Muster kaum von unseren zu trennen.
Warum ist das so?
Der verblüffende Teil: Koalas und Menschen sind nicht nah verwandt. Unsere Entwicklungslinien trennten sich vor rund 70 Millionen Jahren. Die Fingerabdrücke sind also nicht geerbt, sondern zweimal unabhängig entstanden – ein Musterbeispiel für konvergente Evolution, bei der stammesfern verwandte Arten dieselbe Lösung für dasselbe Problem finden.
Und das Problem heißt Greifen. Koalas klettern senkrecht an dünnen Eukalyptuszweigen hoch, greifen ganze Handvoll Blätter, ziehen sie heran und führen sie zum Mund. Feine Hautrillen erhöhen die Reibung an glatten Zweigen, verbessern den Halt und machen die Fingerkuppen tastempfindlicher. Genau dafür sind auch unsere Fingerabdrücke gut. Dass ausgerechnet der Koala sie besitzt, seine nächsten Verwandten wie Kängurus und Wombats aber nicht, spricht dafür: Er hat sie erst spät und für sich allein entwickelt.
Noch verrückter
Henneberg wies schon 1996 auf eine kuriose Konsequenz hin: Fände sich ein Koala-Abdruck an einem Tatort, könnte ein Ermittler ihn glatt für menschlich halten. Er nannte das zwar „äußerst unwahrscheinlich“, empfahl der Polizei aber, die Möglichkeit wenigstens zu kennen. Einen belegten Fall, in dem Koala-Spuren tatsächlich eine Ermittlung durcheinandergebracht haben, gibt es bis heute nicht – die oft erzählte Krimi-Version ist also überspitzt. Was bleibt, ist echt genug: Die Rillenmuster – Wirbel, Schleifen, Bögen – und ihr Abstand gleichen unseren so sehr, dass die Natur hier zweimal fast denselben Fingerabdruck erfunden hat. Koala-Abdrücke fallen nur meist etwas kleiner und ovaler aus.
Quellen
- Maciej Henneberg et al., University of Adelaide, „Fingerprints of a chimpanzee and a koala“ – Studie zu tierischen Dermatoglyphen (1990er).
- NOVA / PBS: „Koalas have fingerprints almost identical to ours“.
- Snopes: Faktencheck zur Behauptung, Koala-Abdrücke hätten Tatorte verwirrt.
Häufige Fragen
Haben Koalas wirklich Fingerabdrücke wie Menschen?
Ja. Koalas besitzen feine Hautrillen (Dermatoglyphen) auf den Fingerkuppen, die menschlichen Fingerabdrücken so ähneln, dass sie selbst unter dem Mikroskop kaum zu unterscheiden sind.
Wer hat die Fingerabdrücke der Koalas entdeckt?
Der Anatom Maciej Henneberg von der University of Adelaide bemerkte sie Mitte der 1990er Jahre und beschrieb Koalas als einziges bekanntes Nicht-Primaten-Tier mit echten Fingerabdrücken.
Warum haben Koalas überhaupt Fingerabdrücke?
Die Rillen verbessern den Halt beim Klettern und Greifen von Eukalyptuszweigen und machen die Finger tastempfindlicher. Sie entstanden unabhängig von den unseren – ein Fall konvergenter Evolution.
Können Koala-Abdrücke bei der Polizei für Verwechslung sorgen?
Theoretisch könnte ein Ermittler einen Koala-Abdruck für menschlich halten. Einen belegten Kriminalfall, in dem das passiert ist, gibt es aber nicht – die Geschichte ist überspitzt.
Haben Kängurus und Wombats auch Fingerabdrücke?
Nein. Die nahen Verwandten des Koalas haben keine Fingerabdrücke. Das spricht dafür, dass der Koala dieses Merkmal erst spät und eigenständig entwickelt hat.
